Hans-Dieter Sill, 22.03.2025
Analysen zu den Wörtern Prozess, Vorgang und Zustand
Inhalt
Beziehungen der Begriffe Vorgang und Zustand
Vorbemerkungen
Die Wörter Zustand und Vorgang bzw. Prozess sind eine Grundlage für dynamische Betrachtungen. Vorgang und Prozess werden oft als synonym angesehen, die folgenden Analysen weisen aber auf einige Unterschiede hin, die für eine Bevorzugung des Wortes Vorgang sprechen.
Zu Ermittlung der Bedeutungen der Wörter im Alltag wird das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache (www.dwds.de/) verwendet (DWDS). Um einen Eindruck von der Häufigkeit der Verwendung des Wortes im Alltag zu bekommen wird für die Jahre 2016-2020 die Häufigkeit pro 1 Million Token (normierte Häufigkeit) im DWDS- Zeitungskorpus sowie Kollokationen mit anderen Wörtern angegeben.
Als weitere Quelle zur Bedeutung von Wörtern wird das Deutsche Universalwörterbuch (2023) (DUW) herangezogen
Um die Bedeutungen der Wörter in der Philosophie genauer zu analysieren, werden die folgenden Wörterbücher und Enzyklopädien verwendet. Sie liegen auch in elektronischer Form vor, wodurch eine Suche nach den Wörtern im gesamten Text möglich ist.
- Ritter u. a. (2007): Historisches Wörterbuch der Philosophie (HWPh)
- Sandkühler (2010): Enzyklopädie Philosophie (EPh)
- Prechtl und Burkard (2008): Metzler Lexikon Philosophie (MLPh)
Mit den jeweiligen Suchfunktionen wird im Volltext nach den betreffenden Wörtern gesucht und es wird die Anzahl der jeweiligen Ergebnisse absolut und (in Klammern) pro 100 Seiten (normierte Häufigkeit) angegeben.
Weitere Informationen zu den Wortanalysen und Auswahlkriterien sind auf der Seite „Zur Bestimmung grundlegender Begriffe“ (https://philosophie-neu.de/ueberlegungen-zur-bestimmung-grundlegender-termini/) enthalten.
Prozess
Alltagssprache
Literaturanalysen
DWDS
Normierte Häufigkeit: 66,3
Kollokationen: fortsetzen (8.4, 9176), beginnen (8.3, 22629), nürnberger (7.6, 3849), langwierig (7.5, 3352), demokratisch (7.2, 4537)
Bedeutungen:
1. [Recht] auf eine richterliche Entscheidung zielendes streitiges, gerichtliches Verfahren; Bsp.: der laufende, faire Prozess; jmdm. den Prozess machen; einen Prozess führen, anstrengen, gewinnen, verlieren; es kommt zu einem Prozess;
2. über einen bestimmten Zeitraum (in einer technischen Anlage, in der Gesellschaft o. Ä.) sich vollziehender, allmählich entwickelnder, oft auf ein bestimmtes Ergebnis hinauslaufender, zielender Vorgang, fortschreitender Verlauf; Bsp.: der politische, demokratische, historische, langwierige Prozess; der chemische Prozess; einen Prozess beschleunigen, begleiten, einleiten, unterstützen; in einen Prozess eingebunden werden; der Prozess der Integration
Etymologie:
mhd. process ‘Erlaß, gerichtliche Entscheidung’, frühnhd. auch ‘Gerichtsverfahren’ (15. Jh.), als Rechtsterminus entlehnt aus mlat. processus ‘Rechtshandlung, gerichtliches Vorgehen, gerichtliche Entscheidung, Gerichtsverfahren’, auch ‘Handlungsweise, Vorgehen’, lat. prōcessus ‘das Vorwärts-, Fortschreiten, Verlauf, (erfolgreicher) Fortgang, Wachstum’, Verbalabstraktum zu lat. prōcēdere (prōcessum) ‘vorwärts gehen, vorankommen, Fortschritte machen, vonstatten gehen’; vgl. lat. cēdere ‘einhergehen, vonstatten gehen’. Prozeß in der besonders in den Naturwissenschaften üblichen Bedeutung ‘Vorgang, Verlauf’ (zuerst 1528 bei Paracelsus vom Ablauf chemischer Reaktionen, verbreitet seit dem 19. Jh.) knüpft wie das wenig später aufkommende gleichbed. mfrz. frz. procès semantisch unmittelbar an lat. prōcessus an.
DUW
Prozess: 1. vor einem Gericht ausgetragener Rechtsstreit: einen Prozess verlieren; * jmdm. den Prozess machen; [mit jmdm., etw.] kurzen Prozess machen (1. ugs.; energisch, rasch, ohne große Bedenken u. Rücksicht auf Einwände [mit jmdm., etw.] verfahren. 2. salopp; jmdn. skrupellos töten). 2. sich über eine gewisse Zeit erstreckender Vorgang, bei dem etw. [allmählich] entsteht, sich herausbildet: ein chemischer Prozess; ein Prozess gegenseitiger Annäherung; der Prozess ist abgeschlossen.
Auswertungen
In der Alltagssprache wird das Lexem „Prozess“ häufig verwendet. Nach dem DWDS und DUW hat es übereinstimmend folgende Bedeutungen:
- vor einem Gericht ausgetragener Rechtsstreit
- über einen bestimmten Zeitraum sich vollziehender Vorgang, fortschreitender Verlauf, der
- sich allmählich entwickelt,
- oft auf ein bestimmtes Ergebnis zielt, hinausläuft.
Etymologisch hat sich zuerst die Bedeutung 1 herausgebildet: „mhd. process ‘Erlaß, gerichtliche Entscheidung’, frühnhd. auch ‘Gerichtsverfahren’ (15. Jh.), als Rechtsterminus“, die aber auch die bedeutung hatte: „‘Handlungsweise, Vorgehen’, lat. prōcessus ‘das Vorwärts-, Fortschreiten, Verlauf, (erfolgreicher) Fortgang, Wachstum’“. Im 19 Jahrhundert entstand dann „die besonders in den Naturwissenschaften üblichen Bedeutung ‘Vorgang, Verlauf’ (zuerst 1528 bei Paracelsus vom Ablauf chemischer Reaktionen, verbreitet seit dem 19. Jh.)“ (DWDS).
Wie die signifikanten Kollokationen mit „beginnen“, „langwierig“, „fortsetzen“ und „nürnberger“ zeigen, wird das Wort vor allem in seiner Bedeutung 1 als gerichtliches Verfahren verwendet, die Kollokation mit „demokratisch“ bezieht sich auf 2.
Viele der Erklärungen und angegebenen Beispiele für Prozess beziehen sich auf das Wort „Vorgang“ (gesetzmäßig verlaufender Vorgang, Informationsverarbeitungsvorgang, Gesamtheit der Vorgänge in einer technischen Anlage, chemischer Reaktionsvorgang).
Philosophie
Literaturanalysen
HWPh
2807 (32,7) Ergebnisse; Stichwort „Prozess“, Autoren: Kurt Röttgers (2007) (I.), Jan P. Beckmann (2007) (II.)
Aus I.:
- Der allgemeine und geschichtsphilosophische Begriff des Prozesses., wie er uns bei Hegel begegnet, stammt weder aus der juristischen Prozess-Literatur, noch aus der Logik, sondern, über die Naturphilosophie Hegels und der Romantik vermittelt, aus der Chemie (Bd. 7, S. 1548).
- Eine Verbindung des juristischen und naturphilosophischen Prozess-Begriffs findet sich erstmals bei NOVALIS; ja er faßt die Idee einer Theorie des «Allgemeinen Prozesses». Novalis verwendet auch als erster die Redeweise «Prozess der Geschichte». Diese Übertragung der Begrifflichkeit des Prozesses «auf das ganze Universum» wird auch von RITTER legitimiert und von SCHELLINGS Begriff des «absoluten Prozesses» eingefangen (Bd. 7, S. 1549-1550).
- Bei ihm [Hegel] tritt von Anfang an auch der Begriff des «absoluten Prozesses» auf. Neu dagegen ist seine Begriffsprägung eines «theoretischen Prozess» (gemeint ist damit der Prozess der sinnlichen Empfindung). Verlassen wird die naturphilosophische Vermitteltheit des Prozess-Begriffs bei Hegel erst dadurch, daß er dem theoretischen Prozess einen «praktischen Prozess» zur Seite stellt. «Der theoretische Proceß geht in den praktischen Proceß über, in welchem sich das Bewußtseyn ebenso zur Totalität macht», indem der Werkzeuggebrauch und damit der Entwurf zum Konstituens des praktischen Prozesses wird. … identifiziert Hegel erstmals «Bewegung» und «Prozess» kurzerhand; für beide Begriffe bedeutet das eine Entspezifizierung. Zunehmend aber wird der Prozess-Begriff bei Hegel nicht nur entspezifiziert und globalisiert (Erde als «System von Bewegung und Prozess»; Begriff des «totalen Prozesses», des «absoluten Prozesses»), sondern daneben auch spiritualisiert. Der «Gang» des Geistes durch Begriffe, Prozesse und Individualitäten stellt sich nun selbst als ein Prozess dar (Bd. 7, S. 1550).
- Seit 1807 (Phänomenologie des Geistes) wird der Prozess-Begriff mit der Dialektik in Verbindung gebracht. Nun wird Negativität zum «Prinzip des Prozesses» erklärt. Damit hat sich allerdings auch das Rittersche Triplizitätsschema der Interpretation der Prozess-Organisation vorläufig durchgesetzt. Indem nun der dialektische Prozess zum Schema der Methode geworden ist, ist alle wahre Erkenntnis solche, die den Gegenstand als Prozess begreift: «… die Natur begreifen heißt, sie als Prozess darstellen». Die methodische Präsupposition, die sich den Prozess-Begriff auferlegt hat, bewirkt, daß die Gesamtheit des Gangs des Geistes (in Natur und Geschichte) unter die Maxime der Darstellung als Prozess gestellt wird. Erst unter dieser Rahmenvoraussetzung bezeichnet Hegel die Stufen der Weltgeschichte als «Grundprinzipien des allgemeinen Prozesses» (Bd. 7, S. 1550).
- Bald jedoch taucht dieser Begriff auch in der eigentümlich Marxschen Form auf als «gesellschaftlicher Produktions-Prozess» mit der Doppelbedeutung des Prozesses der Produktion, die unter sozialen Bedingungsfaktoren steht, sowie des Prozesses, mittels dessen sich Gesellschaft produziert und reproduziert. Am Begriff des Zirkulations-Prozesses stellt Marx dar, wie diese Doppelheit «nicht in zwei isolierte Prozesse zerfällt», sondern in dialektischer Weise «zugleich ihre bewegte Einheit darstellt. … Wie die Natur-Prozesse endet auch der Arbeits-Prozess mit einem Resultat: «Der Prozess erlischt im Produkt» (Bd. 7, S. 1553).
