Hans-Dieter Sill, 08.02.2026
Zitate und Gedanken zu „Die Evolution der Gewalt“ (Meller et al. 2024)
Zitate und Gedanken zu „Die Evolution der Gewalt“ (Meller et al. 2024)
1 Der Krieg um die menschliche Natur
2 Wovon wir sprechen, wenn wir von Krieg reden
Teil 2 Das evolutionäre Fundament
6 Die Wahrheit über Schimpansen und Bonobos
7 Lehren der Jäger und Sammler
Teil 3 Archäologische Spurensuche
11 Als der Krieg alltäglich wurde
12 Drachenzähne: Die Saat des Krieges geht auf
Zu den Autoren
Harald Meller (* 10. Mai 1960 in Olching) ist ein deutscher Provinzialrömischer und Prähistorischer Archäologe sowie Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt. Bekanntheit erlangte Meller durch sein Engagement als Lockspitzel im Jahr 2002 bei der Sicherstellung der von Raubgräbern gefundenen Himmelsscheibe von Nebra und durch ihre anschließende wissenschaftliche Erforschung. Unter Mellers Führung wurde das Landesmuseum in Halle zu einem der wichtigsten Ausstellungshäuser für Archäologie in Deutschland, das mit zahlreichen Ausstellungen hervortrat. Meller wurde 2009 zum Honorarprofessor für das Fachgebiet „Archäologie Europas“ an der Universität Halle ernannt.
Kai Michel (* 9. November 1967 in Hamburg) ist ein deutscher Historiker, Literaturwissenschaftler und Buchautor. Gemeinsam mit dem Anthropologen Carel van Schaik las er die Bibel aus einer evolutionären Perspektive als Tagebuch der Menschheit. In Die Wahrheit über Eva gingen die beiden den Ursachen für die soziale Ungleichheit von Frauen und Männern auf den Grund. Bild der Wissenschaft zeichnete das Buch in der Kategorie „Überraschung“ als Wissensbuch des Jahres 2021 aus.
Carolus Philippus „Carel“ van Schaik (* 1953) ist ein niederländischer Zoologe und Anthropologe, der von 2004 bis 2018 als Professor und Direktor des Instituts und des Museums für Anthropologie an der Universität Zürich wirkte.
Zum Buch
Das Buch war für den Bayerischen Buchpreis 2024 in der Kategorie Sachbuch und in der Shortlist des Österreichischen Wissenschaftsbuchpreises nominiert. 2025 wurde das Werk für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik nominiert. Es gibt viele positive Rezensionen, die beste ist von MDR (https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/halle/halle/sachbuch-evolution-der-gewalt-krieg-kultur-news-100.html). Hervorgehoben wird unter anderem die gute Lesbarkeit des Buches, es enthält keine Anmerkungen, sondern die Literatur wurde am Ende für die einzelnen Kapitel zusammengestellt.
Bemerkungen von mir sind in eckigen Klammern oder unter Bemerkungen eingefügt.
Aus der Totengrube
2011 stießen Archäologen unter der Leitung eines der Autoren dieses Buches auf das Massengrab in Lützen. Im November 1632 hatte dort eine der Hauptschlachten des Dreißigjährigen Krieges getobt: Das protestantische Heer unter der Führung des schwedischen Königs Gustav II. Adolf kämpfte gegen die kaiserlichen Truppen der Katholischen Liga, angeführt von Albrecht von Wallenstein. Schätzungsweise 36.000 Soldaten trafen an der alten Via Regia zwischen Naumburg und Leipzig aufeinander.
Einer, der in Lützen ebenfalls tödlich verwundet wurde, ist Gottfried Heinrich zu Pappenheim, Feldmarschall in Diensten der Katholischen Liga. Als er 1632 dabei scheiterte, die niederländischen Stellungen rund um die Stadt Maastricht zu erstürmen, zog er ab und plünderte stattdessen das Land der eigenen Verbündeten. Ein Jahr zuvor waren Pappenheims Truppen in vorderster Reihe dabei, als Magdeburg erst gebrandschatzt, dann dem Erdboden gleichgemacht wurde. Lebten vorher 35000 Menschen in der Stadt an der Elbe, waren es danach keine 500. Seither galt »Magdeburgisieren« als Synonym für totale Verheerung und gnadenloses Gemetzel. (Meller et al. 2024, S. 9)
Bemerkungen:
- In Friedrich Schillers Drama „Wallensteins Tod“ sagt der Feldherr Wallenstein über die Soldaten des Grafen von Pappenheim: „Daran erkenn‘ ich meine Pappenheimer“.
- Obwohl Gottfried Heinrich Graf zu Pappenheim einer der brutalsten Kriegsherren war, gibt es zahlreiche Denkmale zu seiner Person. Durch die kaiserliche Entschließung von Franz Joseph I. vom 28. Februar 1863 wurde Pappenheim in die Liste der „berühmtesten, zur immerwährenden Nacheiferung würdiger Kriegsfürsten und Feldherren Österreichs“ aufgenommen, zu deren Ehren und Andenken auch eine lebensgroße Statue in der Feldherrenhalle des damals neu errichteten k. k. Hofwaffenmuseums (heute: Heeresgeschichtliches Museum Wien) errichtet wurde.
Einigen war die Schlacht eine Lehre. Und zwar jenen, die in Zukunft Kriege zu verantworten hatten. Noch Pappenheim war so von Schlachtennarben übersät, dass man ihn »Schrammenheinrich« nannte. Und Gustav II. Adolf hatte sich an der Spitze eines Kavallerieregiments ins Getümmel gestürzt, um die Seinen zum Sieg zu führen. Die Kugel eines Musketiers zerschmetterte den linken Arm des Königs. Dann traf ihn ein Pistolenschuss in den Rücken. Er stürzte vom Pferd und starb nach mehreren Degenstichen durch den Kopfschuss eines Kürassiers. Seither wagen Feldherren sich kaum mehr persönlich aufs Schlachtfeld. Eine Weile werden sie noch, wie Napoleon, gut beschützt von einem Hügel herab die Armeen dirigieren. Seither sitzen sie hinter den dicken Mauern ihrer Paläste oder Bunker, führen Kriege und schicken andere in den Tod. Warum lassen Menschen sich das gefallen? (Meller et al. 2024, S. 9–10)
Bei all dem Leid, das vor allem die Schwächsten der Schwachen heimsucht, verwundert es, warum in Sachen Krieg nicht das geschieht, was beim Klimawandel längst der Fall ist: nämlich ein Bündnis der Staaten dieser Erde zu seiner Verhinderung auf die Beine zu stellen. (Meller et al. 2024, S. 10)
Ohne die bisher erbrachten Leistungen im Geringsten schmälern zu wollen: Der Forschungsaufwand zur Kriegsvermeidung ist im Vergleich zur Klimaforschung bisher eher marginal gewesen und erfährt wenig öffentliche Resonanz. »In den meisten westlichen Universitäten wird die Erforschung des Krieges weitgehend vernachlässigt«, klagte die Historikerin Margaret MacMillan. Auch der Soziologe Arno Bammé bemängelte, dass der Krieg in den Sozialwissenschaften einen »blinden Fleck« darstellt. Seine Kollegen Hans Joas und Wolfgang Knöbl sprachen sogar von »Kriegsverdrängung« und »Kriegsvergessenheit«. (Meller et al. 2024, S. 11)
Der Umstand, dass solche Gedanken den Verdacht grenzenloser Naivität erwecken können, verweist auf das grundlegende Problem. Im Gegensatz zum Klimawandel erscheinen Kriege zwar von Menschen geführt, aber nicht menschengemacht zu sein – also in dem Sinne, dass sie als kulturelle Produkte eliminiert werden könnten. Zwar herrscht angesichts der massiven Wiederkehr des Krieges große Ratlosigkeit, doch geht die bemerkenswert oft mit dem Fatalismus einher, dass man allenfalls im Einzelfall etwas bewirken könnte, weil Kriege nun mal des Menschen Schicksal seien. Am prominentesten hat das 2009 der damalige US-Präsident Barack Obama formuliert – ausgerechnet in seiner Dankesrede für die Verleihung des Friedensnobelpreises: »Der Krieg kam, in der einen oder anderen Gestalt, mit dem ersten Menschen in die Welt. Als die geschichtliche Zeit anbrach, wurde seine Moralität nicht infrage gestellt; er war eine bloße Tatsache wie Dürre oder Krankheit – so strebten erst Stämme, dann Zivilisationen nach Macht, so trugen sie ihre Konflikte aus.« (Meller et al. 2024, S. 12)
Und als Albert Einstein Sigmund Freud nach dem Urgrund des Krieges fragte, antwortete dieser: »Interessenkonflikte unter den Menschen werden also prinzipiell durch die Anwendung von Gewalt entschieden. So ist es im ganzen Tierreich.« (Meller et al. 2024, S. 12)
Bemerkungen:
- Es ist fatal, wenn solche prominenten und angesehenen Persönlichkeiten wie Barack Obama solche kruden Thesen verkünden, die wissenschaftlich nicht haltbar sind, wie die Autoren des Buches überzeugend nachweisen.
- Noch fataler ist es aber, wenn ein angesehener Wissenschaftler wie der israelische Historiker Yuval Noah Harari ein Buch schreibt (Eine kurze Geschichte der Menschheit, (Harari 2015)), das ein weltweiter Bestseller durch seine Übersetzung in 50 Sprachen wurde und das den Aussagen des vorliegenden Buches in zentralen Punkten widerspricht bzw. wesentliche Inhalte, wie die verderbliche Rolle der Religionen mit keinem Wort erwähnt.
- Eine völlige Vernachlässigung des Themas „Krieg und Frieden“ zeigt sich auch in den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung als Kern der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. Dort tritt das Thema nur in dem Ziel 16 auf: „Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen“. Der offizielle Wortlaut lautet: „Friedliche und inklusive Gesellschaften für eine nachhaltige Entwicklung fördern, allen Menschen Zugang zur Justiz ermöglichen und leistungsfähige, rechenschaftspflichtige und inklusive Institutionen auf allen Ebenen aufbauen.“ Das Ziel umfasst 12 Unterziele und 23 Indikatoren. Das Thema „Krieg“ taucht nur indirekt in einem der Unterziele auf, wobei das Wort nicht einmal verwendet wird:
Unterziel 16.1: Alle Formen von Gewalt verringern. Dieses Unterziel hat vier Indikatoren:- Anzahl der Opfer vorsätzlicher Tötung je 100 00 Einwohner/-innen, nach Geschlecht und Alter
- Konfliktbezoge Todesfälle je 100 000 Einwohner/-innen, nach Geschlecht, Alter und Todesursache
- Anteil der Bevölkerung, der in den vergangenen Monaten a) psychischer Gewalt, b) physischer Gewalt und/oder c) sexueller Gewalt ausgesetzt war
- Anteil der Bevölkerung, der sich nach Einbruch der Dunkelheit in seiner Wohnumgebung allein sicher fühlt
- Trotz des Auftretens des Wortes „Frieden“ im 16. Ziel geht es nicht um die Problematik Krieg und Frieden, sondern um das Auftreten von Gewalt im persönlichen Leben.
- Die 17 Ziele sind offensichtlich nur ein statistisches Modell zum Erfassen von Entwicklungen in der Welt. Sie beschäftigen hunderte von Wissenschaftlern, die Daten sammeln und aufbereiten. Zu den Ursachen der Probleme dringen die Ziele nicht vor.
- Insbesondere beim Thema Krieg würde eine Suche nach den Ursachen von Kriegen sofort zu den gesellschaftlichen Verhältnissen führen, was in einer prokapitalistischen Gesellschaft- und Wissenschaftslandschaft nicht gewünscht ist. Es ist also kein Zufall, dass es kaum Forschungen zum Krieg gibt, sie führen, wie auch im vorliegenden Buch an einigen Stellen deutlich wird, zu den sozialen und gesellschaftlichen Ursachen.
Die Nichtberücksichtigung der Evolution lässt diesen ewig erscheinen. Dadurch, dass man sich allein auf die historischen Zeiten konzentriert, also die gut 5.000 Jahre, aus denen uns Schriftquellen vorliegen und Menschen in Staaten leben, entsteht der Eindruck, Krieg sei immer existent gewesen. So aber wird lediglich ein einziges Prozent der Menschheitsgeschichte berücksichtigt – und zwar ausgerechnet jenes Prozent, in dem der Krieg bereits voll ausgebildet war. (Meller et al. 2024, S. 15)
Das Ziel unseres Buches ist evolutionäre Aufklärung: Wir legen auf Basis des aktuellen Forschungsstandes und eigener Arbeiten eine Anamnese der Vorgeschichte des Krieges vor. Wir möchten die evolutionären Wurzeln von Aggression und Gewalt freilegen und deren Wucherungen durch die menschliche Geschichte verfolgen. So lässt sich verstehen, unter welchen Bedingungen es zu kriegerischen Eruptionen kommt und wer die eigentlichen Kriegstreiber sind. Erst eine korrekte Diagnose eröffnet die Möglichkeit, wirkungsvolle Therapien und funktionierende Prävention zu entwickeln – und das, ohne damit politisch naiv zu erscheinen. (Meller et al. 2024, S. 18)
Teil 1 Keine Kinder Kains
1 Der Krieg um die menschliche Natur
Hinter dem Namen Kain verbirgt sich ein misanthropisches Phantasma: Unter dem dünnen Firnis der Kultur schlummert eine blutrünstige Bestie – wehe, sie regt sich! Der Ursprung ist bekannt: Was lässt Menschen morden? Sie sind Nachfahren Kains. So steht es in der Bibel, so war es für die jüdische, die christliche und die islamische Tradition über fast zwei Jahrtausende maßgeblich, so hat es das Denken und die Kultur des Westens bis in den letzten Winkel infiltriert. (Meller et al. 2024, S. 23)
Die monotheistischen Religionen kämpfen da mit einem Grundsatzproblem. Ihnen steht nur ein einziger Gott zur Verfügung, um den eher unerfreulichen Zustand der Welt zu erklären. Im Polytheismus mit seinen vielen Göttern existierte stets die Option, dass ein böser Gott oder der Streit der Götter für irdisches Unheil verantwortlich waren. Der berühmteste Fall ist der Krieg um Troja, der ausbrach, weil drei Göttinnen darum stritten, welcher von ihnen ein goldener Apfel mit der Aufschrift »der Schönsten« gebührte. Wie kann es dagegen sein, dass sich in Gottes Schöpfung (die der »Herr« ja für gut befunden hatte) die Menschen die Köpfe einschlagen? Da Gott daran keine Verantwortung tragen darf, kann die Schuld nur bei den Menschen liegen. Entweder ist ihre Natur sündig oder so schwach, dass sie nur allzu leicht den Einflüsterungen des Bösen erliegt. (Meller et al. 2024, S. 24)
Bemerkung: Ein schöner Gedanke.
Erstaunlicherweise betreibt die Bibel keinen Aufwand, um die Gründe für den ersten Mord offenzulegen: »Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.« Gott ermahnte zwar Kain, aber der sprach zu seinem Bruder: »Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.« (Meller et al. 2024, S. 24–25)
Warum uns die biblische Geschichte zu interessieren hat: Sie illustriert, wie die Menschen auf die falsche Fährte gesetzt worden sind. Denn der eigentlich Schuldige kommt unbehelligt davon. Die Ursache für Kains Gewaltakt war eine ungleiche Behandlung, eine Ungerechtigkeit. Wie Abel hatte Kain ein Opfer dargebracht. Seines wird aber nicht anerkannt. Warum? Es gibt in der Genesis keine Erklärung dafür. Der Urheber dieser Ungerechtigkeit? Gott! Er nimmt nur ein Opfer an – ohne jede Begründung. Die Genesis-Geschichte lässt keine andere texttreue Deutung zu. (Meller et al. 2024, S. 25)
Bemerkung:
- Schon an dieser Stelle wird deutlich, dass sich die Autoren nicht scheuen, die biblischen Geschichten einer schonungslosen Analyse zu unterziehen. Gott die Schuld am Tod von Kain zu geben, ist schon sehr mutig. Es ist erstaunlich, dass es von Seiten der Kirche nach meinen Recherchen bisher keine Kritik an diesem Buch gab.