- FREUD, der sehr frühzeitig eine Rechtsmetaphorik des Prozesses auf Natur-Prozesse angewandt hatte («Ich werde Einsicht nehmen in die Jahrtausende alten Akten der Natur, vielleicht selbst ihren ewigen Prozess belauschen …»), spricht später in solchen Zusammenhängen nur noch von «Vorgängen», (Bd. 7, S. 1556).
- HARTMANN setzt den Prozess-Begriff in eine Korrelation zum Formbegriff: «Das Leben ist überall und in jeder Hinsicht ebenso sehr Form als Prozess». Allerdings räumt Hartmann sofort dem Prozess eine vorrangige Position ein: «Die Form hat ihre Bedingungen, aus denen sie sich erbaut, im Prozess». Wir kennen die lebendige Form nicht anders als im Prozess begriffen und im Prozess entstehend. So ist der Prozess das konstitutive Prius. In der Erkenntnis freilich hat man oft umgekehrt von der Form auszugehen, weil sie einfacher zugänglich erscheint, der Prozess ist «verborgen» (Bd. 7, S. 1557).
Aus II.:
- Zur Fundamentalkategorie wird der Prozess-Begriff im Denken von A. N. WHITEHEAD … Danach ist die Welt ein Prozess-Ganzes, welches in einer fortwährenden Entwicklung begriffen ist [3]. Unter Prozess versteht Whitehead nicht einen Vorgang, der ‚an oder ‚in als solchen prozeßfreien Dingen abläuft; das eigentlich Wirkliche ist vielmehr der Prozess selbst («The reality is the process»). Das Sein der ‚Dinge ist mit ihrem Werden identisch, es gibt nur Werdendes, nicht Dinge ‚im Werden. Wie etwas entsteht, ist konstitutiv dafür, was etwas ist. Whitehead nennt dies das «Prozess-Prinzip (Bd. 7, S. 1558).
- Diese Auffassung Whiteheads erklärt sich auf dem Hintergrund seiner Ablehnung der Auffassung von der Natur als etwas Statischem und den Dingen als isolierbaren, in sich prozeßfreien Substanzen mit wechselnden Eigenschaften (Bd. 7, S. 1559).
- Dieses Modell der Wirklichkeit als eines Nebeneinander in sich prozeßfreier, rein äußerlich aufeinander bezogener, im Rezeptakulum von Raum und Zeit befindlicher Dinge ist nach Whitehead mit den Erkenntnissen der modernen Physik, nach denen die Dinge ‚im Raum Modifikationen von physikalischen Feldern sind, nicht in Einklang zu bringen (Bd. 7, S. 1559).
- Der Prozess-Begriff findet somit dreifach Verwendung: zum einen in der Erklärung der Natur, welche ein Prozess-Ganzes ist, zum zweiten im Hinblick auf die Erklärung der Wirklichkeit, welche in der Konkretisierung aktualer Einzelwesen besteht, und schließlich in der Erfassung, mit deren Hilfe die Vielheit des Möglichen zur Einheit des Wirklichen wird. Allen drei Anwendungen des Prozess-Begriffs ist der Umstand gemeinsam, daß Prozess und Realität in einem wechselseitigen Implikationsverhältnis stehen (Bd. 7, S. 1560).
Weitere Zitate
- Abstraktion heißt, gemäß der einen Auffassung, jener psychische Prozeß, durch den wir zu Universalien als den Allgemeinbegriffen gelangen (Bd. 1, S. 59).
- Zur Beschreibung «dialektischer» Phänomene benutzt Engels vier Kategoriengruppen: Zusammenhang (Verkettung, Wechselwirkung); Gegensatz (Widerstreit, Widerspruch); Bewegung (Prozeß, Geschichte, Umbildung, Entwicklung, Aufstieg vom Niederen zum Höheren, Fluß, Leben, Entstehen und Vergehen, fort- und rückschreitende Veränderung, Kreislauf); Dauer (ohne Ende, unaufhörlich, fortwährend, rastlos, stetig, ewig) (Bd. 2, S. 206).
EPh
1097 (34,2) Ergebnisse; Es gibt das Stichwort „Prozess“, Autor: Kurt Röttgers (2010), das u. a. folgende Gedanken enthält:
- Als Prozess kann in der heutigen Allgemeinsprache jeder Vorgang bezeichnet werden, in dem sich irgendeine Veränderung ereignet (S. 2163bu).
- Konsequent durchgeführt wird dieser Übergang [zum naturwissenschaftlichen Prozessbegriff] allerdings erst in den naturphilosophischen Deutungen der Beobachtungen von Galvani und Volta durch Alexander von Humboldt und J. W. Ritter. A. v. Humboldt schreibt: »Das Hauptobjekt der vitalen Chemie ist der chemische Prozess des Lebens. Mit diesen Worten bezeichne ich die bestimmte Folge von Veränderungen, welche in den Bestandteilen der erregten Materie vorgehen und in welchen die Lebensäußerungen gegründet sind.« (S. 2165).
- Nunmehr spricht Hegel vom ›Prozess der Welt‹, der sich so darstellt, »dass dasselbe einmal Inhalt, Passives gegen ein Anderes, das andremal selbst Tätiges gegen ein anderes Passives war, und dieses aus seiner Differenz in sich zurückkehrt, und so selbst in der Form eines auf sich selbst Bezogenen ist.« Hegels Metaphysik wird so zu einer Prozessmetaphysik der sich selbst erhaltenden Prozesse. … Im Grunde ist für Hegel Zeit nichts anderes als der abstrakte Prozess, oder der Prozess nichts anderes als die konkrete Gestalt der Zeit (S. 2167).
- In einer Anmerkung zur franz. Ausgabe von Das Kapital gibt Marx Rechenschaft über seinen eigenen Prozessbegriff. Prozess bedeute »eine Entwicklung«, »die im Gesamtzusammenhang ihrer realen Bedingungen betrachtet wird.« (S. 2167).
- Die Emergenz einer solchen Prozessphilosophie hat in der Ontologie die Frage aufgeworfen, ob die Grundkategorien solche der Dinge oder Substanzen seien, die dann in Prozesse eintreten, oder ob die Grundkategorien Prozesse seien, aus denen Dinge und Substanzen hervorgehen (S. 2168).
- Sowohl an Prozessen als auch an Relationen orientierte Theoriebildungen unterlaufen an Dingen, Substanzen oder anderen statischen Elementen ausgerichtete Theorien; es bleibt aber eine diskussionsbedürftige Frage, ob diese beiden ontologischen Alternativen sich ausschließen oder nicht vielmehr an den Vorbildern Hegel und Marx anschließende einander ergänzende Aspekte darstellen (S. 2168b).
MLPh
256 (36,3) Ergebnisse; Im Stichwort „Prozess“, Autor: Alexander Grau (2008) sind u. a. folgende Gedanken enthalten.
- Prozess, die Aufeinanderfolge verschiedener Zustände und Handlungen, wobei ein Zustand kausal aus dem anderen hervorgeht. (S. 489)
- Bei Hegel wird der Prozess-Begriff seines naturphilosophischen Gehaltes entkleidet und gewinnt vor allem geist- und geschichtsphilosophisch an Gewicht (Dialektik) (S. 490).
- Im 20. Jh. hat Whitehead den Prozess-Begriff im Rahmen seiner Kosmologie wieder als Fundamentalkategorie eingeführt. Für ihn ist das Universum als fortwährend sich entwickelndes Prozess-Ganzes zu verstehen, der Prozess ist die gesamte Wirklichkeit (S. 490).
- In der Erkenntnistheorie betont der Prozess-Begriff vor allem den dynamischen Charakter von Erkenntnis. Im Anschluss an Kant wird deutlich, dass Erkenntnis einen infiniten Prozess darstellt. Jeder vermeintliche Abschluss eines Erkenntnisprozesses scheitert an der Verfasstheit menschlichen Erkenntnisvermögens. In diesem Sinne ist der Prozess-Charakter der Erkenntnis vor allem durch Poppers Begriff der Falsifikation in diesem Jh. erneut unterstrichen worden (S. 490).
Im Stichwort „Prozessphilosophie“, Autor: Rolf-Jürgen Lachmann, sind u. a. folgende Gedanken enthalten.
- Prozessphilosophie, Bezeichnung für die ontologische Position, dass »Sein« kein passives und gleichbleibendes Beharren, sondern prozessual verfasst ist (S. 490).
- Nach Whitehead ist alles Seiende als Prozess oder als Bestandteil von Prozessen aufzufassen. … Jedes Seiende ist das, was es ist, wesentlich aufgrund seiner Relationen zu anderem Seienden. Jedes Seiende ist essentiell durch seine Umgebung konditioniert und gewinnt seine Realität aufgrund der Verarbeitung dieser Relationen. … Das prozessuale Geschehen ist aber kein formloses Werden, sondern hat die Gestalt von Prozesseinheiten, die Whitehead »aktuale Entitäten« (actual entities) nennt. Aktuale Entitäten sind die letzten realen Dinge, aus denen die Wirklichkeit besteht. Diese Behauptung drückt das »ontologische Prinzip« aus. In Bezug auf die aktualen Entitäten lautet das »Prozessprinzip«, dass ihr Sein durch ihr Werden konstituiert wird. Aktuale Entitäten haben folgende allgemeine Struktur: (1) Sie entstehen ausgehend von den Ergebnissen anderer ihnen vorausgehender und sie verursachender aktualer Entitäten. … (2) Die Anfangsphase geht in einen Vorgang des Zusammenwachsens, der »Konkreszenz« über. Hier wird der Modifikations- und Integrationsvorgang der angeeigneten Daten weitergeführt. … (3) Mit der Bildung eines einheitlichen die Daten verbindenden Musters kommt die Konkreszenz an ihr Ende (S. 490).
- Die erste Formulierung der Prozessphilosophie findet sich bei Heraklit. Nach ihm ist alles Seiende permanent »im Fluss« und in unaufhörlicher Veränderung. Der Seinsgrund der Dinge wird nicht als gleichbleibende Substanz, sondern als ein »ewig lebendiges« und sich permanent änderndes »Feuer« verstanden. Alle Dinge sind das Ergebnis seines Wirkens. Wenn man den Gedanken der »internen Relationen« als die zentrale prozessphilosophische Position ansieht, so besteht in Hegels Philosophie eine wichtige Vorbereitung (S. 491).
Weitere Zitate
- Die Erkenntnistheorie ist demnach nicht als empirische Wissenschaft durchführbar. Denn ihre Fragen zielen nicht auf irgendwelche Ereignisabfolgen oder Verlaufsformen psychischer oder mentaler Prozesse, d.h. sind keine denkpsychologischen Tatsachenfragen, sondern müssen als Begründungs- und Geltungsfragen verstanden werden (Kant, Popper) (S. 152).
- Die theoretischen Begriffe werden aus einer Rekonstruktion jener Prozesse, durch welche die sinnhaft strukturierte Wirklichkeit produziert wird, gewonnen (S. 157).
- Nach der Evolutionstheorie ist die biologische bzw. organismische Evolution durch zwei gekoppelte Prozesse gekennzeichnet, die Transformation und die Diversifikation (S. 172).
- Daher kann sie [die Heuristik] keine systematische Anleitung zur Problemlösung bieten, sondern nur eine Theorie innovativer Prozesse und ihrer Voraussetzungen, … (S. 240).
- So sind im Rahmen der neuen bildgebenden Verfahren neue Messtechniken entstanden, die eine vielfältige Erforschung mentaler Prozesse auf neuronaler Ebene ermöglichen und so den Namen kognitive Neurowissenschaften rechtfertigen (S. 296).
- Sowohl Personen, als auch Prozesse und deren Ergebnisse können als kreativ bezeichnet werden (S. 317).
- Funktionale Prozesse sind danach solche, welche zur Erhaltung der Strukturen beitragen (S. 601).
- Bei Hegel ist das Übergehen in Anderes der dialektische Prozess in der Seinslogik; in der Wesenslogik ist er das Scheinen, in der Begriffslogik dagegen Entwicklung (S. 631).
- Heraklit thematisiert vorrangig den Prozess des ununterbrochenen Werdens und Vergehens (S. 664).
Auswertungen
Tab.: Normierte Häufigkeiten
Lexem | HWPh | EPh | MLPh |
Prozess | 32,7 | 34,2 | 36,3 |
Das Lexem „Prozess“ wird in allen drei Lexika häufig mit fast der gleichen normierten Häufigkeit verwendet.
In den drei Texten werden übereinstimmend folgende Phasen der Herausbildung des philosophischen Prozessbegriffs dargestellt.
- Ausgangspunkt war der um 1300 eingeführte juristische Prozessbegriff, der sich gegen Ende des 14. Jh. in den Rechtswissenschaften allgemein durchgesetzt (Röttgers 2010, 2164b).
- Die zweite Quelle des allgemein gefassten Prozessbegriffs ist der chemische Prozess. Daraus hat sich in Verallgemeinerung der naturwissenschaftliche Prozessbegriff herausgebildet. „A. v. Humboldt schreibt: ‚Das Hauptobjekt der vitalen Chemie ist der chemische Prozess des Lebens. Mit diesen Worten bezeichne ich die bestimmte Folge von Veränderungen, welche in den Bestandteilen der erregten Materie vorgehen und in welchen die Lebensäußerungen gegründet sind.‘“ (Röttgers 2010, 2165)
- Der „Begriff des ›totalen‹ Prozesses und dann wenig später des ›absoluten‹ Prozesses wird zum Schlüsselbegriff, der in den wenigen Jahren von 1798 bis 1808 den Übergang des Prozessbegriffs von einem chemischen über einen naturphilosophischen zu einem allgemeinen metaphysischen Begriff befördert.“ (Sandkühler et al. 2010, S. 2166) Novalis verwendet als erster die Redeweise «Prozess der Geschichte» „In der Phänomenologie des Geistes (1807) wird dann als ›Prinzip des Prozesses‹ die Negativität bestimmt, genauer als »Fürsichsein im Anderssein«. Damit werden Dialektik und Prozessbegrifflichkeit zu verschwisterten Konzepten. Etwas philosophisch darzustellen, und es als Prozess darzustellen werden zu identischen Konzepten. Prozess als Dialektik ist sowohl ein Darstellungsverfahren als auch der Prozess des Sichselbstdarstellens des Geistes.“ (Röttgers 2010, 2167)
- Marx verwendet den Begriff des gesellschaftlichen Produktionsprozesses mit der Doppelbedeutung des Prozesses der Produktion, die unter sozialen Bedingungsfaktoren steht, sowie des Prozesses, mittels dessen sich Gesellschaft produziert und reproduziert. Wie die Natur-Prozesse endet auch der Arbeitsprozess mit einem Resultat: «Der Prozess erlischt im Produkt» (Beckmann 2007, S. 1553). Prozess bedeutet für Marx »eine Entwicklung«, »die im Gesamtzusammenhang ihrer realen Bedingungen betrachtet wird« (Röttgers 2010, 2167).
- Zur Fundamentalkategorie wird der Prozess-Begriff im Denken von A. N. WHITEHEAD. Danach ist „die Welt ein Prozess-Ganzes, welches in einer fortwährenden Entwicklung begriffen ist. Unter Prozess versteht Whitehead nicht einen Vorgang, der ‚an oder ‚in als solchen prozeßfreien Dingen abläuft; das eigentlich Wirkliche ist vielmehr der Prozess selbst («The reality is the process»). Das Sein der ‚Dinge ist mit ihrem Werden identisch, es gibt nur Werdendes, nicht Dinge ‚im Werden.“ (Beckmann 2007, S. 1558). „Allerdings unterläuft er auch den Kausalitätsbegriff, indem er Prozesse nicht als etwas interpretiert, das an einem an sich prozessfreien Ding sich ereignet, vielmehr ist der Prozess das eigentlich Reale. Das können einerseits Übergänge zwischen Ereignissen sein, andererseits Vorgänge des Zusammenwachsens“ (Röttgers 2010, 2168).
Die Auffassungen von Whitehead sind Grundlage der sogenannten Prozessphilosophie. Damit wird die ontologische Position bezeichnet, dass „»Sein« kein passives und gleichbleibendes Beharren, sondern prozessual verfasst ist (Grau 2008, S. 490). Dies knüpft an die Auffassung von Heraklit an, dass alles Seiende permanent »im Fluss« und in unaufhörlicher Veränderung ist.
Nach Whitehead sind offensichtlich wenige Publikationen zur Prozessphilosophie entstanden. Die Suche im Katalog der Universitätsbibliothek Rostock ergab lediglich zwei Publikationen aus dem Jahre 1990 bzw. 1994. Muraca (2013) stellt fest: „Whiteheads Prozessphilosophie zeigt eine komplexe Wirkungsgeschichte. In den USA wurde sie insbesondere theologisch umformuliert und spielt heute noch eine entscheidende Rolle in den Auseinandersetzungen zwischen Evolutionisten und Kreationisten.“
Nach Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Prozessphilosophie, abgerufen am 22.02.2025) ist Nicholas Rescher gegenwärtig der prominenteste Vertreter der Prozessphilosophie. Er beschreibt Prozessphilosophie als eine allgemeine metaphysische Theorie über die Realität und das menschliche Wissen darüber. Die grundlegende ontologische Kategorie der Prozessphilosophie ist der Prozess, ist die These, dass die Natur vorrangig aus Prozessen und Veränderungen besteht und dass Dinge bereits abgeleitete Abstraktionen im Zuge der Erkenntnis sind. Dinge sind nicht mehr als eine zeitlich begrenzte stabile Ordnung von Prozessen.
Der heutige Prozessbegriff wird in den Lexika in folgender Weise charakterisiert.
- Der Prozess-Begriff findet somit dreifach Verwendung: zum einen in der Erklärung der Natur, welche ein Prozess-Ganzes ist, zum zweiten im Hinblick auf die Erklärung der Wirklichkeit, welche in der Konkretisierung aktualer Einzelwesen besteht, und schließlich in der Erfassung, mit deren Hilfe die Vielheit des Möglichen zur Einheit des Wirklichen wird. Allen drei Anwendungen des Prozess-Begriffs ist der Umstand gemeinsam, daß Prozess und Realität in einem wechselseitigen Implikationsverhältnis stehen (Beckmann 2007, S. 1560).
- Prozess [ist] die Aufeinanderfolge verschiedener Zustände und Handlungen, wobei ein Zustand kausal aus dem anderen hervorgeht (Grau 2008, S. 489).
- Als Prozess kann in der heutigen Allgemeinsprache jeder Vorgang bezeichnet werden, in dem sich irgendeine Veränderung ereignet (Röttgers 2010, 2163bu).
Rescher (2006, S. 2) hebt vor allem drei Charakteristika von Prozessen hervor:
- Ein Prozess ist ein Komplex – eine Einheit aus mehreren Stufen oder Phasen
- Dieser Komplex hat eine bestimmte zeitliche Verknüpfung und Einheit, sodass entsprechend Prozesse unverzichtbar eine zeitliche Dimension haben.
- Ein Prozess hat eine Struktur, eine eigene generische Form, durch die jeder konkrete Prozess eine bestimmte Ordnung oder Form erhält.
Als Adjektivattribute von „Prozess“ treten auf: absolut, theoretisch, dialektisch, psychisch, mental, biologisch, organismisch, innovativ, kreativ, funktional, chemisch, abstrakt.
In den Lexika werden folgende Probleme benannt, die mit dem Terminus zusammenhängen:
- Es wird die Frage aufgeworfen, „ob die Grundkategorien solche der Dinge oder Substanzen seien, die dann in Prozesse eintreten, oder ob die Grundkategorien Prozesse seien, aus denen Dinge und Substanzen hervorgehen (Röttgers 2010, 2168).
- Sowohl an Prozessen als auch an Relationen orientierte Theoriebildungen unterlaufen an Dingen, Substanzen oder anderen statischen Elementen ausgerichtete Theorien; es bleibt aber eine diskussionsbedürftige Frage, ob diese beiden ontologischen Alternativen sich ausschließen oder nicht vielmehr an den Vorbildern Hegel und Marx anschließende einander ergänzende Aspekte darstellen (Röttgers 2010, 2168b).
Schlussfolgerungen
Während im Alltag das Wort „Prozess“ vor allem im Sinne eines juristischen Verfahrens verwendet wird, gibt es in philosophischen Texten unterschiedliche Auffassungen zu Bedeutungen des Wortes. So wird etwa ein Prozess als eine Aufeinanderfolge verschiedener Zustände bezeichnet, zwischen denen kausale Zusammenhänge bestehen. Dies würde eine große Gruppe von Prozessen, wie etwa Informationsverarbeitungsprozesse ausschließen.