Doch gerade das Offensichtlichste ist inakzeptabel, eben »undenkbar«. In einer von einem guten Gott geschaffenen Welt kann alles Böse nur von den Menschen ausgehen – oder allenfalls vom Teufel, der eigentlich eine den Monotheismus verwässernde Hilfskonstruktion ist. Aber nicht von Gott. (Meller et al. 2024, S. 25)
Der maßgeblichen Linie des christlichen Kirchenvaters Augustinus von Hippo (354–430) zufolge sind die Menschen von Geburt an durch die Erbsünde in ihrer Natur geschädigt und auf sich allein gestellt, hilflos den Anwandlungen des Bösen ausgesetzt. Nur Gott kann der Sündhaftigkeit Einhalt gebieten, weshalb es unabdingbar ist, dem »Herrn« und seinen irdischen Stellvertretern – Kirche und Staat – zu folgen. (Meller et al. 2024, S. 26)
Kurzum: Der Mythos von der gewalttätigen Natur der Menschen dient dazu, Gewalt über Menschen zu rechtfertigen. Er soll sie der Herrschaft unterwerfen. Die Herrschenden werden ihn dafür lieben. Er bescherte ihnen eine göttliche Legitimation. (Meller et al. 2024, S. 26)
Niccolò Machiavelli (1469–1527), der Apologet der blanken Macht, wird den Fürsten aufgrund der »Schlechtigkeit der Menschen« das Recht auf Notwehr erteilen. Diese müssen keinerlei Rücksicht gegenüber den Untertanen walten lassen, sondern die Herrschaft mit Härte und List ausüben. Die Weltgeschichte belege »es durch viele Beispiele, … dass alle Menschen schlecht sind und dass sie stets ihren bösen Neigungen folgen, sobald sie Gelegenheit dazu haben«. (Meller et al. 2024, S. 26)
Ein Jahrhundert später meldete sich mit dem Philosophen Thomas Hobbes (1588–1679) die prägendste Stimme in diesem Diskurs zu Wort. Er schuf das wirkmächtige Bild, dass der Mensch nun mal des Menschen Wolf sei. Wie kam er darauf? Nun, Hobbes war der Erste, der Thukydides (454–399/396 v. Chr.) ins Englische übersetzte. Dessen monumentales, als frühestes Geschichtswerk geltendes Buch »Der Peloponnesische Krieg« berichtet über den fast drei Jahrzehnte währenden Krieg zwischen Athen und Sparta. (Meller et al. 2024, S. 27)
Der antike Historiker schilderte mit fast modern anmutender Attitüde den Krieg und fokussierte dabei immer wieder auf dessen Gräueltaten. … Und das Schicksal der von Athen besiegten Melier ist eines, wie es als archetypisch für Kriege betrachtet werden kann: »Die Athener richteten alle erwachsenen Melier hin, soweit sie in ihre Hand fielen, die Frauen und Kinder verkauften sie in die Sklaverei.« (Meller et al. 2024, S. 27)
Hobbes trug mit seiner 1651 erschienenen Schrift »Leviathan« maßgeblich dazu bei, das biblische Narrativ von der menschlichen Sündhaftigkeit zu entgöttlichen und damit zu historisieren. Die Urgeschichte der Genesis mutierte bei ihm zum menschlichen Ur-, nämlich Naturzustand. Den aber lässt er erst jenseits von Eden beginnen. Einen paradiesischen Anfang kennt Hobbes nicht: Die Menschen befinden sich »während der Zeit, in der sie ohne eine allgemeine, sie im Zaum haltende Macht leben, … in einem Krieg eines jeden gegen jeden«. Sie existierten in »beständige(r) Furcht und Gefahr eines gewaltsamen Todes«. Das menschliche Leben sei »einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz« gewesen. Hier klingt Thukydides als Hobbes’ Kronzeuge mit seiner »Ohnmacht der Vorzeit« durch. Und dann taucht das viel zitierte Wort vom Homo homini lupus auf.
Hobbes zufolge braucht es den Staat, den er nach dem biblischen Ungeheuer als Leviathan bezeichnet, der die Menschen mit seinem Gewaltmonopol vor sich selbst schützt. Auch hier wird die Frage nach unserer dunklen Seite mit einem Verweis auf unsere dunklen Anfänge beantwortet: Menschen seien von Natur aus nicht sozial, sie könnten nur gezwungen werden, es zu sein. Dafür müssten sie sich einem absoluten Herrscher unterwerfen. Aus Angst vor dessen Bestrafung werde der Krieg aller gegen alle verhindert. (Meller et al. 2024, S. 28)
Zu seinen Lebzeiten tobten der Dreißigjährige Krieg und der Englische Bürgerkrieg (1642–1649), der in der Hinrichtung des Königs Karl I. gipfelte – und Hobbes zur Flucht ins französische Exil zwang. Er war wiederholt Zeuge, wie ein Kollaps der Staatsgewalt in ein fürchterliches Morden mündete. Der Philosoph entwarf also die zu seiner kriegerischen Gegenwart passende kriegerische Vorgeschichte. (Meller et al. 2024, S. 29)
Der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, glaubte einen zutiefst destruktiven »Todestrieb« identifizieren zu können. In »Das Unbehagen in der Kultur« (1930) heißt es: »Homo homini lupus; wer hat nach allen Erfahrungen des Lebens und der Geschichte den Mut, diesen Satz zu bestreiten?« Unter für grausame Aggressionen günstigen Umständen äußert sich die Gewalt »spontan, enthüllt den Menschen als wilde Bestie, der die Schonung der eigenen Art fremd ist … Die Kultur muss alles aufbieten, um den Aggressionstrieben der Menschen Schranken zu setzen«. Auch Freud untermauert das mit den Erfahrungen historischer Zeiten – von den »Gräueln der Völkerwanderung« bis zu den »Schrecken des letzten Weltkriegs«. (Meller et al. 2024, S. 29)
Der Verhaltensforscher und spätere Nobelpreisträger Konrad Lorenz legte 1963 mit »Das sogenannte Böse« ein Buch vor, das bis heute seine Leser findet – und eine Erklärung präsentiert, die ein altes Bild aufgreift. Nachdem unsere Vorfahren »aller feindlichen Mächte der außerartlichen Umwelt Herr geworden« waren, sei »der Mensch« nun tatsächlich »sein eigener Feind, Homo homini lupus« geworden. Der den Menschen innewohnende »Aggressionstrieb« verlange nun mal nach Entladung.
Lorenz bediente sich ausdrücklich des Kain und Abel-Narrativs. Kaum hatte »der Mensch« Faustkeil und Feuer erfunden, verwendete er »sie prompt dazu, seinen Bruder totzuschlagen und zu braten«. Unseren Vorfahren habe es an »Tötungshemmung« gefehlt, die die zwischenmenschliche Entladung des Aggressionstriebes verhindert hätte. Dagegen sind die modernen Menschen Opfer der neuen Waffentechnologien geworden, die dazu führten, »dass dem Handelnden die Folgen seines Tuns nicht unmittelbar ans Herz greifen«. (Meller et al. 2024, S. 30–31)
Raymond Dart deutete fragmentierte und zerbrochene Tierknochen, die gemeinsam mit Schädelresten von Vormenschen der Gattung Australopithecus gefunden worden waren, als Beweise, dass diese nicht nur Tiere erbeutet hatten, sondern auch ihresgleichen. Die Australopithecinen waren für ihn, schreibt Dart 1953, »confirmed killers«, erwiesene Mörder: »Fleischfressende Kreaturen, die sich ihrer lebenden Opfer gewaltsam bemächtigten, sie zu Tode schlugen, ihre gebrochenen Körper zerrissen, … (Meller et al. 2024, S. 321)
Selten ist so mit Händen zu greifen, wie Narrative über die Jahrhunderte bestehen bleiben, selbst wenn sie dabei von der religiösen in die wissenschaftliche Sphäre wechseln: Raymond Dart stellte seinem Aufsatz ein Zitat aus der »Christlichen Ethik« Richard Baxters (1615–1691) als Motto voran: »Von allen Bestien ist die menschliche Bestie die schlimmste – für andere und für sich selbst der grausamste Feind.« Baxter, ein puritanischer Pfarrer, war wie sein Zeitgenosse Hobbes von den Schrecken des 17. Jahrhunderts geprägt. Einmal mehr zeigt sich, wie die eigene Weltanschauung als Folie dient, um das Bild der menschlichen Urgeschichte zu entwerfen.
Spätere Untersuchungen zeigen, dass die von Dart begutachteten Knochenensembles mit jenen übereinstimmen, wie sie von Leoparden und Hyänen stammen. Unsere Vorfahren, die Australopithecinen, waren eher die Gejagten als die Jäger, Beute und keine Killer. Trotzdem wird die Man the Hunter-These überaus populär und unterstützte die Überzeugung, dass Menschen erfolgreich Krieg führen können, weil ihre Vorfahren als blutrünstige Jäger begonnen hatten. Die Paläoanthropologie erteilte dem Wettrüsten des Kalten Krieges den wissenschaftlichen Ritterschlag. (Meller et al. 2024, S. 321–332)
Als dann in den 1970er Jahren die Primatologin Jane Goodall berichtete, dass sie unter Schimpansen kriegsähnliche Zustände in Gestalt systematisch betriebener Angriffe auf Nachbargruppen beobachtet hatte, war es ihr Schüler Richard Wrangham, der im Buch »Demonic Males« die direkte Linie zog: Gewalt und Töten seien das Erbe, das von den letzten gemeinsamen Vorfahren, die der Homo sapiens mit den Schimpansen teilt, auf uns gekommen sei. (Meller et al. 2024, S. 32)
Die Annahme der kriegerischen Vorgeschichte harmonierte bestens mit dem Fortschrittsmythos: Der britische Archäologe Ian Morris huldigte dem Krieg als jenem Phänomen, dem wir unseren Fortschritt und die Komplexität der modernen Welt zu verdanken hätten: »Die Antwort auf die Frage: Wozu Krieg? ist paradox und schrecklich zugleich«, schreibt Morris. »Krieg hat die Menschheit sicherer und wohlhabender gemacht, aber nur um den Preis des Massenmords. Aber da der letztlich zu etwas gut war, kommen wir nicht umhin festzustellen, dass all das Elend und Sterben nicht vergeblich gewesen ist.« Das »Tier in uns« sei nur durch ein »noch entsetzlicheres Tier« an die Kandare zu nehmen: den »Leviathan Staat«, der sich formiert habe, als aus »Killern« Herrscher geworden waren. Gelänge es, die USA dauerhaft als technisch überlegenen »Globocop« zu installieren, lautet Morris’ frohe Botschaft, werde alles »gut«. (Meller et al. 2024, S. 33–34)
Am wohl wirkungsvollsten vertrat der Evolutionspsychologe Steven Pinker die Neo-Hobbes-These, dass wir uns aus gewalttätigen Anfängen befreit und die »chronischen Überfälle und Fehden, die das Leben im Naturzustand gekennzeichnet« hatten, hinter uns gelassen haben und heute »in der friedlichsten Epoche leben, seit unsere Spezies existiert«. Aus »garstigen« Anfängen hätten Menschen sich in eine »edlere Richtung entwickelt«. Das staatliche Gewaltmonopol habe das Risiko gesenkt, eines gewaltsamen Todes zu sterben. Dass Pinker massive Kritik erfahren hat, weil er seine Analyse auf einer mehr als fahrlässigen Auswahl von archäologischen und ethnografischen Quellen gründete, sei an dieser Stelle nur erwähnt.
Morris wie Pinker lieferten damit den USA nicht nur eine evolutionäre Ahnenlinie als ultimative Legitimation, sondern verschafften ihnen auch eine heilsgeschichtliche Mission. Schon immer diente das Narrativ von der gewalttätigen Natur dazu, die Herrschaft des Staates über seine Bürger sowie der »entwickelten« Staaten über die »nicht entwickelten« Länder zu legitimieren. Ganz so wie einst nur die Kirche die sündhafte Natur der Menschen unter Kontrolle gehalten hat und der Leviathan namens Staat den Krieg aller gegen aller verhinderte. (Meller et al. 2024, S. 34)
Wir haben nun ein pessimistisches Menschenbild freigeschaufelt, das offenbar nicht totzukriegen ist. Der Anthropologe Douglas Fry nennt es einen »Mythos«, eine Form des vermeintlichen »Wissens«, der Kern des »okzidentalen Glaubenssystems« sei. Marshall Sahlins bringt es anschaulich auf den Punkt: »Seit mehr als zwei Jahrtausenden werden die Menschen des sogenannten Westens vom Phantom ihres eigenen inneren Wesens heimgesucht: vom Schreckgespenst des gierigen und Streit suchenden Menschen, der, wenn er nicht auf irgendeine Art und Weise der Herrschaft unterworfen wird, die Gesellschaft unweigerlich in die Anarchie stößt.«
Warum ist das so erfolgreich? Die »Ideen von Gewalt und Krieg, vom der Menschheit innewohnenden Bösen« seien so eingebettet in unsere Kultur, sagt der Anthropologe Robert W. Sussman, dass es ganz selbstverständlich sei »für Wissenschaftler wie das allgemeine Publikum anzunehmen, dass dieses Verhalten normal ist, biologisch determiniert, vererbbar und ein natürlicher Teil des menschlichen Verhaltensrepertoires«. Die Annahme, es sei immer schon gewesen wie heute, sei besonders »einfach zu denken«.
Und zwar aus einer ganzen Reihe von Gründen. Erstens: Angesichts der alles andere als friedlichen Gegenwart beruhigt die Vorstellung, dass es schon immer so gewesen ist. Da gibt es weder Erklärungs- noch Veränderungsbedarf. Zweitens: Es bestätigt die Alltagserfahrungen, dass Skrupellosigkeit die Welt zu regieren scheint und sich Friedfertigkeit nicht auszahlt, sondern offene Brutalität nur allzu oft als Gewinnerstrategie erweist. Drittens: Es harmoniert bestens mit dem Menschenbild des Kapitalismus, dem zufolge Menschen egoistische Gewinnmaximierer sind und sich in der Konkurrenz des Marktes die Stärksten durchsetzen. Schließlich viertens: Vor allem sichert es die Herrschaft ab, indem es das Menetekel sich gegenseitig zerfleischender Menschen an die Wand malt, überließe man diese sich selbst. Kurz, das Narrativ von der kriegerischen Natur taugt auf polyvalente Weise dazu, die herrschenden Verhältnisse abzustützen und jene an der Macht zu halten, die davon profitieren. (Meller et al. 2024, S. 34–35)
Bemerkung
- Das ist eine sehr schöne und übersichtliche Zusammenstellung bellizistischer Auffassungen von der Natur des Menschen mit teilweise deutlicher Gesellschaftskritik.
Der Krieg um die Natur des Menschen ist nie wirklich beigelegt worden. In den vergangenen Jahren haben eine Reihe von Anthropologen viel Arbeit investiert, um zu zeigen, dass die Datengrundlage der These widerspricht, kollektive Gewalt sei immer und überall vorhanden gewesen. Wer das wie Steven Pinker behaupte, wähle nur die seiner Sichtweise genehmen Fälle aus. Brian Ferguson hat sich in »Pinker’s List« die Mühe gemacht, für jeden einzelnen Fall nachzuweisen, wie heikel seine Verwendung in diesem Kontext ist.
Tödliche Gewalt zwischen Gruppen könne, so die Annahme, in der Evolutionsgeschichte keine entscheidende Selektionskraft gewesen sein, welche die menschliche Psychologie geformt habe. Immerhin dokumentiert Douglas Fry über siebzig nicht kriegerische Gesellschaften. Diese belegen, »dass ein Leben ohne Krieg tatsächlich möglich ist« – und wir nicht verdammt sind, uns ständig zu bekriegen. Zweifelsohne haben Menschen »das Potenzial, gewalttätig zu sein, aber eben auch das Potenzial, friedlich zu sein«, so Fry. »Möglicherweise könnte jeder von uns einen Mord begehen, aber in Wirklichkeit tun es die allermeisten von uns nie.« Konflikt sei ohne Frage ein unvermeidliches Charakteristikum des sozialen Lebens, aber »physische Aggression« stelle »nicht die einzige Möglichkeit der Konfliktbewältigung« dar. Und Ferguson schreibt: »Der Krieg lässt sich nicht ewig in der Zeit zurückverfolgen. Er hatte einen Anfang.« Unser Gehirn sei für den Krieg nicht fest verdrahtet. »Wir lernen ihn. (Meller et al. 2024, S. 37)
Gipfeln wird das in Jean-Jacques Rousseaus Abhandlungen, dass der Mensch im Naturzustand gut gewesen sei und ihn erst das Eigentum verdorben habe. Dieser Urzustand war aber für den französischen Philosophen lediglich eine Hypothese, um erklären zu können, wie die Ungleichheit in die Welt gekommen sei. Der Topos des »edlen Wilden«, des unverdorbenen Naturmenschen, der noch heute unauflösbar mit Rousseaus Namen verknüpft ist, wurde von ihm selbst gar nicht verwendet. Dennoch begeistert er zivilisationsmüde Europäer bis zum heutigen Tag.