In der weitesten Fassung des Begriffs wird ein Prozess als ein Vorgang angesehen, in dem sich irgendeine Veränderung ereignet. Es wird in diesem wie auch in anderen Fällen, bei denen ein Prozess als ein Vorgang erklärt wird, nicht expliziert, was unter einem Vorgang verstanden wird.
Der Prozessbegriff von Rescher schränkt den Umfang durch die Merkmale einer Einheit aus mehreren Stufen oder Phasen sowie dem Vorliegen einer eigenen Struktur wesentlich ein.
Mit der von Whitehead begründeten Prozessphilosophie erfolgt eine undifferenzierte Gleichsetzung von Prozess und Wirklichkeit. Zudem werden Dinge als prozessfrei bezeichnet, obwohl sich Dinge durchaus verändern können.
Die aufgeführten Adjektivattribute zum Wort „Prozess“ zeigen einerseits, dass „Prozess“ sowohl im Zusammenhang mit mentalen als auch nichtmentalen Objekten verwendet wird, dass aber auch Wortverbindungen wie theoretischer, innovativer oder kreativer Prozess erklärungsbedürftig erscheinen.
Ein offenes Problem ist offensichtlich der ontologische Status von Prozessen. Die Auffassungen von Hegel und Marx zur Einheit von statischen und dynamischen Momenten haben sich offensichtlich nicht in der Gegenwartsphilosophie mehrheitlich durchgesetzt.
Ich halte es aus folgenden Gründen nicht für sinnvoll, „Prozess“ als allgemeinen philosophischen Begriff zu explizieren.
- Durch die Hauptbedeutung als juristischer Begriff in der Alltagssprache kann es zu Problemen im Verständnis der entsprechenden philosophischen Texte kommen.
- Es gibt verschiedene Bedeutungen des Begriffs in der Philosophie, die bei einer Explikation berücksichtigt werden müssen, sodass „Prozess“ immer mit einem Zusatz „im Sinne von“ versehen werden müsste.
- „Prozess“ wird in der Alltagssprache und auch bei vielen Erklärungen in der Philosophie auf dem Begriff „Vorgang“ zurückgeführt. Deshalb müsste dieser Begriff auf jeden Fall expliziert werden, was bisher in den philosophischen Texten nicht enthalten ist. Wenn das in entsprechender Weise erfolgt ist, kann auf eine Explikation von „Prozess“ verzichtet werden.
Das Wort „Prozess“ hat sich, insbesondere auch in vielen Wortverbindungen wie Erkenntnis- oder Entwicklungsprozess, in vielen Wissenschaften und auch in der Philosophie etabliert. Es kann in den jeweiligen Kontexten wie bisher verwendet werden, wenn die jeweils intendierte Bedeutung erläutert wird. Wenn ein Prozess als Vorgang bezeichnet wird, so gelten die im Folgenden erklärten formalen und nichtformalen Momente des Begriffs „Vorgang“ auch für den verwendeten Begriff „Prozess“.
Vorgang und Zustand
Da die Begriffe Vorgang und Zustand in enger Beziehung stehen, sollen sie in diesem Kapitel auch gemeinsam diskutiert werden.
Alltagssprache
Literaturanalysen
Vorgang
DWDS
Frequenz: 14,8
Kollokationen: einmalig (8.2, 2751), normal (7.4, 3135), kommentieren (6.9, 1366), ungeheuerlich (6.9, 696), komplex (6.8, 1122)
Bedeutungen:
- Geschehnis, Hergang; Bsp.: die biologischen Vorgänge im menschlichen Körper; der Vorgang hat sich in der geschilderten Weise abgespielt; er beschrieb, erzählte den (ganzen) Vorgang
- Sammlung aller Schriftstücke über eine bestimmte Angelegenheit, Akten; Bsp.: den Vorgang anfordern, studieren, abheften
Etymologie:
mhd. vor-, vürganc ‘das Vorausgehende, Einleitung, Vortritt, Fortschritt, Erfolg’;
DUW
Vorgang, der; -[e]s, Vorgänge [mhd. vorganc]: 1. etw., was vor sich geht, abläuft, sich entwickelt:
ein natürlicher, technischer, psychischer, chemischer, komplizierter, skandalöser Vorgang; geschichtliche Vorgänge (Prozesse); jmdn. über interne Vorgänge unterrichten. 2. (Amtsspr.) Gesamtheit der Akten, die über eine bestimmte Person, Sache angelegt sind: einen Vorgang heraussuchen, anfordern.
Zustand
DUW
Frequenz: 46,2
Kollokationen: desolat (8.8, 4560), befinden in (8.4, 11130), unhaltbar (8.3, 3326), chaotisch (8.2, 3217), verschlechtern (8.0, 3124)
Bedeutungen:
- zu einem bestimmten Zeitpunkt gegebene Lage, Verfassung, in der sich jmd., etw. befindet, : körperlicher, seelischer Zustand; der Raumfahrer befand sich im schwerelosen Zustand
- Gesundheitszustand, Bsp.: sein Zustand hat sich gebessert, verschlechtert,
- Aggregatzustand, Bsp.: der feste, flüssige, gasförmige Zustand eines Stoffes
- zu einem bestimmten Zeitpunkt bestehende Verhältnisse, besonders in einem Land, Lage, Situation, Bsp.: politische Zustände
- [umgangssprachlich] Anfälle von körperlichen Beschwerden, von Nervosität, schlechter Laune; Bsp.: sie hat, bekam wieder ihre Zustände
Etymologie:
‘Art und Weise, Verhältnisse, worin sich Personen und Dinge befinden’ (17. Jh.), älter ‘Hinzugehöriges, Dabeistehendes’ (15. Jh.);
DUW
Zustand, der; -[e]s, Zustände [zu veraltet zustehen = dabeistehen; sich ereignen]: a) augenblickliches Beschaffen-, Geartetsein; Art u. Weise des Vorhandenseins von jmdm., einer Sache in einem bestimmten Augenblick; Verfassung, Beschaffenheit: ein normaler, ungewohnter Zustand; der ursprüngliche, natürliche, momentane, damalige Zustand; ihr körperlicher, psychischer, geistiger Zustand ist bedenklich, hat sich gebessert, wird immer schlimmer; der feste, flüssige, gasförmige Zustand (Aggregatzustand) eines Stoffes; das Auto ist alt, aber [noch] in gutem Zustand; in betrunkenem Zustand; sie befand sich in einem Zustand der Panik, der Verzweiflung, im Zustand geistiger Verwirrung; die Gebäude sind alle in einem ordentlichen, verwahrlosten, jämmerlichen Zustand; in deinem Zustand (ugs.; in diesem fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft) willst du noch verreisen?; *Zustände bekommen/ kriegen (ugs.; wütend, ärgerlich werden; sich sehr aufregen, ärgern); b) augenblicklich bestehende Lage, Situation, Verhältnisse: ein gesetzloser, chaotischer Zustand; der derzeitige, gegenwärtige, vorherige Zustand; die wirtschaftlichen, sozialen, politischen Zustände in einem Land; hier herrschen unerträgliche, paradiesische Zustände; die Zustände in dem Krankenhaus müssen geändert werden; das ist ein unhaltbarer Zustand!; R das ist doch kein Zustand! (ugs.; so kann es nicht bleiben, das muss geändert werden); [das sind ja] Zustände wie im alten Rom! (ugs.; das sind ja üble, schlimme, unmögliche Verhältnisse!).
Auswertungen
Vorgang
In der Alltagssprache kommt das Wort „Vorgang“ mit einer mittleren Häufigkeit vor.
In allen gesichteten Lexika (DWDS, DUW) werden übereinstimmend zwei klar umrissene Bedeutungen des Wortes „Vorgang“ angegeben.
- Ein Vorgang ist ein Geschehnis, Hergang, Ablauf oder eine zeitliche Folge von Ereignissen.
- (Amtsspr.) Ein Vorgang ist eine Sammlung aller Schriftstücke über eine bestimmte Angelegenheit.
Wie die Kollokationen mit einmalig, normal, kommentieren, ungeheuerlich und komplex zeigen, dominiert die erste Bedeutung. Die Amtssprache wird im Alltag naheliegenderweise selten verwendet.
Zustand
Das Lexem „Zustand“ im Alltag häufig verwendet.
Als Hauptbedeutungen werden in den Wörterbüchern mit teilweise unterschiedlichen Formulierungen angegeben:
- zu einem bestimmten Zeitpunkt gegebene Lage, Verfassung, in der sich jmd., etw. befindet, augenblickliches Beschaffen-, Geartetsein; Art u. Weise des Vorhandenseins von jmdm., einer Sache in einem bestimmten Augenblick
- zu einem bestimmten Zeitpunkt bestehende Verhältnisse, augenblicklich bestehende Lage, Situation
In beiden Erklärungen ist von einem bestimmten Zeitpunkt bzw. Augenblick die Rede. Als Beispiele werden aber auch wirtschaftlichen, sozialen, politischen Zustände in einem Land oder bauliche Zustände angegeben, die für einen gewissen Zeitraum von Bestand sind.
Die beiden Bedeutungen unterscheiden sich nur unwesentlich, in 1 ist von Personen oder Sachen die Rede und in 2 geht es um generelle Aussagen.
Neben dieser Hauptbedeutung wird in den Wörterbüchern in übereinstimmender Weise als umgangssprachliche Bedeutung bzw. Phrasem angegeben:
- Anfälle von körperlichen Beschwerden, von Nervosität, schlechter Laune (DWDS), Zustände bekommen/ kriegen (; wütend, ärgerlich werden; sich sehr aufregen, ärgern) (DUW)
Insgesamt gibt es eine große Übereinstimmung der Erklärungen in den Wörterbüchern, eine dominierende Bedeutung und so kann von einer Verständlichkeit des Wortes in der Alltagssprache ausgegangen werden.
Die Kollokationen zu den Worten desolat, befinden in, unhaltbar, chaotisch und verschlechtern weisen darauf hin, dass das Wort in der Alltagssprache vor allem in den Bedeutungen 1 und 2 verwendet wird.
Philosophie
Literaturanalyse
Vorgang
Das Wort Vorgang trat bei den Analysen zum Wort Prozess häufiger auf. Diese Zitate werden hier jetzt nicht mehr berücksichtigt.
HWPh
1134 (13,2) Ergebnisse, kein Stichwort
- Erkenntnistheoretische und ontologische Perspektiven überkreuzen einander bei den Erörterungen des Problems der Abstraktion ständig. Nicht nur, daß Abstraktion einmal als Vorgang, einmal als Resultat verstanden werden kann; vielmehr involviert bereits eine Darstellung der Abstraktion als eines Vorganges bestimmte ontologische Vorentscheidungen darüber, was hinsichtlich seiner Genese oder hinsichtlich seiner Funktion im Kontext des genannten psychischen Prozesses untersucht werden soll (Bd. 1, S. 59-60).
- Unter Begriffsbildung wird der psychologische Vorgang verstanden, der zur Kategorisierung von Objekten oder Ereignissen führt (Bd. 1, S. 787).
- Komplex heißt ein Gegenstand oder ein Vorgang, wenn er als mehrheitlich und «verwickelt» imponiert und in dieser Kompliziertheit aus dem Zusammengeraten oder -wirken von Teilbeständen oder «Elementen» ableitbar gedacht wird (Bd. 4, S. 934).
- In der Psychologie wird der Begriff Organisation sowohl zur Kennzeichnung eines Vorganges, im Sinne von (Organisierung), als auch zur Beschreibung eines Zustandes, der aus diesem Vorgang resultiert (Organisiertheit), verwendet (Bd. 6, S. 1328).
- Gegenwärtig dürfte die Erklärung des Organismus als Vorgang und Ergebnis eines spezifischen Prozeßgleichgewichtes weitgehend Anerkennung gefunden haben (Bd. 6, S. 1335).
- KRÄMER unterscheidet Selbstverwirklichung als Vorgang und Selbstverwirklichung als Resultat (Bd. 9, S. 559).
- Unter Wandel oder Veränderung versteht man den kontinuierlichen Vorgang, der zwei verschiedene Zustände eines und desselben Gegenstandes zu zwei verschiedenen Zeitpunkten verbindet (Bd. 12, S. 310).
EPh
192 (6,0) Ergebnisse, kein Stichwort
- Eine Analyse ist richtig in Bezug auf den zukünftigen Gebrauch, genau dann, wenn die von ihr geleitete Verwendung des Begriffs vernünftig ist. Nun haben aber die Aufgabe, in einem Vorgang eine Regelmäßigkeit oder ein Muster aufzuspüren, und die Aufgabe, vernünftige Formen des Verstehens zu bestimmen, nichts miteinander zu tun (S. 75).
- Induktives Schließen = Vorgang, bei dem jemand aufgrund seines Glaubens an gewisse Prämissen und seines Glaubens an eine induktive Schlussbeziehung dazu übergeht, an die entsprechende Konklusion zu glauben: ›er hat das Ergebnis durch Induktion gewonnen (S. 1097bu).
- Der Begriff der Kognition, für den sich in unterschiedlichen Theorien und Disziplinen ein breites Bedeutungsspektrum findet, kennzeichnet nicht nur den mentalen Umgang mit bereits Erkanntem (angeeignetem, organisiertem und gespeichertem Wissen), sondern auch den »Vorgang des Erkennens als Prozess der Aneignung bzw. Anwendung von Wissen«, also auch Prozesse des Lernens und Erprobens verbalisierbarer Inhalte (S. 1410b).
- … Politik als Vorgang der gesellschaftlichen Veränderung und als diejenige Art Tätigkeit, welche diesen Vorgang auflöst, fördert und antreibt (S. 2067b).
- So kennzeichnet er Verstehen als »den Vorgang, in welchem wir aus Zeichen, die von außen sinnlich gegeben sind, ein Inneres erkennen« (S. 2905b).
- Dies bedeutet, dass zwischen den im Verlauf eines Experiments festgestellten Phänomenen und der Formulierung des Physikers sich ein Vorgang der intellektuellen Ausarbeitung mit sehr komplexen Abstraktionen und Idealisierungen einfügt. In diesem Vorgang wird ein Bericht über konkrete Fakten durch eine abstrakte und symbolische, letzten Endes theoretische Behauptung ersetzt (S. 3044b).
MLPh
89 (12,6) Ergebnisse, kein Stichwort
- Für Aristoteles ist Wahrnehmen ein natürlicher, kein geistiger Vorgang, sinnliche Wahrnehmungen sind physisch, nicht mental (S. 13).
- Der Vorgang des Lernens wird somit von Platon ebenfalls nicht als ein Übermitteln von Fakten verstanden, sondern als Wiedererinnerung an apriorische Erkenntnisinhalte, wozu der Lehrer nur helfend den Anstoß geben kann (S. 24).
- Kuhns wissenschaftshistorische Analysen zeigen aber, dass der Wechsel von Paradigmata keineswegs als rationaler, begründungsorientierter Prozess kontinuierlichen Erkenntnisfortschritts verläuft, sondern ein eher irrationaler Vorgang ist, der den Charakter eines Generations- und Glaubenskampfes annimmt (S. 440).
Zustand
HWPh
2069 (24,1) Ergebnisse, kein Stichwort
- Wie im ‹Phaidon› der Begriff des Werdens, so wird im ‹Parmenides› der Begriff der Bewegung dahingehend bestimmt, ein Übergang von einem Zustand in einen anderen zu sein, der sich zu ihm gegensätzlich verhält (Bd. 1, S. 866).
- Für die epikureische Tradition ist Naturzustand ein Zustand vorstaatlicher Freiheit, Gleichheit und Vereinzelung, aber im Sinn allgemeiner Barbarei, Recht- und Friedlosigkeit, aus der als erste Stufe zum zivilisatorischen Fortschritt ein Herrschaftsvertrag und die als bloße Konvention der Nützlichkeit gedachte Vereinbarung einer Rechtsordnung heraushilft (Bd. 6, S. 653).
- Statt dessen werden in der Quantenmechanik die Objekte auf folgende Weise beschrieben: Jedes Objekt ist zu jeder Zeit in einem bestimmten Zustand (reiner Fall). Die Angabe eines solchen Zustandes ist die genaueste überhaupt mögliche Beschreibung des Objekts, d.h. man kann keine genaueren Angaben über das Objekt machen, aus denen sich der Zustand noch ableiten ließe ( 7, S. 1787).
- Allgemein spricht man von ‹Rückkoppelung› (engl. feed back), wenn ein Zustand oder Vorgang Wirkungen auslöst, die ihn selbst auf einem gesonderten Funktionsweg rückwirkend wieder beeinflussen, und von ‹negativer Rückkoppelung›, wenn Änderungen eines Vorgangs oder Zustands gerade solche Rückwirkungen auslösen, die den Abweichungen entgegengesetzt sind ( 8, S. 474).
- Unter ‹Wandel› oder ‹Veränderung› versteht man den kontinuierlichen Vorgang, der zwei verschiedene Zustände eines und desselben Gegenstandes zu zwei verschiedenen Zeitpunkten verbindet. Die Zustände werden oft in Form kontradiktorischer Prädikate angegeben: Der Gegenstand x, der in t1 die Eigenschaft A, in t2 die Eigenschaft nicht-A gehabt hat, hat sich demnach von A zu nicht-A verändert. Ein Hauptproblem der Begriffsgeschichte ist das genaue Verhältnis von Kontinuität und Diskontinuität: Wie kann gedacht werden, daß sich an einem mit sich identischen Subjekt (x) Veränderung vollzieht, ohne daß entweder die Veränderung oder die Identität für unwirklich erklärt oder wiederum beide auf verschiedene Subjekte verteilt werden? (Zachhuber und Weichenhan 2007, S. 310-311).
- Die phänomenale Linie faßt Wünsche als bewußte Zustände oder Vorgänge auf, zum Beispiel als ein angenehmes oder unangenehmes Berührtsein durch das Denken an das Objekt; ( 12, S. 1078).
- Wird die Zustimmung als mentaler Zustand (oder als Disposition) verstanden, so liegt es nahe, für sie unterschiedliche Grade im Sinne größerer oder geringerer Sicherheit anzunehmen (Bd. 12, S. 1466).
EPh
1046 (32,6) Ergebnisse, kein Stichwort
- In der Entwicklung kommt es zu einem Fortschreiten verschiedener Zustände in der Art, dass der frühere Zustand zu einer Vorstufe des nächsten wird (539u).
- Heraklit nennt auch anders gelagerte Beispiele unter dem nicht weiter differenzierten Grundgedanken der Einheit der G. Und zwar zum einen den (nicht nur allmählichen, sondern offensichtlich plötzlichen) Umschlag des einen Zustands in seinen entgegengesetzten: »Dasselbe ist: lebendig und tot und wach und schlafend und jung und alt. Denn dieses ist umschlagend in jenes und jenes umschlagend in dieses.« (S. 768b).
MLPh
312 (44,3) Ergebnisse, Stichwort: Zustand, Autor: Peter Prechtl:
Wenn in der Philosophie des Geistes von mentalen oder intentionalen Zuständen die Rede ist, dann wird der Ausdruck ›Zustand‹ abweichend vom alltäglichen Sprachgebrauch meist synonym mit dem Ausdruck ›Eigenschaft‹ verwendet. Damit soll kein neuer ontologischer Bereich behauptet werden, denn mentale Zustände gehören zum Bereich der Eigenschaften. Mit dem Ausdruck ›Zustand‹ werden in der Regel Zustandstypen bezeichnet (S. 703).
Weitere Zitate:
- Im Gegensatz dazu wird von Kant die Willensfreiheit als ein Vermögen bestimmt, einen Zustand von selbst anzufangen (KrV B 472–479, B 560–586) (S. 188).
- Gemeinwohl, gesellschaftlicher Zustand, in dem das allgemeine und gemeinsame Wohl einer menschlichen Gemeinschaft als soziales Grundprinzip und sittliches Kriterium gilt. (S. 203)
- Gewissheit, bedeutet im subjektiven Sinn den epistemischen Zustand des unerschütterten, vom Zweifel freien Überzeugtseins von einem Erkenntnisinhalt (S. 218).
- Unter einem Ziel ist ein gewünschter Zustand der Realität i. w. S. zu verstehen, der gegenwärtig noch nicht erreicht, aber prinzipiell durch eine bestimmte (geeignete) Tätigkeit seitens des Handelnden oder im Vollzug des Handelns selber erreichbar scheint und so von dem Subjekt antizipiert wird. (S. 231)
- Prozess, die Aufeinanderfolge verschiedener Zustände und Handlungen, wobei ein Zustand kausal aus dem anderen hervorgeht. (S. 489)
- Zweifel entsteht demnach dann, wenn eine Überzeugung durch ein überraschendes Ereignis in Frage gestellt wird, so dass die fraglose Gültigkeit der spezifischen Handlungsgewohnheit aufgehoben wird und in einen Zustand »regelloser Aktivität« übergeht, der seinerseits zu einer neuen Verhaltensgewohnheit (i.S. der Überzeugung) führen muss (S. 632).