Im 20. Jahrhundert versuchte sich die Ethnologie aus ihren imperialen und auch rassistischen Anfängen zu befreien. Namentlich der Begründer der amerikanischen Ethnografie Franz Boas und seine Schüler bekämpften alle Rassenkampf-Ideen. Die berühmteste aus diesem Kreis wird Margaret Mead sein. 1940 stellte sie nicht nur die Frage: »Ist der Krieg eine biologische Notwendigkeit, eine soziologische Zwangsläufigkeit oder einfach eine schlechte Erfindung?« Sie beantwortete sie auch gleich dahingehend, dass es sich beim Krieg nur um eine kulturelle Innovation wie die Schrift oder die Ehe handeln könne, da es nun mal Kulturen gäbe, denen er unbekannt sei. Und das sei eine hoffnungsvolle Erkenntnis. In kulturellen Dingen sei es schließlich so, »dass eine schlechte Erfindung für gewöhnlich einer besseren Platz machen wird«.
Bemerkungen:
- Bereits 1940 wurden von einer anerkannten Wissenschaftlerin die Grundideen des vorliegenden Buches vertreten. Es ist ein typisches Beispiel für die Ignoranz von Meinungen, die nicht in das eigene Weltbild passen.
- Margaret Mead (* 16. Dezember 1901 in Philadelphia; † 15. November 1978 in New York) war eine US-amerikanische Ethnologin. Insgesamt erforschte Mead sieben Kulturen im Südpazifik. Sie war Professorin des American Museum of Natural History in New York, Präsidentin der American Anthropological Association (AAA) und der American Association for the Advancement of Science. Sie erhielt 28 Ehrendoktorate von Universitäten weltweit und schrieb mehr als 40 Bücher sowie über 1000 wissenschaftliche Artikel.
Dass die Geschichte von Kain und Abel zutiefst merkwürdig ist, springt einem aus jeder Zeile entgegen. Vor allem verblüfft der unmotivierte Brudermord, kaum dass die Menschen erschaffen sind. Versteht denn Gott sein Handwerk nicht? Tatsächlich gibt es mindestens zwei Aspekte, die Bibelwissenschaftler zu der Überzeugung kommen ließen, dass sie gar nicht an diesen frühen Ort in der Bibel gehört. Die Intention der ursprünglichen Geschichte war es niemals, die mörderische Natur aller Menschen zu postulieren. Das erklärt auch, warum sie sich keinerlei Mühe gibt, die Tat zu begründen. Kain ist gar nicht der Urahn der gesamten Menschheit! Sondern allein der Keniter (die gemeinsam mit den Ismaeliten als Vorfahren der Araber galten). (Meller et al. 2024, S. 38–39)
2 Wovon wir sprechen, wenn wir von Krieg reden
Der Krieg um die menschliche Natur führte zu einem Kuriosum: Es herrscht nicht einmal Klarheit darüber, was Krieg eigentlich ist. Der Historiker Armin Eich hat darauf hingewiesen, dass sich die Menschen die längste Zeit »den Verlauf der Geschichte« so ausgemalt haben, »wie sie ihn aufgrund ihres Menschenbildes für plausibel« hielten. Folglich projizierten sie auch den Krieg zurück, was weitere Erklärungen, geschweige denn Definitionen überflüssig machte. (Meller et al. 2024, S. 41)
Manche Definitionen sind sehr eng und begrenzen ihn auf Staatswesen und das Vorhandensein regulärer Streitkräfte. In diesem Fall müssten wir jedoch gar nicht in die tiefe Vergangenheit schauen. Andere sind weiter gefasst, etwa die, nach der von Krieg gesprochen werden kann, wenn es sich um geplante und organisierte bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen autonomen Gruppen handelt. (Meller et al. 2024, S. 41)
Gerade solche additiven Definitionen, die auf dem Aufzählen einzelner Aspekte beruhen, verdeutlichen, dass der Krieg kein Ding an sich ist, sondern ein Komplex, der aus verschiedenen Komponenten besteht. Im Fall der letzten Definition wären das Aggression, die Möglichkeit, überhaupt Gewalt auszuüben, die kognitiven und sozialen Kompetenzen, die es zur Planung und Risikoabwägung bedarf, die Koordinationsfähigkeit und Bereitschaft, als Gruppe kooperativ aktiv zu werden, und die Fähigkeit, Waffen herzustellen und zu gebrauchen. (Meller et al. 2024, S. 41–42)
Deshalb plädieren wir für einen pragmatischen Zugang und werden uns nicht auf eine verbindliche Definition von Krieg festlegen. Stattdessen fokussieren wir auf einzelne Komponenten in der Evolution der Gewalt. Denn der Komplex Krieg ist nichts, das über die Zeiten hinweg in der immer gleichen Gestalt existierte. (Meller et al. 2024, S. 42–43)
Teil 2 Das evolutionäre Fundament
Die nomadische Nahrungssuche war die Lebensweise unserer Spezies und ihrer Vorfahren seit der Entstehung der Gattung Homo im frühen Pleistozän, also vor rund 2,5 Millionen Jahren.
Unsere Psychologie hat sich als Anpassung an die Existenzform der mobilen Jäger und Sammler geformt, die in gut 99 Prozent der menschlichen Evolution alltägliche Praxis war. Das änderte sich erst fundamental vor rund 12.000 Jahren mit der Erfindung der Landwirtschaft. [12.000 = 0,48 % von 2,5 Mill.]
Um die Relevanz zu verstehen: Stellt man sich die 2,5 Millionen Jahre menschliche Evolution als einen Tag von 24 Stunden vor, haben wir gut 23 Stunden und 54 [besser 53] Minuten davon jagend und sammelnd in kleinen Gruppen als Wildbeuter verbracht. Das hat uns bis ins Erbgut hinein geprägt, unsere Körper wie unsere Psychologie. (Meller et al. 2024, S. 46)
3 Wie wir Menschen wurden
Allmählich bildeten sich aufgrund der geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Ökologie – die Männchen hielten sich eher im offenen Gelände auf, die Weibchen mit den Jungen eher in der Nähe der Deckung der Bäume – und der Möglichkeiten zum Tausch der jeweils gewonnenen Nahrung Paarbindungen aus. (Meller et al. 2024, S. 49)
Viele Jahrtausende später entwickelte sich daraus eine Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Die Männchen übernahmen die riskanteren Formen der Nahrungssuche, die mit größeren Gefahren verbunden waren (z.B. die Jagd auf große Säugetiere oder das Sammeln von Honig) und bei denen es häufiger vorkam, dass sie ohne Erfolg blieben. Die Weibchen dagegen und die jüngeren Individuen betrieben die zuverlässigere Form des Nahrungssammelns. (Meller et al. 2024, S. 49–50)
Auf rund 300.000 Jahre vor heute werden die Anfänge des Homo sapiens angesetzt. Das Bündel der Innovationen, die sich maßgeblich der Sprache verdankten, half den anatomisch modernen Menschen, ihren Lebensstil zu perfektionieren. Es gibt Hinweise auf dichtere Populationen, einschließlich der spezialisierten Nutzung einer größeren Vielfalt an Ressourcen. (Meller et al. 2024, S. 52)
Bei Menschen dagegen ist Teilen die Lebensversicherung der Steinzeit. Das Verschenken von Nahrung oder tatkräftige Hilfe mögen wie uneigennützige, bedingungslose Großzügigkeit aussehen, und die bewusste Grundhaltung ist oft auch die eines Drangs zum Teilen ohne Hintergedanken. Menschen empfinden tatsächlich Glück beim Schenken. Doch auch das liegt in unserer Natur: Jede Gabe verlangt eine Gegengabe: »Wenn ich mit dir teile, tue ich das, weil ich weiß, dass du dich revanchieren wirst.« Reziprozität, das Prinzip der Gegenseitigkeit, ist ein Kernelement der menschlichen Psychologie. Geben und Nehmen müssen im Gleichgewicht stehen. Positive Handlungen sind mit positiven Handlungen zu erwidern und – das ist in Bezug auf Gewalt wichtig – negative Aktionen mit negativen. Entsprechend ist ein Sinn für Fairness, also für die Balance und Reziprozität sozialer Beziehungen, eine menschliche Universalie. (Meller et al. 2024, S. 56–57)
Niemand kann allein überleben, deshalb steht die Gruppe an erster Stelle. Daher ist Konformismus wichtig, weil viele Entscheidungen gemeinsam getroffen und die entsprechenden Schritte der Umsetzung zusammen geplant und beschlossen werden müssen. Man fühlt sich gut, wenn das funktioniert. Folglich weist die menschliche Psychologie einen starken Zug, wenn nicht gar Zwang zum konformistischen Verhalten auf. Menschen registrieren sehr genau, wie die anderen sich verhalten, und passen dann ihr eigenes Verhalten an. Und sie registrieren abweichendes Verhalten und bewerten das nicht nur, sondern sind auch bereit, es zu bestrafen. (Meller et al. 2024, S. 57)
Die Existenz als Jäger und Sammler basiert auf der allgemeinen Anerkennung der grundlegenden Gleichheit und Autonomie jedes Einzelnen. Gruppen haben keine Anführer, obwohl das Wort mancher Individuen schwerer wiegen kann, weil sie älter, erfahrener oder in dieser oder jener Hinsicht talentierter sind. Nomadische Jäger und Sammler sind strikt egalitär organisiert. (Meller et al. 2024, S. 57)
Die Verpflichtung zum Teilen und Helfen erstreckt sich auch auf andere Gruppen innerhalb des Gemeinschaftsnetzes und mitunter sogar über die Communities hinaus. Damit wird der aus unserer heutigen Perspektive auffälligste – und für dieses Buch zentrale – Aspekt des Lebens von Jägern und Sammlern verständlich: Offen ausgetragene Konflikte innerhalb von Communities (also sowohl innerhalb von Gruppen als auch zwischen Gruppen desselben Netzwerks) sind selten. Alle profitieren von der gegenseitigen Solidarität. Jeder, der dagegen aufbegehrt oder torpediert, hat viele gegen sich, da er das Überleben aller gefährdet. (Meller et al. 2024, S. 58)
Selbst in modernen, kriegsdominierten Zeiten erwartet man nicht, dass Menschen sich innerhalb von Gemeinschaften wie Verwandtenkreisen an die Gurgel gehen. Tatsächlich sind wir eine der wenigen Spezies, bei denen ungezügelte Aggression im innerartlichen Zusammenleben kaum vorkommt und bei der andere, unbeteiligte Gruppenmitglieder einschreiten würden, um den Kampf zu schlichten. (Meller et al. 2024, S. 58)
4 Über Aggression
Ziehen wir eine wichtige Schlussfolgerung: Tiere kämpfen manchmal, und wenn sie das tun, kämpfen sie, weil sie um etwas konkurrieren, und in diesen Kämpfen töten sie gelegentlich ihren Gegner. Wir wissen auch, wann das am wahrscheinlichsten ist: Wenn der Einsatz für die Fortpflanzung so hoch ist, dass es sich lohnt, das Risiko einzugehen, insbesondere, wenn die Tiere sich in einer Jetzt-oder-nie-Situation befinden. Die natürliche Auslese hat also durchaus rationale Entscheidungsregeln in den Köpfen der Teilnehmer installiert, die wirken, ohne dass den Tieren die Intention dahinter bewusst ist.
Damit ist ein bemerkenswert hartnäckiger Mythos über Aggression zu beerdigen: die erwähnte Vorstellung, dass sich der Aggressionstrieb über einen bestimmten Zeitraum hinweg anstaut, um sich plötzlich in einem Gewaltausbruch zu entladen. Das steht im offenen Widerspruch zur evolutionär angelegten Rationalität des Kampfes, die wir gerade offengelegt haben. Es wäre suizidal, käme es wie von selbst zu einer Gewalteruption, nur weil das individuelle Aggressionsfass mal wieder voll ist. (Meller et al. 2024, S. 69)
Als der Primatologe Frans de Waal erstmals berichtete, dass sich Schimpansen nach einem Streit wieder versöhnen, wurde das mit Spott und dem Vorwurf unangemessener Vermenschlichung quittiert. Doch mittlerweile ist nachgewiesen, dass nicht nur Schimpansen das tun, sondern praktisch alle Tierarten, die in stabilen Gruppen leben. (Meller et al. 2024, S. 70)
Auch Versöhnung wurzelt tief im Tierreich und erfordert nicht einmal ein hohes Maß an Intelligenz. Dagegen werden wir nie erleben, dass sich Rivalen, die nicht in einer Gemeinschaft leben, nach einem Streit versöhnen. Wenn sogar Tiere ihre Aggressionen im Griff haben und untereinander Frieden stiften können – dann können Menschen das natürlich auch. Höchste Zeit also, vor der Natur keine Angst mehr zu haben. Dort regiert nicht nur die schiere Gewalt. (Meller et al. 2024, S. 70)
Werfen wir einen Blick in die Ethnografie. Berichte aus den letzten fünfhundert Jahren stimmen auffällig darin überein: Menschen, die in kleinen Gesellschaften leben, sind in ihrem Alltag sehr friedlich. Insbesondere, wenn sie egalitär sind, wie mobile Jäger und Sammler. Der allgemeine Tenor in der ethnografischen Literatur lautet: Die Menschen sind in der Regel freundlich, sogar fröhlich und streiten selten, geschweige denn, dass sie sich prügeln. Vergleichsstudien ergaben, dass körperliche Auseinandersetzungen in einem Jäger und Sammler-Lager erstaunlicherweise nicht einmal ein Hundertstel so häufig vorkommen wie in einer Schimpansen- oder Bonobogruppe. (Meller et al. 2024, S. 73–74)
5 Kollektive Gewalt
Hier zeigt sich ein Muster, das auch für die Primatenart Homo sapiens bedeutsam ist: Wo die Ungleichheit innerhalb einer Gruppe gering ist, ist ein breites Engagement der Individuen bei einem anstehenden Konflikt mit anderen Gruppen sehr viel wahrscheinlicher, weil die Balance von Kosten und Nutzen für alle Beteiligten etwa gleich ist und sie alle auf ähnliche Weise profitieren. Es geht um die gemeinsame Sache aller. (Meller et al. 2024, S. 84)
Wir haben gesehen, dass trotz des chaotischen Handgemenges bei tatsächlichen Kämpfen zwischen Gruppen die Regeln, nach denen Tiere ihre Rolle wählen, im Grunde dieselben sind wie bei Konflikten zwischen Individuen. Es geht wieder um das Verhältnis zwischen wahrgenommenen Risiken und möglichen Gewinnen. Das hängt von vielen Faktoren ab: der eigenen Stärke, dem Geschlecht, dem Alter, dem Vorhandensein und der Anzahl von Verwandten, der Größe der gegnerischen Gruppe, den Vorteilen, die das Individuum aus einem Sieg ziehen kann, die wiederum vom Grad der Ungleichheit innerhalb der Gruppe abhängen, und der Fähigkeit, andere für den Kampf zu gewinnen. (Meller et al. 2024, S. 87–88)
Zwar kann es zu gelegentlichen Fehlschlägen kommen, da die Entscheidungen schnell und intuitiv getroffen werden, aber im Durchschnitt fahren die Individuen meist gut damit. Oft lautet das Ergebnis nämlich: nicht kämpfen! (Meller et al. 2024, S. 88)
Warum sollte das bei unserer eigenen Spezies anders sein? Die Auswirkungen des Handelns des Einzelnen auf das Wohlergehen der Gruppe, in der er lebt, spielten früher eine Rolle, aber nur in dem Maße, in dem der Einzelne letztendlich auch davon profitierte. Menschen neigen stark dazu, gute Taten zu erwidern. Das war der soziale Klebstoff der Jäger und Sammler-Gesellschaften und ist die Grundlage unserer prosozialen Psychologie.