Weitere Quellen
Kommentare zu Schriften des Aristoteles
- Man kann es kaum deutlich genug sagen: De generatione et corruptione handelt gar nicht von Dingen – und seien es auch die vier Elemente – sondern vielmehr ausschließlich von Vorgängen in der Natur, deren Begriffen oder Definitionen und deren Ursachen. Die vier Elemente kommen nur deshalb ins Spiel, weil sie eine der Ursachen (nämlich die Materialursachen) jener Vorgänge sind. Und die von Aristoteles vorgelegte Analyse, Unterscheidung und Definition der Vorgänge – des Werdens und Vergehens, der Veränderung und des Wachstums – ist das Eingehendste, philosophisch Durchdachteste und Gewinnbringendste, was bisher zu diesem Thema überhaupt je geschrieben wurde (Buchheim et al. 2011, S. XV, XVI).
- Aus diesem Grund verwendet Aristoteles so viel Sorgfalt darauf, die Verschiedenheit von Werden und Veränderung zu betonen: In der Veränderung bleibt die Zugrundeliegende Substanz erhalten. Das Werden aber bringt Zugrundeliegendes hervor anstatt eines anderen. Und deshalb wird alles, was entsteht, aus dem »schlechthin Nichtseienden« (I 3, 317 b 2 – 5; 15 f.); während alles, was sich verändert, immer das schon Seiende mitschleppt. Damit ist der eigentliche Inhalt der Schrift Über Werden und Vergehen wenigstens dem Umriß nach erschöpfend angegeben (Buchheim et al. 2011, S. XIX).
- Denn Aristoteles ist sich, wie nur wenige andere Philosophen, des großen Unterschieds kIar bewußt, den es macht, von der Wirklichkeit und Beschaffenheit gewisser Dinge oder aber der von Vorgängen zu reden (Buchheim 2010, S. 84).
- Wenn jedoch derselbe Vorgang sowohl ein Werden als auch in gewisser Weise ein Vergehen von etwas ist und sein muß – dann stellt sich die Frage, warum er überhaupt ein Werden und nicht vielmehr oder genauso treffend ein Vergehen heißen darf? Dies kann nicht am Beobachter liegen, sonst existierte schlichtes Werden eben doch nicht in Wirklichkeit, sondern wäre ein bloßes Vorurteil in den Augen des Betrachters. Die Antwort, die Aristoteles gibt, lautet, daß der betreffende Vorgang wie ein ontologischer Pfeil oder Vektor zu verstehen ist, der eine eindeutige Richtung zu mehr Sein aufweist (Siehe I 3, 318b9-18 und 318b33–319a2.). Das heißt, das Werden, wenn es objektiv wirklich ist, bedeutet stets eine Seinssteigerung (Buchheim 2010, S. 134).
- Werden und Vergehen sind ontologische Vektoren mit einer absoluten Richtung entweder zum ontologisch höherwertigen oder zum ontologisch minderen Sein34 (Gemeint ist ein lokal begrenzter Aufschwung der je konkreten materiellen Ansammlung nicht eine Steigerung, die sich über das Einzelgebilde hinaus fortsetzt und so zu einer Höherenrwicklung oder Evolution der werdenden und vergehenden Dinge insgesamt führt. Dies unterscheidet die aristotelische Theorie tiefgreifend von modernen Denkentwürfen zum Thema, wie z. dem Nietzsches oder Bergsons.) (Buchheim 2010, S. 92).
Auswertungen
Tab.: Normierte Häufigkeiten
Lexem | HWPh | EPh | MLPh |
Vorgang | 13,2 | 6,0 | 12,6 |
Zustand | 24,1 | 32,6 | 44,3 |
In den Lexika HWPh und MLPh tritt das Lexem „Vorgang“ mit einer mittleren Häufigkeit und in der EPh nur selten auf. In allen Lexika wird das Wort „Zustand“ häufig verwendet.
Vorgang
In keinem Lexikon gibt es das Stichwort „Vorgang“ oder Ausführungen zu Bedeutung des Wortes in anderen Stichwörtern. Seine Bedeutungen werden also als alltagssprachlich gegeben vorausgesetzt. Eine Verwendung des Wortes in der alltagssprachlichen Bedeutung B konnte in keinem Lexikon gefunden werden, in allen analysierten Fällen handelt es sich um die alltagssprachliche Bedeutung A.
Im Ergebnis des Gesamteindrucks der Verwendung des Wortes Vorgang lassen sich folgende Feststellungen treffen:
- In vielen Fällen wird in Erklärungen von Termini auf das Wort „Vorgang“ als Oberbegriff Bezug genommen. Bsp.: „So kennzeichnet er Verstehen als ‚den Vorgang, in welchem wir aus Zeichen, die von außen sinnlich gegeben sind, ein Inneres erkennen‘“ (Sandkühler et al. 2010, 2905b)
- Die Wörter Vorgang und Prozess werden teilweise synonym verwendet. Bsp.: „Als Prozess kann in der heutigen Allgemeinsprache jeder Vorgang bezeichnet werden, in dem sich irgendeine Veränderung ereignet.“ (Sandkühler et al. 2010, 2163bu)
- Häufig wird auf die Beziehung von Vorgang und Zustand bzw. Vorgang und Resultat verwiesen. Bsp.: „In der Psychologie wird der Begriff Organisation sowohl zur Kennzeichnung eines Vorganges, im Sinne von (Organisierung), als auch zur Beschreibung eines Zustandes, der aus diesem Vorgang resultiert (Organisiertheit), verwendet.“ (Ritter et al. 2007, Bd 6, S. 1328)
- Es treten mentale und nichtmentale Vorgänge auf. Bsp.: „Für Aristoteles ist Wahrnehmen ein natürlicher, kein geistiger Vorgang, sinnliche Wahrnehmungen sind physisch, nicht mental.“ (Prechtl und Burkard 2008, S. 13)
- Die genannten Vorgänge haben oft einen sehr komplexen Charakter und beinhalten zahlreiche Teilvorgänge. Bsp.: „Politik als Vorgang der gesellschaftlichen Veränderung und als diejenige Art Tätigkeit, welche diesen Vorgang auflöst, fördert und antreibt …“ (Sandkühler et al. 2010, 2067b)
Schlussfolgerungen
Obwohl das Wort „Vorgang“ in der Literatur eher selten auftritt, zeigen die Analysen der Verwendungen im Alltag und in der Philosophie, dass das Wort „Vorgang“ als philosophische Begriff geeignet ist. Es erfüllt die Auswahlkriterien in folgender Weise
- Es gibt in der Alltagssprache und in der Philosophie nur eine Bedeutung, die intuitiv verständlich ist.
- Die Bedeutungen in der Philosophie und in Alltagssprache unterscheiden sich nicht.
- Das Wort hat keine speziellen Bedeutungen in der Theologie oder in philosophischen Theorien mit einem hohen Grad der Transzendenz.
Zustand
Es gibt nur im MLPh vom Autor Peter Prechtl das Stichwort „Zustand“, das lediglich drei Sätze enthält (S. 703).
In allen drei Lexika wurden stichprobenartig Zitate ermittelt, die das Wort „Zustand“ enthalten. In dem Artikel zum Zustand und in den Zitaten wird zum einen von Zustand ohne Bezug zu einem Objekt gesprochen und zum anderen wird ein Bezug hergestellt.
Aussagen zum Wort „Zustand“ ohne Bezug zu Objekten:
- Begriff der Bewegung als ein Übergang von einem Zustand in einen anderen zu sein, der sich zu ihm gegensätzlich verhält (HWPh, 1, S. 866).
- Wenn in der Philosophie des Geistes von mentalen oder intentionalen Zuständen die Rede ist, dann wird der Ausdruck ›Zustand‹ abweichend vom alltäglichen Sprachgebrauch meist synonym mit dem Ausdruck ›Eigenschaft‹ verwendet (MLPh, S. 703).
- Unter ‹Wandel› oder ‹Veränderung› versteht man den kontinuierlichen Vorgang, der zwei verschiedene Zustände eines und desselben Gegenstandes zu zwei verschiedenen Zeitpunkten verbindet. Die Zustände werden oft in Form kontradiktorischer Prädikate angegeben: Der Gegenstand x, der in t1 die Eigenschaft A, in t2 die Eigenschaft nicht-A gehabt hat, hat sich demnach von A zu nicht-A verändert (Zachhuber und Weichenhan 2007, S. 310-311).
- Im Gegensatz dazu wird von Kant die Willensfreiheit als ein Vermögen bestimmt, einen Zustand von selbst anzufangen (KrV B 472–479, B 560–586, zitiert nach MLPh, S. 188)).
- Prozess ist die Aufeinanderfolge verschiedener Zustände und Handlungen, wobei ein Zustand kausal aus dem anderen hervorgeht (MLPh, S. 489).
- In der Entwicklung kommt es zu einem Fortschreiten verschiedener Zustände in der Art, dass der frühere Zustand zu einer Vorstufe des nächsten wird (EPh, 539u).
Aussagen zum Wort „Zustand“ in Bezug auf Objekte:
- Naturzustand ein Zustand vorstaatlicher Freiheit, Gleichheit und Vereinzelung (HWPh, 6, S. 653).
- In der Quantenmechanik werden die Objekte auf folgende Weise beschrieben: Jedes Objekt ist zu jeder Zeit in einem bestimmten Zustand (reiner Fall). Die Angabe eines solchen Zustandes ist die genaueste überhaupt mögliche Beschreibung des Objekts, d.h. man kann keine genaueren Angaben über das Objekt machen, aus denen sich der Zustand noch ableiten ließe (HWPh, 7, S. 1787).
- Wünsche als bewusste Zustände oder Vorgänge (HWPh, 12, S. 1078)
- Zustimmung als mentaler Zustand (HWPh, 12, S. 1466)
- Gemeinwohl ist ein gesellschaftlicher Zustand (MLPh, S. 203)
- Gewissheit, bedeutet im subjektiven Sinn den epistemischen Zustand des unerschütterten, vom Zweifel freien Überzeugtseins von einem Erkenntnisinhalt (MLPh, S. 218).
- Ziel als gewünschter Zustand der Realität i. w. S. (MLPh, S. 231)
- Zweifel entsteht demnach dann, wenn eine Überzeugung durch ein überraschendes Ereignis in Frage gestellt wird, so dass die fraglose Gültigkeit der spezifischen Handlungsgewohnheit aufgehoben wird und in einen Zustand »regelloser Aktivität« übergeht, der seinerseits zu einer neuen Verhaltensgewohnheit (i.S. der Überzeugung) führen muss (MLPh, S. 632).