Wichtig ist also: Gewalt ist auch im Tierreich nicht das einzige und schon gar nicht das allgemein präferierte Mittel, um Konflikte zu lösen. Wie andere Primaten auch sollten Menschen nicht darauf erpicht sein, Kriege – mit potenziell tödlichem Ausgang – zu führen. Das ist in der Regel weder in ihrem unmittelbaren noch in ihrem langfristigen Eigeninteresse. Tun sie es doch, dann deshalb, weil sie die Risiken im Verhältnis zu den zu erwartenden Gewinnen als gering genug einschätzen oder weil sie überzeugt sind, keine andere Möglichkeit zu haben. Aber das gilt nur dort, wo sie selbst darüber entscheiden können. In historischen Zeiten werden die allermeisten Menschen schlicht in den Krieg geschickt. (Meller et al. 2024, S. 88)
6 Die Wahrheit über Schimpansen und Bonobos
Welche Ironie also, dass die moderne Genetik zeigt, dass diese beiden afrikanischen Affenarten, von denen man annahm, dass sie schamlose Sexualität und ungehemmte Gewalt verkörperten, unsere nächsten lebenden Verwandten sind! Und das mit einer erstaunlich hohen genetischen Überlappung von fast 99 Prozent. Wir teilen mit beiden Arten einen gemeinsamen Vorfahren, der vor sieben, vielleicht auch neun Millionen Jahren lebte. Da sich Bonobos und Schimpansen erst später aufgespalten haben, sind wir mit beiden etwa gleich verwandt. (Meller et al. 2024, S. 90)
Und doch stimmen ausnahmsweise die Klischees: Schimpansen sind gewalttätig und Bonobos machen Liebe. (Meller et al. 2024, S. 90)
Natürlich haben Schimpansen und Bonobos eine Menge gemeinsam. Sie sehen sich so ähnlich, dass sie bis in die 1930er Jahre nicht als zwei getrennte Arten anerkannt waren. (Meller et al. 2024, S. 91)
Schimpansen und Bonobos unterscheiden sich aber auch deutlich, und das in sehr beachtlicher Weise für Arten, die sich erst vor kaum zwei Millionen Jahren getrennt haben. Die Ursache? Der Kongo-Fluss, der in einer sanften Nord-Süd-Schleife zum Atlantik fließt, führte eine Zeit lang so wenig Wasser, dass schimpansenartige Menschenaffen nach Süden gelangten. Nachdem das Klima feuchter wurde und den Fluss wieder in ein unüberwindbares Hindernis verwandelte, entwickelte sich die abgetrennte Population auf eigene Weise zu Bonobos. (Meller et al. 2024, S. 92)
Weibliche Bonobos signalisieren ihren Eisprung nicht. Männchen müssten also versuchen, sie die ganze Zeit unter Kontrolle zu halten, was unmöglich ist. Schimpansinnen zeigen mit ihren Schwellungen die Empfängnisbereitschaft sehr deutlich an. In dieser Phase lässt das dominante Männchen keine anderen Männchen an sie heran – und sorgt damit für Konfliktpotenzial.
Bonobos dagegen paaren sich während ihres gesamten Fortpflanzungszyklus, also auch zur Zeit der Schwangerschaft und bald nach der Geburt, während sie ihr Baby noch säugen (was bei Primaten nicht sehr üblich ist). Das erklärt den lüsternen Ruf der Bonobos: Sie müssen sich so oft paaren, um das Zeitfenster für die Befruchtung nicht zu verpassen. Man schätzt, dass ein Bonobo-Weibchen für jede Befruchtung etwa 1800-mal Sex hat, also etwa doppelt so oft wie ein Schimpansen-Weibchen und etwa fünf Mal so oft wie eine Durchschnittsfrau. All das hilft uns zu erklären, warum Bonobos Liebe machen und den Sex als sozialen Klebstoff benutzen, und auch, wie sich die menschliche Sexualität entwickelt hat. Aber hilft es uns auch herauszufinden, warum Schimpansen Krieg führen? (Meller et al. 2024, S. 93)
Krieg? Ja, insofern man der weiten Definition folgt und Krieg bereits dann herrscht, wenn Mitglieder einer Gruppe kollektiv und mit potenziell tödlicher Gewalt gegen Individuen außerhalb dieser Gruppe vorgehen. Schimpansen-Gemeinschaften tun das an allen bisher beobachteten Orten, allein die Todesrate variiert. Berühmt-berüchtigt ist der von Jane Goodall und ihrem Team beobachtete »Vierjährige Krieg von Gombe« (1974–1978), der mit der Vernichtung einer ganzen Gemeinschaft endete, die sich von ihren späteren Feinden abgespalten hatte. Eines nach dem anderen wurden die Tiere von ihren ehemaligen Gruppenmitgliedern [auf brutale Weise] umgebracht. (Meller et al. 2024, S. 93–94)
Die für viele offensichtliche Folgerung lautete: Wir führen Kriege, weil unsere Vorfahren das auch getan haben, und zwar seit Millionen von Jahren. Krieg zu treiben wäre also unsere evolutionäre Erblast.
Doch in den vergangenen Jahren haben die Erkenntnisse aus der Bonobo-Forschung diese Argumentation ausgehebelt. Die beiden Schimpansenarten teilten noch vor rund zwei Millionen Jahren einen gemeinsamen Vorfahren, haben dann aber in evolutionär erstaunlich kurzer Zeit ein geradezu gegensätzliches Verhalten entwickelt. Und das allein aufgrund einer einfachen ökologischen Anpassung, die ihre Lebensweise veränderte. Südlich des Kongos nämlich, wohin es die Vorfahren der Bonobos verschlagen hatte, lebten keine Gorillas. Die sind nördlich des Flusses starke Nahrungskonkurrenten der Schimpansen. Beide Arten lieben bestimmte saftige Pflanzenarten, die etwa auf Lichtungen im Überfluss wachsen. Wegen der Gorillas sind diese aber im Norden knapp, weshalb Schimpansen sich zerstreut auf die Suche nach alternativen Futterquellen begeben müssen. Die Bonobos im gorillafreien Süden hingegen können sich ganz entspannt in großen Gruppen mit den saftigen Kräutern die Bäuche vollschlagen. (Meller et al. 2024, S. 95)
Deshalb ist die alte These, menschliches Kriegführen sei Primatenerbe, nicht mehr haltbar. Die Entwicklungslinien unserer Vorfahren und der Schimpansen trennten sich bereits vor rund acht Millionen Jahren. Das ist etwa viermal früher als die Aufspaltung der Linien von Schimpansen und Bonobos. Seitdem hat sich die menschliche Lebensweise in der offenen Savanne drastisch verändert. Der Unterschied zwischen Menschen und Schimpansen ist daher um so vieles größer als der zwischen Schimpansen und Bonobos. Wenn sich die Bonobos innerhalb von zwei Millionen Jahren allein durch eine leicht veränderte Diät zu einer friedfertigen »Make-Love-Not-War«-Spezies entwickeln konnten – was ist dann erst in den acht Millionen Jahren alles bei Menschen möglich gewesen? (Meller et al. 2024, S. 95–96)
7 Lehren der Jäger und Sammler
Fassen wir zusammen: Jene evolutionäre Logik, die Schimpansen dazu verführt, über Nachbarn herzufallen, weil es sich für sie auszahlt, lässt sich nicht einfach auf Menschen übertragen. Das brächte für diese in nur ganz seltenen Fällen einen Nutzen, der das Risiko und die Kosten aufwiegt. Der Vergleich führt also zu einem deutlichen Ergebnis: Allein aus der evolutionären Logik heraus spricht alles dafür, dass unsere Vorfahren nicht in einem permanenten Zustand des latenten Krieges lebten, wie das bei Schimpansen der Fall ist. (Meller et al. 2024, S. 106)
Nun gibt es noch ein »Killerargument« gegen die Hypothese, Menschen seien Killer Apes gewesen: Wir sehen über die Jahrhunderttausende hinweg keinerlei Innovationen in Waffen- und Verteidigungstechnologie! Bei permanenter Kriegsgefahr hätte das anders sein müssen. Es lastete also kein nennenswerter Anpassungsdruck auf unseren Vorfahren. Wir werden noch sehen, welch zentraler Innovationsmotor der Krieg sein wird, hat er sich erst einmal etabliert. (Meller et al. 2024, S. 106)
Das bedeutet, dass wir unter nomadischen Jägern und Sammlern, insbesondere jenen der tiefen Vergangenheit, all das nicht finden, was in sesshaften Zeiten typisch für Kriege sein wird: keine speziellen Kriegswaffen, keine Befestigungen, keine Schlachten, geschweige denn ausgedehnte Feldzüge, keine dauerhafte Besetzung des gegnerischen Territoriums, keine Vergewaltigungen von Frauen, keine Gefangennahme und Versklavung von Gegnern. (Meller et al. 2024, S. 107)
Die sogenannten Falken unter den Anthropologen, die immer und überall Krieg sahen, haben also zumindest in dem Punkt nicht unrecht, dass manche ethnografische Darstellungen zu romantisierend waren und zur Befriedung der Vorgeschichte neigten. Wie schnell sich eine zutiefst martialische Kultur entwickeln kann, zeigt der Fall indigener Stämme Nordamerikas. Sie zähmten die wilden Nachfahren entlaufener Pferde der Spanier und revolutionierten auf ihren Mustangs nicht nur die Bisonjagd, sondern überfielen nun auch ihre Nachbarstämme. Doch auch das geschah in einer bereits kriegerischen Welt.
Trotz all der Berichte, die uns Ethnografen geliefert haben, fällt es schwer, sie einzuordnen. Zu vielfältig sind die Befunde, zu besonders die jeweiligen Umstände, zu klein und unzuverlässig die Zahlen. Was das hier lediglich kurz angerissene Verhaltensspektrum verschiedener Kulturen verdeutlicht, ist die erstaunliche Fähigkeit des Homo sapiens, unter neuartigen sozioökologischen Bedingungen spezifische Verhaltensstrategien zu entwickeln. Die mögen zwar für die Betroffenen zur zweiten Natur geworden sein, sind aber doch nur kulturelle Produkte, auch wenn diese durchaus evolutionären Logiken unterworfen sind. Deshalb wird der Zugang über die Archäologie so wichtig, weil wir dort konkrete Nachweise finden werden. (Meller et al. 2024, S. 111)
Die mobilen Jäger und Sammler-Populationen verharrten also auf einem Niveau, auf dem sie die natürlichen Ressourcen nicht ausschöpften, und gerieten daher erst gar nicht in ernsthaften Wettbewerb mit benachbarten Gruppen. Hier gilt es, ein weiteres auf Thomas Hobbes zurückgehendes Vorurteil zu beerdigen, das menschliche Leben sei »einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz« gewesen. Die Menschen der Vorgeschichte hätten beständig mit Mangel zu kämpfen gehabt. Das Gegenteil war der Fall: Sie waren bestens an ihre Lebensräume angepasst, die Kenntnis ihrer Umwelt war in jeder Hinsicht hervorragend. Das alles legt nahe, dass sich Konflikte bei ihnen eben eher an Beleidigungen, sexueller Eifersucht oder echten Vergehen wie Mord entzündeten als am Zugang zu Ressourcen. (Meller et al. 2024, S. 113)
8 Kriegspsychologie?
Die Tragweite der Erkenntnisse aus Evolutionsbiologie, Primatologie und Ethnografie ist enorm: Zum einen widerlegen sie die These eines permanenten Kriegszustands, in dem sich die menschliche Evolution vollzogen haben soll. Gewalt und Konflikte waren in der Vorgeschichte nichts Unbekanntes. Aber Kriege stellten keine ständige Bedrohung dar, und das Führen von Kriegen hat sich deshalb nicht ins Erbgut des Homo sapiens eingeschrieben, sodass Menschen ihm unausweichlich ausgeliefert wären. (Meller et al. 2024, S. 115)
Wir sind also nicht kooperativ geworden, weil wir Kriege führen. Wir können Kriege führen, weil wir höchst kooperative Tiere sind. Menschen besitzen eine ganze Reihe psychologischer Eigenheiten, die unter bestimmten Umständen oder durch gezielte Manipulation dazu führen, dass der Krieg doch Gewalt über uns gewinnen kann. Folglich existiert keine eigenständige durch den Krieg geformte Kriegspsychologie, wohl aber eine Reihe evolutionärer Anpassungen, die sich unter bestimmten Umständen leicht zur kollektiven Gewaltausübung rekrutieren lassen. Deshalb wollen wir keinesfalls ausschließen, dass es in der Evolution gelegentlich zu einzelnen einschneidenden, gewaltvollen Perioden kam, in denen solche Dispositionen höchst adaptiv waren. (Meller et al. 2024, S. 117)
Hier zeigt sich der Vorteil der von uns favorisierten Definitionsweise, den Krieg als Komplex zu verstehen, der aus einzelnen Komponenten besteht, die unterschiedlichen Alters und Ursprungs sind. Vieles ist späte kulturelle Ausgestaltung. Manches aber auch altes Primatenerbe. Stellen wir nun die wichtigsten Charakteristika der menschlichen Psyche und des Sozialverhaltens vor, die für die Evolution der Gewalt entscheidend sind. Es handelt sich um Charakteristika dessen, was wir die erste Natur nannten, sie sind Teil der evolutionären Grundausstattung des Homo sapiens und begleiten uns deshalb noch heute. (Meller et al. 2024, S. 118)
Freund-Feind-Denken
Die Entdeckung des Wir kann als Meilenstein unserer Evolution betrachtet werden. Niemand konnte allein überleben, die Gruppe stand über allem. Sie tat ihrerseits alles, die Kooperation gegen Egoisten, Alphas und Trittbrettfahrer zu schützen. Kein Individuum darf über der Gemeinschaft stehen. Diese Überhöhung der Gruppe verstärkte die gruppeninterne Voreingenommenheit. Wir halten uns gerne für etwas Besseres als die anderen.
Die Ethnografie kennt weltweit unzählige Beispiele von Gruppen, Stämmen, Ethnien, die sich selbst als »Menschen« oder »wahre Menschen« bezeichnen. Schon 1929 hat der Ethnologe Maurice R. Davie eine lange Liste an Beispielen vorgelegt: (Meller et al. 2024, S. 118)
Davie führt weiter aus: »Diese Tendenz von Gruppen, sich im Vergleich zu anderen zu erhöhen, ist keineswegs auf weniger entwickelte Völker beschränkt. Die Hebräer zum Beispiel teilten die gesamte Menschheit in sich und die Heiden ein; sie waren das ›auserwählte Volk‹. Die Griechen und Römer nannten alle Außenseiter ›Barbaren‹. Das Wort Deutsch bedeutete ursprünglich ›Volk‹. Die Lappen bezeichnen sich selbst als ›Menschen‹ oder ›menschliche Wesen‹. Die Araber betrachten sich selbst als die edelste Nation und alle anderen als mehr oder weniger barbarisch.« Und er zieht die Linie weiter bis in seine Gegenwart: »Jeder Staat sieht sich selbst als den Führer der Zivilisation, als den besten, freiesten und weisesten und alle anderen als minderwertig. Nationaler Stolz und Patriotismus können leicht zu Größenwahn, Hurrapatriotismus und arroganter Verachtung für alle Außenseiter führen.« Davies Fazit: »Solange der Ethnozentrismus vorherrscht, wird der Frieden die Ausnahme und der Krieg die Regel sein.« (Meller et al. 2024, S. 119)
Der Anthropologe Claude Lévi-Strauss betonte, dass Gegensätze wie Freund-Feind oder Gut-Böse für Menschen besonders »leicht zu denken« sind. (Meller et al. 2024, S. 119)
Zusammenstehen
Steht die eigene Gruppe über allem, erklärt sich eine typische Verhaltensweise im Zusammenhang mit Krieg fast von selbst: die reflexartige Solidaritätsreaktion, wenn Menschen sich existenziell bedroht fühlen. Sie vergessen ihre Differenzen, schließen die Reihen und sind bereit, alles zur Verteidigung zu unternehmen. Auch hier: Hinter der gemeinsamen Sache hat das individuelle Interesse zurückzutreten.
Die Wurzeln solchen Verhaltens reichen in die allerfrüheste Vorzeit zurück. Das auslösende Moment müssen nicht einmal Angriffe von Vertretern der eigenen Art sein, allein die Bedrohung durch Raubtiere genügt. Wir haben es beschrieben: Unsere Vorfahren lernten in der offenen Savanne zu überleben und sich gemeinsam gegen Raubkatzen, Hyänen und anderes wenig menschenfreundliches Getier zur Wehr zu setzen. (Meller et al. 2024, S. 120)
Anführer
Immer wieder haben wir die Egalitarität der Jäger und Sammler betont. Da überrascht die Bereitschaft, dass Menschen sich in Zeiten der Not leicht einem Anführer unterordnen. Ethnografische Jäger und Sammler-Studien berichten, dass jene, die gewöhnlich jeden in die Schranken weisen, der versucht, sie herumzukommandieren, in bedrohlichen Situationen bereit sind, Anführer zu ernennen, welche die Gruppe dirigieren und schnelle Entscheidungen treffen.
Entsprechend besteht bei Menschen die latente Bereitschaft, in Krisen einem Anführer zu folgen. Hier liegt das Potenzial für die charismatischen Führer, von denen Max Weber als einer ersten Form von Herrschaft sprach. Sie dominieren durch ihre Ausstrahlung und Kompetenz, die ihnen die Aura verleiht, besser als andere zu wissen, was in der Not zu tun ist. Auch das also eine evolutionäre Lektion: In Krisenzeiten haben sich als Auserwählte gebärende Autokraten leichtes Spiel. (Meller et al. 2024, S. 121)
Gewalt verlangt nach Legitimation
Menschliche wie tierische Individuen entschieden die längste Zeit der Evolution selbst, ob sie an einem Konflikt teilnehmen oder nicht. (Meller et al. 2024, S. 121)
Folglich bedurfte jeder kollektive Gewalteinsatz, sofern er nicht aus dem Affekt entsprang, einer argumentativen Begründung. Und da das Risiko groß und der Nutzen klein war, brauchte es in jenen Zeiten, als die Menschen noch keinen Herrschern unterworfen waren, ein enormes Stück Überzeugungsarbeit. Nur wenige Strategien verfangen bei Menschen. Diese tun es aber bis heute.
Die offensichtlichste haben wir bereits behandelt: Angriffskriege sind etwas völlig anderes als Verteidigungskriege. Kämpfer für Verteidigungskriege zu rekrutieren, ist leicht. Wenn die Alternative darin besteht, alles zu verlieren, was einem lieb und teuer ist, sind die meisten Menschen bereit, ins Risiko zu gehen. Jemanden für einen Angriff zu gewinnen, ist dagegen bedeutend schwerer. … Folglich beschwören Populisten aller Zeiten angebliche Gefahren, gegen die sich zur Wehr zu setzen nichts als Notwehr sei.
Die zweite Strategie ist das Narrativ, dass der Gegner bestraft werden muss, weil er etwas Schändliches getan hat, per se böse oder minderwertig ist. (Meller et al. 2024, S. 122)
Bis zum heutigen Tag wird der eigene Krieg mit Vorliebe als Kampf gegen das Böse, die Faschisten, die Ungläubigen stilisiert oder als Bestrafung von Verbrechen der Gegner ausgegeben – mögen diese auch noch so lange zurückliegen. Potentaten, Populisten, Demagogen spielen die Klaviatur virtuos: Dem Gegner werden die niedrigsten Motive und finstersten Absichten unterstellt. Ob »gerechte« oder »heilige« Kriege: Die moralischen Kreuzritter welcher Couleur auch immer nehmen zu allen Zeiten für sich in Anspruch, im Namen des Guten das Böse zu vernichten.
Tatsächlich sind Menschen in dieser Hinsicht leicht verführbar: Kaum etwas genießen sie mehr auf dem Sofa, als wenn die Schurken zur verdienten Rechenschaft gezogen oder am besten gleich schnurstracks zur Hölle geschickt werden. (Meller et al. 2024, S. 123)
Halten wir als grundlegende Erkenntnis fest: Allein das Argument, den Reichtum oder das Land anderer rauben zu wollen, um sich zu bereichern, verfängt bei Menschen nicht. 99 Prozent der Menschheitsgeschichte gab es schließlich so gut wie nichts zu holen. Ein Überfall braucht immer eine andere Legitimation: entweder sich gegen Feinde zu verteidigen oder diese für ihre Bosheit, ihren Verrat, ihre Niedertracht zu bestrafen. Das werden die gesamte Menschheitsgeschichte die beiden zentralen Rechtfertigungsstrategien für Kriege sein. (Meller et al. 2024, S. 124)
Entmenschlichen
Es braucht diese Legitimationen auch, um ein menschliches Charakteristikum auszuhebeln: die Hemmung, andere zu töten. Das ist, wie ausgeführt, adaptiv, ansonsten könnte es mit der Kooperation sehr schnell zu Ende sein. Frans de Waal brachte das anschaulich auf den Punkt: Die Natur habe dafür gesorgt, dass wir in Dingen wie Essen oder Sex Erfüllung finden, weil sie überlebensnotwendig sind. »Wenn Kriegführen also wirklich in unserer DNA verankert wäre, sollten wir es freudig betreiben. (Meller et al. 2024, S. 124)
Dave Grossman war Dozent für Militärpsychologie in Westpoint. Sein Buch »On Killing« zeigt eindrucksvoll, dass die größte Herausforderung von Armeen darin besteht, den Widerwillen der Soldaten, andere Menschen zu töten, zu überwinden. Die Tötungshemmung muss durch abstumpfenden Drill und gezieltes Training ausgehebelt werden. Die amerikanischen Soldaten waren im Zweiten Weltkrieg so wenig vorbereitet, auf reale Menschen zu schießen, dass nur 15 bis 20 Prozent der Infanteristen überhaupt einen Schuss abgaben. Durch neue Methoden, insbesondere das konsequente Schießen auf Menschenattrappen, die umfallen, wenn sie getroffen werden, statt auf klassische Bullseye-Zielscheiben, ließ sich die Rate auf etwa 55 Prozent im Korea- und 95 Prozent im Vietnamkrieg steigern. (Meller et al. 2024, S. 124–125)
Bestimmte Facetten der menschlichen Psychologie tragen dazu bei, die Tötungshemmung beiseitezuschieben. Wieder kommt die Freund-Feind-Dichotomie ins Spiel. Das fängt bei der Empathie an: Wir sind gut darin, mit Fürsorge zu reagieren, wenn wir jemanden leiden sehen. Experimente zeigen indes: Empathie ist bei Familienangehörigen und vertrauten Menschen viel stärker ausgeprägt als gegenüber Fremden. (Meller et al. 2024, S. 125)
Tatsächlich ist das ein Zug, der auch die menschliche Geschichte der Gewalt kennzeichnet: Den Feinden wird das Menschsein abgesprochen, sie werden dämonisiert, zu Tieren oder Untermenschen erklärt – und so das Töten erleichtert. Die moralische Verteufelung der Gegner zieht sich als blutroter Faden durch die Geschichte und macht es wahrscheinlicher, dass das Töten zu einem schockierenden Gemetzel entarten kann. Ganz so, wie das Goodall für Schimpansen beschrieben hat, geraten zumindest einige Menschen in solchen Fällen in einen Rausch. (Meller et al. 2024, S. 125)
Die Gruppendynamik wirkt wie ein Katalysator: Indem alle auf das Opfer einprügeln, schlagen, stechen, bestätigen sich die Täter gegenseitig, dass ihr Tun rechtens ist – und keiner von ihnen in den Verdacht gerät, nicht zu hundert Prozent hinter der eigenen Sache zu stehen. Dieses Eingeständnis überträgt sich auch auf die Zuschauer. Die Brutalität wird damit zu dem, was Anthropologen »Credibility Enhancing Displays« nennen, Glaubwürdigkeitsbeweise. Die entgrenzte Gewalt räumt alle Zweifel aus, dass man nicht in felsenfester Feindschaft dem Opfer gegenübersteht und kein absolut treuer Gefolgsmann der eigenen, nämlich moralisch überlegenen Sache ist. Menschen können schrecklichste Dinge tun, im Glauben, dem Guten zu dienen. (Meller et al. 2024, S. 125–126)
Männerbande
Da es hier darum geht, die evolutionären Grundlagen des Kriegskomplexes zu verstehen, kommen wir nicht umhin, uns einer seiner auffälligsten Komponenten zu stellen: Durch die Geschichte hinweg ist Krieg, zumindest was die agierende Seite angeht, Männersache. Gibt es evolutionäre Gründe dafür? (Meller et al. 2024, S. 126)
Koalitionäre Aggression innerhalb einer Gruppe erfordert wiederum eine effektive Koordination auf der Grundlage blinden Vertrauens. Und da sowohl die Jagd als auch eine wirksame Kleinkriegsführung gemeinsam ausgetragene Aggressionen sind, stellt das die ideale Voraussetzung für den Erfolg solcher Unternehmungen dar. In der Tat dient Schimpansen-Männchen die gemeinsame Jagd dazu, ihre Allianzen zu schmieden und zu festigen. In diesen Bündnissen sind niemals Weibchen vertreten, da Weibchen nichts davon haben, sich solchen politischen Koalitionen anzuschließen, die darauf zielen, Dominanz und damit Paarungsprivilegien zu erlangen. (Meller et al. 2024, S. 126–127)
Dieses Muster wird durchbrochen, sobald es sich um reine Abwehrkämpfe handelt. Durch die Geschichte hinweg gibt es Berichte über die aktive Beteiligung von Frauen an der Verteidigung. (Meller et al. 2024, S. 127)
Dennoch haben wir es mit einem fundamentalen Faktor für die Evolution der Gewalt und die spätere Ausdifferenzierung des Kriegswesens zu tun: Das »Male Bonding«, die emotional engen Bindungen zwischen Männern, stellt ein Kontinuum dar, das von den Anfängen gemeinschaftlicher Jagd bis zur Soldatenkameradschaft moderner Kriege reicht. Die weite Verbreitung von reinen Männerritualen und Männerhäusern, die Frauen systematisch ausschließen, spricht dafür, dass sie immer latent vorhanden waren. Dass die Männerbindungen dann in Zeiten, in denen der Krieg zum menschlichen Normalzustand avancierte, kultiviert und verschärft wurden, werden wir noch sehen. Insbesondere in patriarchalen Zeiten werden sie festgeschrieben, zumal Frauen aus der öffentlichen Sphäre verdrängt wurden und damit ihren Einfluss auf gesellschaftliche Entscheidungen verloren. Über Krieg wurde nun nur noch von jenen debattiert, für die er ohnehin selbstverständlich geworden war. All das, wie wir sehen werden, ein Schritt zur Normalisierung des Krieges. (Meller et al. 2024, S. 127–128)
In extremen Situationen kann es zu einer Identitätsverschmelzung kommen, einem intuitiven Gefühl der Einheit mit der Gruppe. Dies führt zu einem starken Drang, alles für die Mitkämpfer zu tun. Befragungen von Soldaten, die Gefechtssituationen überlebten, zeigen, dass sie nicht ans Vaterland oder zukünftigen Ruhm dachten, sondern nur an ihre Waffenbrüder. Das ist adaptiv: Je geschlossener und vertrauensvoller das Team, je intuitiver es operiert, desto höher die Effektivität und die Chance zu überleben. (Meller et al. 2024, S. 128)
Die Hypothese des männlichen Kriegers würde zumindest eine Erklärung liefern für das Vorhandensein von Mannschaftssportarten (männlich dominiert), Hooligans (männlich dominiert) und kriminellen Banden (männlich dominiert), die sich alle durch eine verschwörerische Loyalität und Solidarität mit der Ingroup sowie durch koalitionäre Aggression und gezielte Provokationen der gegnerischen Gruppen auszeichnen. Aber auch hier können wir nicht ausschließen, dass diese Phänomene durch die Sozialisation in Gesellschaften mit großer Ungleichheit, hohem Wettbewerb und patriarchalen Machtstrukturen verschärft werden. (Meller et al. 2024, S. 129)
Friedenspsychologie
Die letzte hier zu behandelnde Komponente, die für die Geschichte des Krieges entscheidend wird, mag überraschen: Es ist unsere Friedenspsychologie. Sie ist integraler Teil jenes Sets an Prädispositionen, die das Konfliktmanagement des Homo sapiens auszeichnet. (Meller et al. 2024, S. 129)
Das ist das menschliche Alleinstellungsmerkmal: Die guten Beziehungen zu benachbarten Gruppen bieten echte Vorteile in Form von Austausch oder Handel mit lebenswichtigen Gütern und gegenseitiger Unterstützung in Zeiten großer Not. Das ist auf die enormen Möglichkeiten von Sprache und einer hoch entwickelten Kognition zurückzuführen, welche die Option eröffnen, mit Geschenken und den daraus entstehenden Verpflichtungen umzugehen. Auch wenn das die Eskalation von Konflikten nicht gänzlich verhindern kann, verringert eine solche Interdependenz die Wahrscheinlichkeit von Konflikten, so wie es auch zwischen einzelnen Individuen innerhalb einer Gruppe der Fall ist. (Meller et al. 2024, S. 130)
Immanuel Kant hat in seiner 1795 erschienenen Schrift »Zum ewigen Frieden« darauf hingewiesen, und die moderne Forschung über Nationalstaaten hat ihn bestätigt: Je intensiver Länder miteinander Handel treiben, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie gegeneinander in den Krieg ziehen. (Meller et al. 2024, S. 130)
Das Fazit lautet: Nicht der ständige Krieg war es, der eine Kriegspsychologie hervorgebracht hat. Menschen sind ebenso wenig wie andere Tiere auch hilflos ihren Aggressionen ausgeliefert. Stattdessen hat die Konkurrenz, die nun einmal die Evolution auszeichnet, zu einem je artspezifischen Konfliktmanagement geführt, das immer die Option kannte, einem Konflikt aus dem Weg zu gehen. (Meller et al. 2024, S. 131–132)
Die überwältigende Mehrheit unserer mittlerweile acht Milliarden Artgenossen, bringt es der Anthropologe Robert Sussman auf den Punkt, »lebt Tage, Wochen, ja sogar ganze Leben ohne gewalttätige zwischenmenschliche Konflikte. Das soll keineswegs naiv Verbrechen, Kriege und staatliche Aggressionen in der heutigen Zeit herunterspielen, aber es rückt sie in den Bereich des Anomalen.« Viel zu lange hat die Evolutionsbiologie Gegenteiliges behauptet und damit Wasser auf die Mühlen der Kriegstreiber geleitet.
Menschen bringen zwar die Dispositionen mit, Krieg zu führen. Sie sind aber genetisch nicht auf Krieg programmiert. Und die längste Zeit der Evolution hatten die Menschen ihre Aggressionen im Griff. Das sind die Konsequenzen, die in der hier rekonstruierten evolutionären Logik liegen. Nun gilt es zu überprüfen, inwiefern das mit der prähistorischen Wirklichkeit übereinstimmt, deren Spuren die Archäologie zutage fördert. Und vor allem herauszufinden, wann und warum das so schrecklich aus dem Ruder laufen konnte. (Meller et al. 2024, S. 132)
Bemerkungen:
- Die angegebenen Momente einer Kriegspsychologie sind auch für die Erklärung des Verhaltens von deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg geeignet, was im Einzelnen nachgewiesen werden kann.
- Diskutiert werden müsste die Aussage des Ethnologen Maurice R. Davie, dass der Ethnozentrismus eine wesentliche Ursache für Kriege ist. Dabei geht es um die Untersuchung des Gegensatzes zwischen Nationalismus und Patriotismus.