- Heraklit nennt auch anders gelagerte Beispiele … und zwar zum einen den … Umschlag des einen Zustands in seinen entgegengesetzten: »Dasselbe ist: lebendig und tot und wach und schlafend und jung und alt. Denn dieses ist umschlagend in jenes und jenes umschlagend in dieses.« (EPh, S. 768b).
In den Aussagen ohne Bezug zu Objekten wird „Zustand“ teilweise mit dem Wort „Eigenschaft“ in Verbindung gebracht. Bei den angeführten Beispielen mit Bezug zu Objekten handelt es sich in vielen Fällen um Eigenschaften der Objekte als Ausprägungen von Merkmalen. Wenn ein Naturzustand als Zustand der Gleichheit bezeichnet wird, so geht es um das Merkmal der Unterschiede in Bezug auf Rechte und Besitz der Gemeinschaft. Gewissheit ist die Ausprägung des Merkmals des Überzeugtseins. Der Zustand der „regellosen Aktivität“ einer Handlungsgewohnheit ist eine Eigenschaft des Merkmals der Gerichtetheit der Handlung.
Bei Aussagen zu Zuständen von Bewegungen oder Veränderungen wird festgestellt, dass es um Übergänge oder Verbindungen von gegensätzlichen Zuständen bzw. „Umschlagen“ in einen entgegengesetzten Zustand geht. Als Beispiele werden nach Heraklit „lebendig und tot“, „wach und schlafend“ sowie „jung und alt“ genannt. Abgesehen von den Beispielen zu Gegensatzpaaren ist fraglich, ob es zum Beispiel bei einer physikalischen Bewegung um entgegengesetzte Eigenschaften wie etwa den Ort geht.
Ein weiterer Gedanke in den allgemeinen Aussagen ist die Feststellung, dass Prozesse oder Entwicklungen als Folge von Zuständen angesehen werden können, die kausal auseinander hervorgehen bzw. bei denen ein Vorgang die Vorstufe des nächsten ist. Von einer kausalen Beziehung kann im Allgemeinen sicher nicht gesprochen werden, aber bei Vorgängen der Veränderung von Objekten geht es in der Regel um eine fortlaufende Änderung ihrer aktuellen Eigenschaften und damit ihrer Zustände.
Schlussfolgerungen
Die Analysen der Verwendungen des Wortes „Zustand“ im Alltag und in der Philosophie zeigen, dass das Wort als philosophische Begriff geeignet ist. Es erfüllt die Auswahlkriterien in folgender Weise
- Es gibt in der Alltagssprache und in der Philosophie nur eine Bedeutung, abgesehen von der umgangssprachlichen Bedeutung als Anfälle von körperlichen Beschwerden.
- Die Bedeutungen in der Philosophie und in Alltagssprache unterscheiden sich nicht.
- Das Wort hat keine speziellen Bedeutungen in der Theologie oder in philosophischen Theorien mit einem hohen Grad der Transzendenz.
Explikationen
Vorgang
Zum Begriff „Vorgang“ gibt es in der Literatur nur wenige Erklärungen, in keinem der gesichteten drei Lexika ist „Vorgang“ ein Stichwort. Dies könnte daran liegen, dass aufgrund der Verständlichkeit des Wortes und seiner Verwendung in der Philosophie im alltagssprachlichen Sinne keine Notwendigkeit einer exakteren Bestimmung gesehen wird.
Mit der alltagssprachlichen Bedeutung von „Vorgang“ als Geschehnis, Hergang oder Ablauf wird der äußere, phänomenologisch Aspekt des Existierenden erfasst. Dies ist der Beginn des Erkenntnisprozesses, den Hegel als Phase der sinnlichen Gewissheit bezeichnet. Bei einer Reflexion auf der theoretischen Ebene muss aber bis zum Wesen des Begriffs vorgedrungen werden. Ein Moment besteht, wie bei den Analysen zum Begriff Prozess deutlich wurde, in der Veränderung eines Objektes. Bei der Begriffsexplikation ist der intendierte Anwendungsbereich des Begriffs zu beachten. Wenn er den Prozessbegriff ersetzen soll, ist die „gesamte Wirklichkeit“ (Whitehead) zu berücksichtigen. Es können drei komplexe Anwendungsbereiche unterschieden werden:
- Entstehen und Vergehen von Objekten, wie z. B. eine Pflanze
- Entstehen und Vergehen von Merkmalen, z. B. durch Mutationen in der Evolution
- Veränderung oder Nichtveränderung eines Objektes bezüglich eines Merkmals, wie z. B. der Bildungsstand eines Menschen
Ausgehend von den schon diskutierten Begriffen „entstehen“ und „vergehen“ (https://philosophie-neu.de/analysen-zu-werden-entstehen-und-vergehen-2/) sowie Veränderung (https://philosophie-neu.de/analysen-zu-den-wortern-verandern-und-veranderung/ ) kann der philosophische Begriff „Vorgang“ durch folgende formale Momente bestimmt werden:
Ein Vorgang im philosophischen Sinne ist
- das Entstehen oder Vergehen im interpretierten Sinne eines Objektes bzw. das Entstehen oder Vergehen im interpretierten Sinne eines Merkmals sowie
- eine Veränderung eines Objektes in Bezug auf ein Merkmal.
Entsprechend dem in 1.6 erklärten Spezialfall der Veränderung in Zeitabschnitten, gibt es auch zwei Arten von Vorgängen in Bezug auf das Merkmal B. Vorgänge ohne ein zeitliches Moment (funktionale Betrachtung in der Mathematik) und zeitliche Vorgänge (Bewegung eines Körpers mit dem Merkmal „Ort“). Vorgänge vom Typ A laufen immer in der Zeit ab.
Ein zeitlicher Vorgang ist ein Vorgang, bei dem die Veränderung eines Objektes in Bezug auf ein Merkmal in einem Zeitabschnitt erfolgt.
Der philosophische Begriff „Vorgang“ hat folgende nichtformale Momente, die noch weiter ergänzt werden können. In Klammern wird in einigen Fällen in Kurzform ein Beispiel angegeben, wobei eine Beschränkung auf die Angabe des Geschehens oder der Objekte erfolgt.
- Mit der Erklärung des Begriffs Vorgang bleibt offen, wie der Vorgang konkret abläuft. Der konkrete Ablauf, das Geschehen sind die äußeren Momente des Begriffs. So wird eine unendliche Fülle von Möglichkeiten erfasst und auf das wesentliche Moment reduziert. In jedem konkreten Fall muss der Ablauf des Vorgangs, das betreffende Objekt, das ausgewählte Merkmal und die betrachteten Merkmalsausprägungen angegeben werden. Erst dann kann entschieden werden, ob es sich um einen Vorgang in dem erklärten Sinne handelt. Bsp.: funktionale Betrachtungen zum Zusammenhang zwischen der Seitenlänge a und dem Flächeninhalt A eines Quadrates (Objekt: A = a2); Die Ausprägungen der Wertepaare (a; A) (Merkmal) sind alle Größenpaare a = x cm und A = x2 cm2, wobei x eine beliebige positive reelle Zahl ist. Die funktionalen Betrachtungen beinhalten die Abhängigkeit der Änderung des Flächeninhalts von der Änderung der Seitenlänge des Quadrates, sodass mindestens zwei verschiedene Ausprägungen betrachtet werden.
- Entsprechend den beiden erklärten Arten von Veränderung, Veränderung im allgemeinen Sinne und als Spezialfall Veränderung in Zeitabschnitten, gibt es auch zwei Arten von Vorgängen in Bezug auf das Merkmal B: Vorgänge ohne ein zeitliches Moment (funktionale Betrachtung in der Mathematik) und zeitliche Vorgänge (Bewegung eines Körpers mit dem Merkmal „Ort“).
- Es gibt Vorgänge, die aus Teilvorgängen bestehen (Veränderungen im Organismus eines Menschen). Die Teilvorgänge relativ unabhängig voneinander verlaufen (der Lernprozess in einer Klasse als Gesamtheit der Veränderung psychischer Dispositionen der einzelnen Schüler) oder sich beeinflussen (physische Funktionen im Körper eines Menschen).
- Ein Vorgang kann aus verschiedenen Phasen bestehen, in denen sich Veränderung und Nichtveränderung abwechseln können. Im einem Übungsprozess im Mathematikunterricht gibt es Phasen, in denen sich der Beherrschungsgrad der auszubildenden Fertigkeiten trotz weiterer Übungen nicht verändert (sog. Plateauphasen).
- Jeder Vorgang läuft unter bestimmten Bedingungen ab, die Einfluss auf den Verlauf und damit die Resultate des Vorgangs haben (die Windbedingungen beim Segeln). Die Bedingungen sind dabei selbst Resultate von Vorgängen (die konkreten Windbedingungen ergeben sich aus den Wetterverhältnissen).
- Das Merkmal kann im Sonderfall nur zwei Ausprägungen annehmen. (Beim Wurf eines Würfels hat das Merkmal „Seitenfläche, die oben liegt“ die Ausprägungen von 1 bis 6, von denen eine vor und eine nach dem Würfeln angenommen wird.)
- Es gibt mentale Vorgänge (Denken) und nichtmentale Vorgänge (Wachsen einer Pflanze).
- Es gibt zeitliche Vorgänge, die sehr kurz sind (Blitz als Veränderung des Ladungszustandes in der Atmosphäre) oder lange andauern (geologische Veränderungen im „Leben“ der Erde).
- Es gibt Vorgänge die bereits abgeschlossen sind (das Wetterverlauf von gestern) oder die noch andauern (der heutige Wetterverlauf).
- Es gibt Vorgänge die wiederholbar sind (Werfen eines Würfels) und Vorgänge die nicht wiederholbar sind (Leben eines konkreten Menschen).
Auf der Grundlage der Definition der Richtung einer Veränderung (vgl. https://philosophie-neu.de/analysen-zu-den-wortern-verandern-und-veranderung/) kann die Richtung eines zeitlichen Vorgangs erklärt werden:
Die Richtung eines zeitlichen Vorgangs ist die Richtung der Veränderung des Objektes in Bezug auf ein Merkmal in einem Zeitabschnitt, falls eine Richtung existiert und diese sich in dem Zeitabschnitt nicht ändert.
Der Vorgang der Veränderung der Körpergröße hat bei Kindern und Jugendlichen eine positive Richtung, im höheren Alter ist die Richtung negativ. Der Vorgang der Veränderung der globalen Durchschnittstemperatur auf der Erdoberfläche hat in der Zeit seit etwa 1960 eine positive Richtung, wenn man als Merkmalsausprägungen die Werte einer Ausgleichskurve wählt, die monoton wächst. Diese (mathematisch) positive Richtung ist aus Sicht des Klimawandels und seinen Folgen negativ zu werten.