Teil 3 Archäologische Spurensuche
9 Cold Cases in der Eiszeit
Wir haben bei unserer Suche nach Hinweisen auf Gewalt mindestens 400.000 Jahre, wenn wir die Australopithecinen berücksichtigen, sogar drei Millionen Jahre durchschritten – und dabei keine bedeutende Spur der Gewalt ausgelassen. Angesichts der Tatsache, dass die Zeugnisse aus diesen gigantischen Zeiträumen nicht nur spärlich, sondern auch schwer zu deuten sind, wenn es an die Frage geht, ob intentionale zwischenmenschliche Gewalt vorliegt oder nicht, ist es schwierig allzu weitgehende Schlüsse daraus zu ziehen. (Meller et al. 2024, S. 146)
Doch auch hier: Nur weil bisher keine Massengräber gefunden wurden, dürfen wir nicht vorschnell daraus schließen, Krieg hätte es damals nicht gegeben. Zumal gerade für Afrika, dem menschlichen Ursprungskontinent, wo die meisten Menschen lebten, die Datenlage dünn ist. Um es mit einem englischen Aphorismus zu sagen: »Absence of evidence is not evidence of absence.«
Dennoch: Wären die menschlichen Anfänge kriegerisch gewesen, müsste der eine oder andere Hinweis zu finden sein. Stattdessen haben wir beobachtet, dass wir es eher mit Lebensbedingungen zu tun hatten, die Solidarität zwischen Individuen und Gruppen als Erfolgsrezepte erscheinen lassen. Konfliktstoff war damals die allermeiste Zeit rar. (Meller et al. 2024, S. 147)
Gestützt wird die Annahme, dass Krieg keine dominierende Rolle in unserer Vorgeschichte spielte (wenn er überhaupt existent war), durch weitere archäologische Befunde indirekter Natur: Es gibt aus dem Paläolithikum keine Hinweise auf Verteidigungswerke oder Befestigungen. Ebenso wenig hat sich in dem hier betrachteten Zeitraum in der Waffentechnologie etwas getan, das darauf hindeuten würde, dass Krieg als Adaptionsfaktor und damit Innovationsmotor existierte. [Wiederholung] (Meller et al. 2024, S. 147)
Das alles sind Jagdwaffen. Dass sich damit auch Menschen töten lassen, steht außer Frage. Aber Waffen, die speziell diesem Zweck dienen, begegnen wir im Paläolithikum nicht. Was das Menschentöten angeht, scheint also die längste Zeit der Menschheitsgeschichte kein sonderlicher Innovationsdruck geherrscht zu haben – wie er typisch für die spätere Militärgeschichte sein wird. Nichts wird raschere und raffiniertere Fortschritte machen als jene Technologien, mittels derer andere Menschen möglichst effektiv umzubringen sind. (Meller et al. 2024, S. 148)
Ebenso ins Bild passt: die Kunst. Während sich kriegerische Kulturen späterer Zeiten an martialischen Bilderwelten berauschen, finden wir nichts dergleichen in der Eiszeitkunst. Szenen gewalttätiger Auseinandersetzungen? Gibt es nicht. (Meller et al. 2024, S. 149)
Ohnehin besticht die auf die Höhlenwände gemalte, gepickte, geritzte oder geschliffene Fauna mit einer erstaunlichen Friedfertigkeit; aggressive Szenen sind eine Seltenheit. Das gilt erst recht für die plastische Kunst, die in der Hauptsache einerseits wunderbar naturalistische Tierdarstellungen bietet, andererseits die bereits erwähnten Frauenstatuetten, die oft eine geradezu moderne Anmutung in ihrer reduzierten Abstraktheit aufzeigen. Heroische Kriegerposen wie sie in historischen Zeiten die Kunstgeschichte dominieren, sucht man in der angeblich primitiven Steinzeit vergeblich. (Meller et al. 2024, S. 149)
Tatsächlich stellt Kannibalismus ein wiederkehrendes Element der menschlichen Geschichte dar (wenn auch hier gilt, dass kaum je mit letzter Gewissheit zu belegen ist, ob das von Knochen abgeschabte oder geschnittene Fleisch tatsächlich verspeist wurde). (Meller et al. 2024, S. 150)
Doch Kannibalismus ist nicht gleich Krieg. Man verspeist in der Regel auch keine Feinde, sondern die eigenen Leute. Das mag wie in El Sidrón in Notsituationen geschehen sein, was aber eher untypisch für die gut an ihre Umwelt angepassten Menschen der Vergangenheit ist – und eher für Schiffbrüchige oder andere in fremden Gefilden Gestrandete späterer Zeiten zutrifft. (Meller et al. 2024, S. 151)
Es fehlt leider an einer Gesamtaufstellung aller menschlichen Überreste. Haas und Piscitelli haben 2013 zumindest einmal überschlagen und kamen auf knapp 3.000 Überreste des Homo sapiens, die älter als 10.000 Jahre waren, sie stammten von etwa 400 Orten. Von denen sei eine höchst geringe Anzahl als Gewaltzeugnisse deutbar – und bei den wenigsten sei das sicher festzustellen. Ihr Fazit: »Anstatt die Häufigkeit des Krieges in der tiefen menschlichen Vergangenheit zu demonstrieren, zeigt die Betrachtung der gesamten archäologischen Daten das Gegenteil.« Die Behauptung Steven Pinkers, in der Vorzeit seien 15 Prozent der Menschen dem Krieg zum Opfer gefallen, entbehre archäologisch jeder Evidenz. (Meller et al. 2024, S. 152)
Bei aller Zurückhaltung angesichts der diffizilen Befundlage: Die Archäologie hat bisher nichts zu bieten, das den Ergebnissen unserer evolutionären Ermittlungen widersprechen würde. Im Gegenteil, sie passt bestens zu den vorgestellten Erkenntnissen aus Evolutionsbiologie, Primatologie und Ethnografie. Angesichts der archäologischen Fakten ist zu konstatieren: Nichts deutet darauf hin, dass sich die menschliche Evolution in einem permanenten Zustand des latenten Krieges vollzogen habe. (Meller et al. 2024, S. 152–153)
10 Die Wehen des Krieges
Eine Rettungsgrabung im Auftrag der UNESCO stieß im Wüstensand bei Jebel Sahaba unweit der heutigen sudanesischen Stadt Wadi Halfa an der Grenze zu Ägypten auf Skelette. Einzeln, aber auch zu zweit oder dritt lagen sie in Gräbern. Insgesamt bargen die Ausgräber um Fred Wendorf 64 Menschen. 61 von ihnen befinden sich heute im British Museum in London. … 2021 erfolgte eine akribische Neuuntersuchung des noch vorhandenen Befunds durch ein Team um Isabelle Crevecoeur. … Das Urteil von Isabelle Crevecoeur: »Das gleichzeitige Auftreten von verheilten und unverheilten Wunden in Jebel Sahaba ist ein deutlicher Hinweis auf sporadische, wiederkehrende Episoden zwischenmenschlicher Gewalt zwischen den Gruppen des Niltals am Ende des Spätpleistozäns.« (Meller et al. 2024, S. 154–155)
Hatten wir es in Jebel Sahaba mit den von den eigenen Leuten begrabenen Opfern eines über einen längeren Zeitraum schwelenden Konflikts zu tun, stießen die Ausgräber in Nataruk, am einstigen Ufer des Turkana-Sees im heutigen Kenia, auf die Relikte des ältesten Massakers der Menschheitsgeschichte. Es fand rund 3500 Jahre nach Jebel Sahaba statt, also vor 10.000 Jahren. … »Die Verletzungen, welche die Menschen in Nataruk – Männer und Frauen, schwanger oder nicht, jung und alt – erlitten haben, schockieren durch ihre Unbarmherzigkeit«, sagt Lahr. Doch sie waren kein Einzelfall. An zwei weiteren Orten in der Nähe waren Opfer gefunden worden, in deren Knochen wie in Nataruk Projektile aus Obsidian steckten. Und bei den Waffen, die eingesetzt worden waren, handelte es sich um solche, »die normalerweise nicht zum Jagen und Fischen benutzt werden«. (Meller et al. 2024, S. 160–161)
Hier gilt es auf den entscheidenden Punkt hinzuweisen: Jebel Sahaba ist nicht älter als 13.500 Jahre, Nataruk liegt 10.000 Jahre zurück. Die Jahrhunderttausende vorher finden wir nichts in dieser Art. Die Archäologie spricht eine deutliche Sprache: Menschheitsgeschichtlich betrachtet scheint das kollektive, organisierte Hinmetzeln ein junges Phänomen zu sein. Es läutet das bisher letzte Prozent der Evolutionsgeschichte ein. (Meller et al. 2024, S. 162)
Erst mit dem Beginn des eigentlichen Mesolithikums und der Stabilisierung des Klimas vor 11.700 Jahren wird die Gewalt in Europa neue Formen annehmen. Ob das auch eine quantitative Zunahme bedeutet, wird debattiert. … Tatsächlich wurden aus Jägern und Sammlern auch in Europa immer mehr Jäger, Sammler und Fischer. … So entstehen komplexere Gesellschaften mit einer ausgeprägten Territorialität. … Zeugnis dafür ist nicht zuletzt etwas, dem wir schon in Jebel Sahaba begegnet sind: Friedhöfe. Sie sind ein Phänomen des neuen, sesshafteren Lebens. (Meller et al. 2024, S. 164–165)
Vielerorts aber setzte man auf feste Begräbnisplätze. Nicht zuletzt, weil diese einen nützlichen Nebeneffekt hatten: Sie dienten der symbolischen Inbesitznahme des Landes. Das sesshaftere Leben setzte die Menschen nämlich unter Erklärungszwang: Sie mussten begründen, warum sie die besten Plätze zum Fischen oder jene mit den größten Muschelbänken exklusiv für die eigene Gruppe beanspruchten und anderen den Zutritt verwehrten. Das naheliegende Argument lautete: »Das ist schon immer unser Land gewesen, hier lebten unsere Vorfahren seit Anbeginn aller Tage.« In schriftlosen Zeiten avancierten Gräber zum sichtbaren Beweis: »Wir waren zuerst da!«
Friedhöfe schaffen Legitimation. Sie sind Territorialmarker. Erstaunlicherweise zieht die Begründung des »Wir waren hier zuerst!« bis heute, um Anspruch auf Land (und Sonnenliegen am Hotelpool) zu erheben. Auch das Konzept der »Ahnen« als Akteure, die Macht über das Leben der Menschen haben, ist in der kulturellen Evolution der Religion ein erstaunlich spätes Phänomen, dessen Ursprünge in dem hier behandelten zeitlichen Horizont zu verorten sind und eng mit den neuen Legitimationsbedürfnissen zusammenhängen. Bis heute entfaltet die Vorstellung vom »Land unserer Ahnen« ihre Wirkung. (Meller et al. 2024, S. 165)
Die kollektiv erwirtschafteten Fänge und Nuss- und Beeren-Ernten lieferten besonders reiche Vorräte. Mit ihnen umzugehen, führte zu einem neuen ökonomischen Denken, musste doch so geplant werden, dass die Vorräte über einen schweren Winter reichten. All das führte zu einer grundlegenden Veränderung der sozialen Logik: Das eigene Überleben hing nun mehr an den eigenen Besitztümern als an den guten Beziehungen zu Nachbarn oder anderen Gruppen. Das sind Entwicklungen, die für gewöhnlich erst mit der Etablierung der Landwirtschaft verbunden werden. Das einst ebenso enge wie stabile Netz solidarischer Beziehungen erhielt Risse. (Meller et al. 2024, S. 171)
Allen Vorbehalten und Überlieferungsproblemen zum Trotz sprechen die archäologisch feststellbaren Fakten dafür, dass mit dem Verschwinden des Eises Phänomene kollektiver Gewalt auftreten, die an manchen Orten auf eine neue Art der Konkurrenz zwischen Gruppen und ein Zerreißen der alten Solidaritätsnetzwerke hindeuten. Trotzdem lebten an den meisten Plätzen Menschen weiterhin eher friedlich miteinander. (Meller et al. 2024, S. 173)
Gestützt wird die These, dass wir ab 15.000 vor heute die ersten Wehen des Krieges beobachten können, durch weitere Phänomene: Wir begegnen im Mesolithikum erstmals Waffen, die ausschließlich dem Menschentöten dienen: sogenannten Scheibenkeulen. Vorher wurde mit Jagdwaffen getötet, jetzt jedoch wird das Umbringen von Mitmenschen zu einem Spezialjob, der wie andere Aufgaben auch nach spezialisiertem Werkzeug verlangt. Das ist ein nicht zu unterschätzender Schritt: Sobald es Waffen gibt, die allein dazu dienen, Menschen umzubringen, ist das eine konventionelle Tätigkeit geworden. (Meller et al. 2024, S. 174)
Doch nicht allein Waffen zum Menschentöten sind eine Innovation dieser Zeit, sondern auch Befestigungen. Auf ein Alter von etwa 8.000 Jahren wird die Anlage Amnya in der sibirischen Taiga datiert, gut gelegen auf einer Anhöhe über einer sumpfigen Flussaue. Mit Wall, Graben und Holzpalisaden, die einige sogenannte Grubenhäuser umfassen, handelt es sich um eine der ersten Befestigungen der Welt – und die erste von Jägern und Sammlern. Weitere acht Forts lassen sich in der Region nachweisen, alle strategisch gut platziert. Bisher ging man davon aus, dass Festungen erst das Signum der Bauernwelt werden. (Meller et al. 2024, S. 174)
Die Archäologie schriftloser Zeiten kann bei der Suche nach den Anfängen von Krieg und Gewalt verständlicherweise nur Schlaglichter setzen. Trotzdem lassen sich ihre Ergebnisse zu einem recht kohärenten Bild zusammenfügen: Die mit der Klimaerwärmung nach der letzten Kaltzeit einhergehenden Umweltveränderungen führten ab 15.000 vor heute dazu, dass Menschen günstige, oft in der Nähe von Wasser gelegene Plätze aufsuchten und verstärkt die dort vorhandenen reichen Ressourcen ausbeuteten. Sie verweilten länger an diesen Gunstorten und experimentierten mit ersten Formen der Lagerhaltung. Kam es zu Klimakrisen, steigenden Wasserspiegeln oder nahm die Bevölkerung stark zu, konnte die Gewalt eskalieren. Mitunter – wie häufig das tatsächlich der Fall war, vermögen wir nicht zu sagen – nahm die Gewalt zwischen Gruppen kriegsartige Formen an. Dafür stehen Jebel Sahaba, Nataruk und wohl auch die Große Ofnethöhle. Wir haben es mit ersten, noch sehr unregelmäßigen Geburtswehen des Krieges zu tun. Mit der Zeit, Richtung Spätmesolithikum, nehmen sie zu. (Meller et al. 2024, S. 175–176)
Diese Erkenntnis ist zentral: Wiederkehrende Konflikte zwischen Gruppen tauchen erst unter bestimmten Bedingungen in der Menschheitsgeschichte auf. Der Krieg hat also unsere Vorfahren nicht schon immer im Griff gehabt. Ohne Frage haben Menschen stets das Potenzial besessen, tödliche Gewalt auszuüben, aber dieses die längste Zeit der Menschheitsgeschichte weitgehend unter Kontrolle gehabt. Sie können also gut ohne Krieg leben. Menschen besaßen stets die Option, in den Krieg zu ziehen – zogen aber die Option Frieden vor. (Meller et al. 2024, S. 176)
Was ist aber mit dem Elefanten im Raum? Der beunruhigenden Frage, woher die Vehemenz der Gewalt, diese atemberaubende Brutalität kommt? Sie scheint sofort da zu sein; sie ist nichts, das sich erst langsam entwickeln muss – und sie scheint auf komplette Auslöschung zu setzen. Wie verträgt sich das mit dem Postulat, dass das Kriegführen keine allzu frühe regelmäßige Praxis in der menschlichen Evolution sei? Und mit der vermeintlichen Tötungshemmung? Das Nataruk-Massaker unterscheidet sich, abgesehen von den eingesetzten Waffen, nicht wesentlich von den Abertausenden von Massakern, die bis in unsere Tage hinein geschehen? Handelt es sich nicht doch um eine in der menschlichen Natur verwurzelte Universalie? (Meller et al. 2024, S. 180)
Wir vertreten einen anderen Ansatz, der den Vorteil hat, nichts postulieren zu müssen, was nur hypothetischer Natur bleibt. Menschen besitzen, wie gezeigt, ein ganzes Set an psychologischen Anpassungen, die aus ihrer hyperkooperativen Natur resultieren und jenes Substrat bilden, auf dem kollektive Gewalt sprießen kann. Zumindest dann, wenn sie durch besondere Umstände getriggert wird und die hemmenden Mechanismen nicht funktionieren. Das ist die Basis für eine Erklärung, die bisher in diesem Kontext wenig Aufmerksamkeit erfahren hat. (Meller et al. 2024, S. 181)
Warum aber diese mutmaßliche Auslöschungsabsicht ganzer Gruppen? Aus der traditionellen Perspektive lässt sich das schwer erklären.
Das Problem ist, dass uns hier die moderne Wahrnehmung im Wege steht. Der Mensch sei ein Homo oeconomicus, das war die Grundprämisse des kapitalistischen Weltbildes. Wir seien alle egoistische Nutzenmaximierer, die ihr Handeln nach den Ergebnissen einfacher Kosten-Nutzen-Berechnungen ausrichten. Und wenn die Not am größten ist, scheuten wir nicht davor zurück, uns über den Besitz unserer Nächsten herzumachen. (Meller et al. 2024, S. 182)
Was also kann Menschen damals dazu gebracht haben, solche Gemetzel zu veranstalten? Basierend auf unseren evolutionären Ausführungen drängt sich als Antwort auf die Frage auf, was den mörderischen Funken schlägt: Es ist die Moral. Wie erwähnt, haben die Anthropologen Alan Page Fiske und Tage Shakti Rai überzeugend argumentiert, dass Gewalttaten in aller Regel von Menschen begangen werden, die überzeugt sind, korrekt zu handeln: »In den Köpfen der Täter kann Gewalt der moralisch notwendige und richtige Weg sein, um soziale Beziehungen gemäß kulturellen Geboten, Präzedenzfällen und Prototypen zu regeln.« (Meller et al. 2024, S. 183)
Das Konzept Eigentum ist eine kulturelle Innovation, die mit der zunehmenden Territorialität, vor allem aber dem Sesshaftwerden ihre eigentliche Tragweite entfaltet. Sie ist deshalb nicht in der menschlichen Psychologie verankert. Wir müssen Kindern beibringen, dass es Dinge gibt, die sie nicht einfach nehmen dürfen, weil diese anderen gehören. Auch die Ethnografie liefert genügend Belege, dass Jägern und Sammlern die Vorstellung von Privatbesitz an Land und den Erzeugnissen der Natur nicht einleuchtet. Sie bedienen sich ganz selbstverständlich von den Feldern der Landwirte in der Nähe. (Meller et al. 2024, S. 184)
Trittbrettfahrer, die den eigenen Nutzen über den des Kollektivs stellten, sind die Totengräber jeglicher Kooperation. Deshalb hat sich in der menschlichen Evolution parallel zur Entwicklung unserer kooperativen Fähigkeiten ein feines Sensorium entwickelt, Egoisten zu erkennen, und ein ganzes Verhaltensrepertoire, sie zu disziplinieren. Und diese tief in der menschlichen Psychologie verwurzelten moralischen Prinzipien gelten eben nicht nur für Individuen, sondern auch für Gruppen. Mindestens für jene in derselben Community, aber tendenziell auch für Nachbarn. Verweigerten sie sich der gegenseitigen Verpflichtung und beanspruchten den alleinigen Zugang zu Ressourcen, kündigten sie die Solidarität auf. Das führte zu ähnlich harschen Reaktionen, die nichts anderes sind als moralische Empörung über illegitimes Verhalten. Verstöße gegen die Moral, gegen das, was sich gehört, verlangten zu aller Zeit nach Bestrafung. (Meller et al. 2024, S. 185–186)
Aus dieser Perspektive lassen sich die hier diskutierten Massaker als moralisch motivierte Strafaktionen interpretieren. Das muss und wird nicht der alleinige Grund gewesen sein, vielleicht nicht einmal der zentrale, aber es handelt sich um jenen Faktor, ohne den man sich nicht zu einem gemeinsamen Angriff entschlossen hätte. Erst die gemeinsame moralische Entrüstung, dass sich andere erdreisteten, ihrem Egoismus freien Lauf zu lassen, Land und Nahrung für sich zu beanspruchen und damit die seit grauer Vorzeit geltenden Regeln aufzukündigen, überwindet die individuellen Bedenken, ob es überhaupt lohnt, bei einer solch riskanten Gewaltaktion mitzumachen. Andere für ein Vergehen zu bestrafen, ist neben dem Impuls, sich zu verteidigen, das einzige Narrativ, das Menschen schon immer überzeugt hat, zum Angriff überzugehen. Außerdem erklärt es die enorme Vehemenz der Gewalt. Jene, die Ressourcen monopolisierten, verhielten sich nicht mehr wie Menschen, also warum sollte man sie als solche behandeln? (Meller et al. 2024, S. 186)
Dieser Ansatz tut das, was andere Erklärungsversuche nicht leisten können: Er erklärt die plötzliche Vehemenz, die Tendenz zum Overkill, dem Übertöten, die wir an archäologischen Fundstellen beobachten. Denn da geschieht etwas, was immer schon geschah: Moralische Verstöße werden geahndet. Und die Empörung überwindet die Tötungshemmung, weil den anderen aufgrund ihrer Verfehlungen das Menschsein abgesprochen wird. Der Vorteil: Wir müssen dafür nicht auf die Spekulation ewiger Kriege zurückgreifen. Es ist alles bereits vorhanden, inklusive psychologischer Reaktionsmuster. Die Gewalt, die wir nach der letzten Eiszeit sehen, ist damit die Kehrseite dessen, was wir in der Archäologie sehen: Einzelne Gruppen beanspruchen nun bestimmte Ressourcen für sich allein. Dieses neue Eigentumskonzept, das mit einer massiven Veränderung der sozialen Logik einherging, verstand sich nicht von selbst, seine Durchsetzung bedurfte eines enormen Aufwandes – und zwar gegen erhebliche Widerstände. Und diese Widerstände könnten sich in Jebel Sahaba am Nil, in Nataruk am Turkana-See und in der Großen Ofnethöhle am Nördlinger Ries gezeigt haben. (Meller et al. 2024, S. 186–187)
Der Krieg ist eben noch nicht das, was er einmal werden wird: die brutalste Weise der Güter- und Menschenaneignung. Nein, die Erfindung des Privateigentums scheint Pate bei der Geburt des Krieges gestanden zu haben. Und das ist nicht ohne Ironie: Kriegerische Auseinandersetzungen treten zuerst ausgerechnet als Protest gegen das Eigentum, gegen die territoriale Monopolisierung von Land auf. Sehen wir uns nun an, wie die Welt noch sesshafter wird, als das Klima endlich dauerhaft warm wurde – und wie das dem Krieg zum endgültigen Durchbruch verhalf. (Meller et al. 2024, S. 187)
11 Als der Krieg alltäglich wurde
Wir betreten damit das bisher letzte Prozent der menschlichen Evolution – und erblicken zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte Bilder von Krieg führenden Menschen. Auch wenn die Felsmalerei in Höhlen allgemein aus der Mode geraten war, hielt sie sich im östlichen Teil der iberischen Halbinsel, der spanischen Levante, sowie an verschiedenen Orten in der Sahara, die damals noch viele Gewässer aufwies, sehr fruchtbar und dicht bevölkert war. Unter den Tausenden von Felsbildern dort finden sich einige wenige Dutzend stark schematisierte, an Strichmännchen erinnernde Darstellungen von Kampfszenen. (Meller et al. 2024, S. 191)
Ohalo II [eine Fundstelle am Ufer des Sees Genezareth] liegt am südwestlichen Zipfel des Fruchtbaren Halbmondes, jener von Niederschlägen begünstigten Zone, die sich der Levante entlang über den Libanon, Syrien und die Ausläufer des Taurusgebirges in der Südosttürkei durch Nordmesopotamien zum Zagrosgebirge – dem irakisch-iranischen Grenzgebiet – erstreckt. Hier fanden dank des stabil gewordenen Klimas die entscheidenden Schritte der Kultivierung erst von Getreiden und Hülsenfrüchten, später der Domestizierung von Tieren wie Ziegen und Schafen, Rindern und Schweinen statt. Vieles begann eher zufällig, etwa, weil an nun dauerhafteren Lagerplätzen die verstärkte Nutzung von Süßgräsern zu einer Selbstaussaat führte. Verlässlich an einem Ort sprießende Nahrung, die sich bevorraten ließ, war die Folge. Die Bevölkerung wuchs, sie lebte bald in festen Siedlungen. (Meller et al. 2024, S. 192)
Der Nachweis von Befestigungsmauern, wie sie etwa im irakischen Tell Maghzaliyah identifiziert wurden, ist selten. (Meller et al. 2024, S. 192)
Mittlerweile tendiert man dazu, Mauer und Turm von Jericho für das Offensichtliche zu halten: für eine monumentale Verteidigungsarchitektur, die älteste der Welt. (Meller et al. 2024, S. 193)
Die Herausforderungen der neuen Existenzweise zeigen sich wie in einem Brennglas an einem der wundersamsten Orte des Neolithikums: in Çatalhöyük, einer in der zentralanatolischen Konya-Hochebene gelegenen Megasiedlung. In der Zeit von 7500 bis 6200 v. Chr. beherbergte sie zwischen 4000 und 8000 Menschen. Straßen gab es keine, die Häuser standen Mauer an Mauer; der Zugang erfolgte über die flachen Dächer. Es dominierte noch der egalitäre Jäger und Sammler-Geist: Architektonisch erhob sich keiner über den anderen. (Meller et al. 2024, S. 194)
Rund ein Viertel von 93 in Çatalhöyük gefundenen analysierten Schädeln weist verheilte Kopfverletzungen auf. Sie könnten von mit Schleudern verschossenen Tonkugeln stammen, die zu den Frakturen passten. Soweit sicher zu identifizieren, waren Frauen davon sogar etwas häufiger betroffen. Die Opfer waren vor allem von hinten attackiert worden. Das spricht für Überfälle. (Meller et al. 2024, S. 194)
Lange wurde gerätselt, was zum Kollaps Çatalhöyüks führte. Große Menschenansammlungen sind vulnerabel, trotzdem ist dieses menschheitsgeschichtlich neue Experiment – Tausende von Menschen dicht gedrängt an einem Ort – erstaunlich lange gut gelaufen, nämlich über ein Jahrtausend. Heute wissen wir genauer, warum die Megasiedlung vor 8000 Jahren aufgegeben wurde.
Dem ersten Faktor sind wir bereits begegnet: Mit der langen Existenz von Çatalhöyük ist ein Zuwachs an Gewalt verbunden. Vermutlich waren es nicht einmal primär die Bewohner, zwischen denen die Gewalt eskalierte. Vorräte und leicht zu entführendes Vieh wird Fremde zu Raubüberfällen animiert haben. Städte werden bis in die Neuzeit hinein für hochmobile Aggressoren wie Steppenvölker, Piraten oder Wikinger als Synonym für leichte Beute stehen.
Der zweite ist die Übernutzung lokaler Ressourcen. Noch fehlte es an Erfahrungen mit nachhaltiger Bodennutzung. Je länger der Ort besiedelt war, desto weitere Wege mussten die Menschen zu den Feldern zurücklegen, war der Boden doch um die Siedlung bald ausgelaugt. Ebenso führte die hohe Bevölkerungszahl zu einem Einbruch der Wildbestände in der Umgebung. Dass man deshalb mit Nachbarn aneinandergeraten konnte, liegt auf der Hand.
Faktor drei lässt Städte bis ins 19. Jahrhundert hinein zu Todesfallen werden: miserable sanitäre Verhältnisse. Die Ausgräber fanden direkt neben, aber auch in den Häusern menschliche wie tierische Fäkalien sowie Abfallhaufen jeglicher Art. Die ersten Bauern mussten Hygiene erst lernen: Jäger und Sammler wechselten so oft das Lager, dass sie sich weder um ihre Notdurft noch um Abfälle Gedanken machen brauchten. (Meller et al. 2024, S. 195)
Der vierte Faktor hängt damit zusammen: Von den domestizierten Tieren, mit denen die Menschen dicht an dicht lebten, überwanden Erreger die Artgrenze und lösten als Zoonosen tödliche Seuchen aus. Es mangelte noch an Immunitäten und Resistenzen. In Megasiedlungen sind erstmals genügend Menschen vorhanden, dass Krankheiten sich lange halten konnten, da sie ein genügend großes Reservoir an potenziellen Kranken boten. (Meller et al. 2024, S. 195–196)
Immerhin fällt der Niedergang von Çatalhöyük mit einem Exodus aus Anatolien nach Europa zusammen. Die Migranten scheinen sich ganz der Maxime »Go West« verschrieben zu haben: Sobald ein Ort besiedelt war, zogen die Nächsten schon weiter, und zwar bevor dessen Ertragsgrenze erreicht war.
So kam die neue Nahrung produzierende Lebensweise nach Europa. Das haben Archäogenetiker in den vergangenen Jahren eindrucksvoll bewiesen. Es handelt sich demzufolge um keine Innovation, die von europäischen Jägern und Sammlern gemacht oder übernommen wurde, sondern um einen Import neolithischer Migranten. Die ersten Bauern aus Anatolien hatten das gesamte »neolithische Paket« dabei: Sie brachten Getreide, Vieh und Keramik mit, aber auch eine ganz neue Saat der Gewalt. (Meller et al. 2024, S. 196)
Es verblüfft, wie schnell sich die Bauern in Europa ausbreiteten und überall dort niederließen, wo sie fruchtbare Löss- und vor allem Schwarzerdeböden fanden. Ab der Mitte des 6. Jahrtausends v. Chr. hat die Linearbandkeramik, so der Name der ersten neolithischen Kultur Mitteleuropas, die Bördegebiete Deutschlands und das Pariser Becken erreicht. Während der folgenden 300 Jahre liegen keine Nachweise für Auseinandersetzungen vor. (Meller et al. 2024, S. 196–197)
Erst nach einer Phase des Prosperierens, die dazu führte, dass alle für die frühe Landwirtschaft tauglichen Böden besetzt waren, eskalierte die Gewalt. Tatsächlich entdecken Archäologen in dem Zeithorizont von 5200 bis 4800 v. Chr. immer mehr Hinweise auf Krieg und Massaker. (Meller et al. 2024, S. 197)
Eine aktuelle Überblicksstudie mit der Archäologin Linda Fibiger als Hauptautorin kommt zu dem Ergebnis: »Die Zusammenstellung von Daten aus verschiedenen Quellen macht deutlich, dass Gewalt im neolithischen Europa endemisch war und manchmal ein Ausmaß an Feindseligkeiten zwischen den Gruppen erreichte, das in der völligen Zerstörung ganzer Gemeinschaften endete.« Das Neolithikum stelle einen »Höhepunkt menschlicher Gewalttätigkeit« dar.
Biologische Analogien sind mit Vorsicht zu behandeln, trotzdem trifft das Bild der Endemie die Gegebenheiten in diesem Fall recht gut: Von einer solchen wird gesprochen, wenn eine Krankheit in einer Population dauerhaft auftritt. Und so wie im Neolithikum Krankheiten wie Masern oder Grippe erstmals als Zoonosen von den neuen Haustieren auf Menschen übersprangen und uns seither nicht mehr verlassen haben, lässt sich auch der Krieg als eine Seuche verstehen, die mit dem Sesshaftwerden über die Menschen gekommen ist. Mit einem gravierenden Unterschied: Während bei Krankheiten die Letalität auf Dauer sank und so aus neolithischen Seuchen Kinderkrankheiten von heute wurden, nahm die Tödlichkeit des Krieges immer weiter zu. (Meller et al. 2024, S. 200)
12 Drachenzähne: Die Saat des Krieges geht auf
Nomen est omen: Europa war eine phönizische Königstochter, der sich Zeus in Gestalt eines Stiers näherte, um sie nach Kreta zu entführen. Nichts Ungewöhnliches, der Göttervater aus der griechischen Mythologie war ein notorischer Frauenräuber und Vergewaltiger. Leda, Io, Danaë, Alkmene, Maia, Kallisto – die Liste ist lang. Unser Kontinent verdankt seinen Namen einem Frauenraub. In Mythen stecken mitunter erstaunliche Wahrheiten.