Zustand
Die folgende Explikation des Begriffs „Zustand“ basiert auf der Explikation der Begriffe „Merkmal“ und „Eigenschaft“ (vgl. https://philosophie-neu.de/zu-den-begriffen-merkmal-und-eigenschaft-2/) sowie auf der Explikation des Begriffs „Veränderung eines Objektes“.
Als philosophischer Begriff kann „Zustand eines Objektes“ durch folgendes formales Moment erklärt werden:
Ein Zustand ist
- in Bezug auf ein Objekt oder ein Merkmal das noch nicht existierende oder nicht mehr existierende Objekt oder Merkmal und
- in Bezug auf ein Objekt und ein Merkmal die Ausprägung des Merkmals, wenn sich das Merkmal nicht verändert.
Der Begriff Zustand hat weiterhin noch folgende nichtformale Momente:
- Wenn ein Objekt mehrere Merkmale hat oder das Merkmal mehrere Komponenten besitzt, wie z. B. das Merkmal Gesundheit bei einem Menschen, besteht der Zustand in einer Menge von Eigenschaften. So ist der Gesundheitszustand eines Menschen eine Menge von Einzeldaten.
- Wenn es um einen bestimmten Zeitraum geht, kann sich das Objekt bezüglich eines oder mehrerer Merkmale ändern und bezüglich andere nicht. So ändert sich das Objekt „Tag“ als Zeitspanne von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nicht bezüglich des Merkmals „Die Sonne steht am Himmel“ mit den Ausprägungen „ja“ und „nein“. Das Objekt „Tag“ ändert sich aber bezüglich des Merkmals „Sonnenstand“.
- Wenn das Objekt aus mehreren Teilobjekten besteht, wie zum Beispiel eine Gesellschaft, so ist ebenfalls der Zustand eine Menge von Eigenschaften.
- Es muss unterschieden werden zwischen dem Zustand eines Objektes als einer realen Erscheinung und seiner Reflexion. Bei einer Reflexion müssen in der Regel Modellannahmen vorgenommen werden. Wenn es zum Beispiel um den Zustand eines Objektes in einem bestimmten Zeitraum geht, wie zum Beispiel einem gesellschaftlichen Zustand in einer bestimmten Zeitspanne, muss von kleineren Veränderungen einzelner Eigenschaften abgesehen werden. Weiterhin ist wie bei jeder Reflexion ein Messverfahren erforderlich, mit dem die Ausprägung der Merkmale bestimmt werden kann.
- Mit der vollständigen Angabe des Zustandes eines Objektes, also aller momentanen Ausprägungen seiner Merkmale, ist eine vollständige Beschreibung des Objektes gegeben auf der Modellebene. So umfasst der „Zustand eines physikalischen Systems zu einem bestimmten Zeitpunkt … im Rahmen eines physikalischen Teilgebietes die Gesamtheit aller Informationen, die zur vollständigen Beschreibung der momentanen Eigenschaften des Systems erforderlich sind“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Zustand_(Physik)).
Beziehungen der Begriffe Vorgang und Zustand
Zustand und Vorgang sind untrennbar miteinander verbunden, es gibt keinen Zustand ohne einen dazugehörigen Vorgang und umgekehrt. Zustände sind Bestandteil einer statischen und Vorgänge einer dynamischen Sichtweise auf Existierendes.
Der Zustand vor Beginn des Vorgangs heißt Anfangszustand und der Zustand am Ende des Vorgangs heißt Endzustand, Ergebnis oder Resultat.
Für den Vorgang des Entstehens ist der Anfangszustand ein noch nicht existierendes Objekt bzw. Merkmal und der Endzustand das Objekt bzw. das entstandene Merkmal. Für den Vorgang des Vergehens ist der Anfangszustand ein Objekt bzw. ein vorhandenes Merkmal und der Endzustand das nicht mehr existierende Objekt bzw. Merkmal.
Bei einem Vorgang der Veränderung eines Objektes in Bezug auf ein Merkmal ist der Anfangszustand die Ausprägung des Merkmals zu Beginn des Vorgangs und der Endzustand die Ausprägung des Merkmals am Ende des Vorgangs.
Ein Vorgang V mit einem Anfangszustand A und einem Endzustand E heißt umkehrbar (reversibel), wenn es einen Vorgang Vu mit dem Anfangszustand E und dem Endzustand A gibt. Der Vorgang Vu heißt umgekehrter (inverser) Vorgang zu V.
Wenn sich bei einem Vorgang die Ausprägungen mehrerer Merkmale ändern können, so muss beim Resultat des umgekehrten Vorgangs geprüft werden, ob bestimmte Veränderungen geblieben sind. In der Werkstoffkunde spricht man vom Gedächtnis eines Werkstoffs, der nach einer Verformung in seiner inneren Struktur noch die Information der ursprünglichen Gestalt in sich trägt.
Ein 60-m-Lauf eines Schülers vom Start bis zum Ziel ist umkehrbar, er kann nach einer Pause vom Ziel zum Start laufen, wo nach einer erneuten Pause seine Körperfunktionen sich wieder auf den Stand zu Beginn der Läufe befinden.
Das Malen eines Bildes mit Ölfarben durch einen Künstler ist nicht umkehrbar, weil es keine Möglichkeit gibt, aus dem Bild wieder den Anfangszustand mit den unverbrauchten Farben herzustellen.
Das Vergehen eines Objektes kann in bestimmten Fällen die Umkehrung des Entstehens sein.
Beim Spielen mit Lego entsteht aus Legobausteinen ein Haus. Durch Zerlegen des Hauses in die einzelnen Teile vergeht es wieder und der Ausgangszustand vor dem Spielen ist wiederhergestellt.
Das Entstehen einer Pflanze aus einem Samenkorn ist nicht umkehrbar. Wenn die Pflanze durch Verdorren vergeht, ist sie zwar an der bisherigen Stelle nicht mehr vorhanden, aber das Samenkorn ist nicht wieder hergestellt.
Das Resultat eines Vorgangs kann der Ausgangszustand eines neuen Vorgangs sein, so ist das Wetter am Ende eines Tages ist Anfangszustand des Wetters am nächsten Tag.
Es gibt Vorgänge, deren Anfang nicht bestimmbar ist (z. B. Leben des Universums) oder deren Ende nicht absehbar ist (z. B. kosmische Vorgänge).
Ein besonderer Fall sind Prognosen über Ergebnisse künftiger Vorgänge. Das paradigmatische Beispiel ist das Werfen eines Würfels, aber auch das Wetter von morgen oder die Produktion eines Werkstücks. In diesen Fällen ist der Anfangszustand des Vorgangs und in der Regel auch die Bedingungen bekannt. Die Vorgänge können aber mehrere mögliche Ergebnisse haben. Über deren Eintreten können nur Aussagen mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit getroffen werden.
Bei Vorgängen mit mehreren möglichen Ergebnissen, bei denen ein Ergebnis eingetreten ist, aber unbekannt ist, um welches Ergebnis es sich handelt, sind nur Wahrscheinlichkeitsaussagen über das eingetretene aber unbekannte Ergebnis möglich.
Literaturverzeichnis
Beckmann, Jan P. (2007): Prozess II. In: Joachim Ritter, Karlfried Gründer und Gottfried Gabriel (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. 13 Bände. Basel: Schwabe, S. 1553–1560.
Buchheim, Thomas (2010): Einleitung. In: Thomas Buchheim, Hellmut Flashar und Ernst Grumach (Hg.): Aristoteles Über Werden und Vergehen. Übers. und erl. von Thomas Buchheim. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Werke in deutscher Übersetzung / Aristoteles. Hrsg. von Ernst Grumach, Bd. 12, Teil IV), S. 83–248.
Buchheim, Thomas; Aristoteles; Joachim, Harold H. (Hg.) (2011): Über Werden und Vergehen. Griechisch-deutsch = De generatione et corruptione. Hamburg: Meiner (Philosophische Bibliothek, Bd. 617). Online verfügbar unter http://epub.sub.uni-hamburg.de/epub/volltexte/einzelplatz/2013/20284/.
Grau, Alexander (2008): Prozess. In: Peter Prechtl und Franz-Peter Burkard (Hg.): Metzler Lexikon Philosophie. Begriffe und Definitionen. 3., erw. und aktualisierte Aufl. Stuttgart: Metzler, S. 489–490.
Kunkel, Melanie (Hg.) (2023): Duden Deutsches Universalwörterbuch. 10., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Herausgegeben von der Dudenredaktion. Bibliographisches Institut. 10., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Berlin: Dudenverlag.
Muraca, Barbara (2013): Prozessphilosophie [Version 1.0]. Hg. v. Kirchhoff, Thomas (Redaktion): Naturphilosophische Grundbegriffe. Online verfügbar unter http://www.naturphilosophie.org/prozessphilosophie/.
Prechtl, Peter; Burkard, Franz-Peter (Hg.) (2008): Metzler Lexikon Philosophie. Begriffe und Definitionen. 3., erw. und aktualisierte Aufl. Stuttgart: Metzler.
Rescher, Nicholas (2006): Process philosophical deliberations. Frankfurt: Ontos Verlag (Process thought, v. 11).
Ritter, Joachim; Gründer, Karlfried; Gabriel, Gottfried (Hg.) (2007): Historisches Wörterbuch der Philosophie. 13 Bände. Basel: Schwabe.
Röttgers, Kurt (2007): Prozess I. In: Joachim Ritter, Karlfried Gründer und Gottfried Gabriel (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. 13 Bände. Basel: Schwabe, S. 1543–1558.
Röttgers, Kurt (2010): Prozess. In: Hans Jörg Sandkühler, Dagmar Borchers, Arnim Regenbogen, Volker Schürmann und Pirmin Stekeler-Weithofer (Hg.): Enzyklopädie Philosophie. In drei Bänden mit einer CD-ROM. Hamburg: Meiner, 2163bu-2169.
Sandkühler, Hans Jörg; Borchers, Dagmar; Regenbogen, Arnim; Schürmann, Volker; Stekeler-Weithofer, Pirmin (Hg.) (2010): Enzyklopädie Philosophie. In drei Bänden mit einer CD-ROM. Hamburg: Meiner.
Zachhuber, Johannes; Weichenhan, Michael (2007): Wandel; Veränderung. In: Joachim Ritter, Karlfried Gründer und Gottfried Gabriel (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 12. 13 Bände. Basel: Schwabe, S. 300–318.