Europas Vater, König Agenor, entsandte seine Söhne. Zwar blieb die Suche erfolglos, dafür gründeten Europas Brüder Städte in Griechenland. Kadmos, einer von ihnen, erschlug einen Drachen, der vom Kriegsgott Ares abstammte. Die Göttin Athene trug Kadmos auf, die Zähne des Drachen in Ackerfurchen zu säen. Daraus wuchsen bewaffnete Männer, die Sparten (die »Gesäten«), die sofort übereinander herfielen. Sie kämpften so lange, bis nur noch fünf am Leben waren. Gemeinsam mit diesen gründete Kadmos Kadmeia, aus dem das siebentorige Theben werden sollte und dessen König er wurde. (Meller et al. 2024, S. 201)
Lange nahm man an, dass die Jäger und Sammler in den Norden ausgewichen sind, in Regionen, die für Landwirtschaft unattraktiv waren. Zum Teil stimmt das, zugleich fand aber auch eine räumliche Separierung in Mitteleuropa selbst statt. Sie zogen sich in die für Landwirtschaft wenig geeigneten Mittelgebirge zurück oder Regionen ohne Lössböden. Unterschiedliche Wirtschafts- und Gesellschaftsformen existierten also über viele Jahrhunderte parallel. Es wird zum Austausch von Produkten wie Fellen gekommen sein, aber auch zu Vermischungen der Populationen, wie die Archäogenetik zeigt. (Meller et al. 2024, S. 203–204)
Dass kaum Hinweise auf einen Widerstand der Alteingesessenen zu finden sind, kann auch daran liegen, dass die Migranten von einem apokalyptischen Reiter begleitet wurden: den Seuchen. Die Bauern brachten in ihrem Gepäck jene Erreger mit, die von domestizierten Tieren auf Menschen übergesprungen waren. Da sie schon einige Jahrtausende mit ihnen lebten, war ihr Immunsystem besser gewappnet. Für die Indigenen Europas hatte dies indes dieselben Konsequenzen wie für die Indigenen Amerikas in der Neuzeit: Die eingeschleppten Krankheiten rafften ganze Landstriche hin. (Meller et al. 2024, S. 204)
Der Erfolg der neuen Lebensweise schlägt sich in einem rasanten Bevölkerungswachstum nieder. Und wie im Fall von Çatalhöyük sehen wir auch hier: Gewalttätige Konflikte treten nicht sofort auf, sondern erst nach einer Phase stetigen Wachstums. Die Achillesferse der Bauern ist schließlich, dass sie an ertragreiche Böden gebunden sind, diese aber eine begrenzte Ressource darstellen. Konkurrenz erscheint da eine unvermeidliche Konsequenz zunehmender Bevölkerungsdichten, verstärkt wird sie von der steigenden Ungleichheit in und zwischen Dörfern. Insbesondere in Zeiten, denen es an übergeordneten gesellschaftlichen Instanzen fehlt, die für Frieden sorgen könnten. (Meller et al. 2024, S. 205)
Die Zahl der Konflikte nahm zu, da Vieh und Vorräte Ziel von Überfällen wurden oder Menschen von ihrem Land vertrieben werden sollten. Dadurch waren Gruppen im Vorteil, die auf loyale Männerallianzen setzten. In der Konsequenz führte das zur Entstehung der gesellschaftlichen Männerdominanz. … Patriarchat und Krieg erblickten gemeinsam das Licht der Welt – als siamesische Zwillinge. (Meller et al. 2024, S. 206)
Was wir hier beschreiben, ist eine fundamentale Verwandlung der sozialen Logik: Einst waren belastbare Beziehungen untereinander und zu benachbarten Gruppen die Lebensversicherung. Da man in Notlagen auf keine Vorräte zurückgreifen konnte, waren die anderen die potenzielle Rettung. Getreidespeicher und Viehbesitz dagegen machten es jetzt möglich, sich von den Nachbarn zu lösen. Man brauchte sie nicht mehr. Die Devise der neuen Zeit lautete: anhäufen statt teilen. Nachbarn, einst beste Partner, konnten nun zur Bedrohung werden. An die Stelle der Solidarität traten Egoismus und Fixierung auf die eigene Abstammungsgemeinschaft. Das ist eine der folgenreichsten Mentalitätsänderungen der Menschheitsgeschichte. Wo zwischenmenschliche Verbindungen schwinden, hat Gewalt leichtes Spiel. (Meller et al. 2024, S. 207)
Von nun an war die Fähigkeit entscheidend, möglichst viele wehrhafte Männer auf die gemeinsame Sache einzuschwören. Dazu brauchte es genügend Ressourcen, Begeisterungsfähigkeit und charismatische Führer sowie die Berufung auf Ahnen, aber auch Feste und Riten, um Gemeinschaft zu zelebrieren oder neue Allianzen zu schmieden und sie durch Geschenke und Heiraten zu stabilisieren. Und nicht zuletzt Gegner, vor denen man auf der Hut sein muss: Kaum etwas schweißt so zusammen wie das Bewusstsein, sich gemeinsam verteidigen zu müssen. Wenn man noch die anderen moralisch abwerten kann, ist die perfekte Mischung beisammen. Hier entstehen erstmals dauerhaft wehrhafte Verbände. Jeder Mann kann, wenn es darauf ankommt, zum Krieger werden. (Meller et al. 2024, S. 207)
13 Die Geburt der Helden
Das Aufkommen großer Befestigungsanlagen in Mitteleuropa korrespondiert mit einem ausgedehnten Eroberungskrieg, der sich zwischen 3600 und 3100 v. Chr. in Mitteldeutschland gut nachweisen lässt. Es standen sich zwei genetisch deutlich voneinander unterscheidbare Bevölkerungsgruppen gegenüber. Die südlichen Verteidiger waren Nachfahren der ersten Bauernkultur Mitteleuropas, der Linearbandkeramik. Bei den Eindringlingen aus dem Norden handelte es sich um Rückkehrer: Die sogenannten Trichterbecherleute waren jene Jäger und Sammler, die im Jahrtausend zuvor in den Norden geflohen waren. Dort hatten sie selbst die Landwirtschaft adaptiert und dank einiger Innovationen gelernt, selbst auf schlechteren Böden Fuß zu fassen. So erkannten sie, dass sich Ochsen zum Ziehen von Lasten einsetzen lassen, was zur Erfindung von Rad, Wagen und vor allem des Pfluges führte. Ihre gewaltigsten Hinterlassenschaften sind Großsteingräber, in denen sie ihre Verstorbenen kollektiv bestatteten. Dank der Ochsen konnten Findlinge dazu nun aus dem Boden bewegt werden. (Meller et al. 2024, S. 225)
Die Trichterbecherleute waren so erfolgreich, dass sie in die fruchtbaren Lössböden des Südens vordrangen – und sie kamen in großer Zahl. Der Fall demonstriert: Kriegführen ist ein kulturelles Phänomen und kein genetisches. Denn als Jäger und Sammler waren diese Menschen dem Konflikt mit den eindringenden Bauern noch aus dem Weg gegangen, als Bauern werden ihre Nachfahren keine Hemmungen haben, selbst Krieg zu führen. (Meller et al. 2024, S. 225–226)
Die schnurkeramischen Gräber dokumentieren, wie Gewaltausübung als männliche Tätigkeit Teil eines neuen Habitus wird. Hier entsteht in Europa erstmals archäologisch sichtbar Kriegertum und damit eine sich mehr und mehr absondernde Kriegerkaste. Gewalt etabliert die heroische Identität und das entsprechende Ethos. Das wird zur Norm und zum Vorbild. (Meller et al. 2024, S. 230)
In der Steppe herrschte Frauenmangel. Die wahrscheinlichste Erklärung einmal mehr: Polygynie. Sie ist unter Pastoralisten weit verbreitet, da sich Viehherden erfolgreich vermehren lassen und zu Reichtumskonzentrationen führten. Auch stellten Rinder und Pferde ein ideales Tauschmittel zum Frauenkauf dar. Große Herden brauchten schließlich viele Söhne – zum Hüten wie zum Verteidigen.
Reiche Patriarchen und Herdenbesitzer monopolisierten also in der Steppe Frauen. Junge Männer sahen keinen anderen Weg, als in der Fremde ihr Glück zu versuchen. Mit Gewalt.
Auch der Krieg ist eines der Übel, das aufs Engste mit der Polygynie verbunden ist. Wo reiche Männer sich mehrere Frauen nehmen, hat die Drachensaat des Krieges beste Wachstumsbedingungen.
Die zynische Logik: Junge Männer werden in den Tod geschickt. Denn Krieg ist auch und vor allem eine Männervernichtungsmaschine. Wie bei den drachenzahngeborenen Kriegern der Kadmos-Sage: Sie kämpfen so lang, bis einige wenige überbleiben, sich die Beute teilen, um wiederum viele Frauen zu haben. (Meller et al. 2024, S. 231)
Prägend für die Formierung dieser Kriegskultur ist, dass es sich um einen Eroberungskrieg handelt. Der benötigt stets eine Rechtfertigung und die gründet in der Abwertung der Gegner und im Zusammenschluss der Männer. Das Male Bonding kann sich in extremis entfalten. Männerbünde tendieren zu einer Überinszenierung der Maskulinität. Hier entsteht jener »Korpsgeist«, wie ihn John Keegan als »Stammesbewusstsein« beschreiben wird, den er selbst noch an der britischen Militärakademie Sandhurst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebte. Dessen Grundlage sei der Ruf, den man als »Mann unter Männern« genieße. (Meller et al. 2024, S. 232)
Das Neolithikum ist das Zeitalter der Menschheitsgeschichte, in dem kriegerische Aktivitäten allgegenwärtig werden und ein Kriegertum entsteht, das mit spezialisierten Waffen sowie Befestigungen einhergeht. Töteten Menschen zu Beginn noch überwiegend mit einfachen Arbeitsgeräten, wie Flachhacken, so verfügten sie zum Ende des Neolithikums über aufwendig gearbeitete Streitäxte, Dolche sowie Reflexbögen mit verschiedenen Pfeiltypen. Während es sich anfangs um Kämpfer handelte, die das neben ihrer eigentlichen Tätigkeit als Bauern taten, haben wir es spätestens im Endneolithikum mit professionellen Kriegern zu tun, die sich martialisch als Heroen inszenierten. Das viel zitierte »neolithische Paket«, das gemeinhin ganzjährige Sesshaftigkeit, die Domestikation von Tieren und Pflanzen, aber auch Keramik umfasst, enthält auch die Drachensaat des Krieges. Sie wird die Herrschaft der Staaten und Despoten anbrechen lassen. (Meller et al. 2024, S. 236)
Teil 4 Der Krieg wird total
14 Kriegsmaschine Staat
Staat und Krieg galten als untrennbar verbunden: »Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln«, lautet das berühmte Zitat Carl von Clausewitz’. Und ein Historiker wie Hans Delbrück wird ihn in seiner zwischen 1900 und 1920 erschienenen »Geschichte der Kriegskunst« als selbstverständlichen Bestandteil des zivilisatorischen Lebens darstellen: Die »Kriegskunst« sei »eine Kunst wie die Malerei, wie die Baukunst oder die Pädagogik, und das ganze kulturelle Dasein der Völker wird in hohem Grade bestimmt durch ihre Kriegsverfassungen«. (Meller et al. 2024, S. 239–240)
Keine Frage: Was die heutige Welt betrifft, ist das korrekt. Staaten sind tatsächlich auf absehbare Zeit alternativlos. Die Größe der Weltbevölkerung lässt keine Rückkehr zu vorstaatlichen Lebensformen zu. Doch es darf nicht der Fehler begangen werden, die heutigen demokratischen Rechtsstaaten als logischen Endpunkt der Staatsentwicklung zu verstehen. Im Gegenteil: Sie sind das Produkt mühseliger Emanzipationsprozesse und Befreiungskämpfe, die noch lange nicht beendet sind. Zumindest jene Demokratien, die diesen Namen wert sind, haben sich aus dunklen Anfängen der Despotie und des Zwangs befreit, ohne dass sie sich schon aller Altlasten entledigt hätten. Die Leistungen moderner demokratisch verfasster Staaten dürfen nicht kulturblind in die Vergangenheit projiziert werden. (Meller et al. 2024, S. 240–241)
An der ersten in Europa archäologisch nachgewiesenen Schlacht sind den Schätzungen zufolge an die 6.000 Krieger beteiligt gewesen. Wo sich heute im südlichen Mecklenburg-Vorpommern die Tollense sanft durch die Landschaft schlängelt, tobte um 1250 v. Chr. eine gewaltsame Auseinandersetzung in bisher nicht für möglich gehaltenen Dimensionen.
Im Uferbereich fanden sich Menschenknochen zuhauf, in denen noch Pfeilspitzen steckten, Taucher bargen eingeschlagene Schädel. Die ausgegrabenen Holzkeulen waren in mannigfaltiger Form zum Einsatz gekommen, ebenso Lanzenspitzen und Messer. Hinweise auf Verletzungen durch das damals noch relativ neue Schwert sind eher selten. Bisher ist kein sicher als weiblich identifiziertes Individuum unter den Toten. (Meller et al. 2024, S. 247)
Leider geben keine schriftlichen Quellen über die Schlacht an der Tollense Auskunft. Sie macht aber Ereignisse verständlicher, die uns antike Autoren Jahrhunderte später über die »Barbaren« des Nordens berichten. Immerhin führte der erste größere Zusammenprall der Römer mit keltischen Stämmen 387 v. Chr. an der Allia zu einer verheerenden Niederlage, die mit der Plünderung Roms durch die Gallier endete. Auch die folgenden Kriege mit dem Norden entsetzten die mediterranen Betrachter. Vor allem die in die Zehntausende gehende Anzahl von germanischen oder gallischen Kriegern und deren Kampfkraft schockierten die Römer. (Meller et al. 2024, S. 248)
Mesopotamien gilt bis heute als »Wiege der Zivilisation«. Der Schlamm der Flüsse und die verbesserten Bewässerungstechniken mit Kanälen, Schleusen und Rückhaltebecken führten zu gewaltigen Überschüssen. Eine Klimaverschlechterung im 4. Jahrtausend v. Chr. führte dazu, dass viele Siedlungen aufgegeben wurden und sich die Bevölkerung an einzelnen Orten konzentrierte. Das war eine Zeit, in der die Gewalt massiv anstieg, wie neue Analysen zeigen.
Die ersten Städte entstanden, ihr Herzstück war der Tempel, der als Wohnsitz des jeweiligen Stadtgottes galt. Der Tempel war zugleich der Haushalt des Gottes, der die Felder, das Vieh, die Arbeitskräfte umfasste. Hier wurden die Arbeiten koordiniert, die Ernte eingelagert und verteilt. (Meller et al. 2024, S. 251)
Damit war in Mesopotamien besagte »organisationelle Schwelle« überschritten, die dem Krieg neue Dimensionen bescherte. Ein Militärapparat stand zur Verfügung, um Konkurrenten zu besiegen, ihre Speicher zu plündern und den Besiegten Tribute und Arbeitsleistungen abzupressen. Ein erster Rüstungswettlauf zielte auf die Schaffung möglichst schlagkräftiger militärischer Organisationen.
Herrscher? Ja, hier zeigt sich die Geburt der Herrschaft aus dem Geist des Krieges. Dieser verschaffte den militärisch Verantwortlichen einen Karriereschub. Die Heerführer führten im Namen ihres Stadtgottes Krieg. Ein Sieg bewies, dass sie in der göttlichen Gunst standen. So überrascht es nicht, dass es mit der Zeit die erfolgreichen Truppenführer waren, die in den Städten die Macht übernahmen. Als »lugal«, »großer Mann« wurden sie zu Herrschern, die in eigenen Palästen residierten.
Der Krieg brachte Könige hervor. Auch das ist ein universales Prinzip. »Kriege favorisieren Anführer – und Anführer favorisieren Kriege«, bringt es der Anthropologe Brian Ferguson auf den Punkt. Sie sahen immer die Chance, sich zu profilieren und zu profitieren, und schreckten allein deshalb kaum vor einer Schlacht zurück. (Meller et al. 2024, S. 253)
Damit erreichte der Krieg ein komplett neues Niveau. Nicht mehr vereinzelte Überfälle und Hinterhalte waren die Regel, sondern Schlachten, Feldzüge und Eroberungen. Kriegstribute sicherten die Staatsfinanzen und provozierten neue Kriege. Eine tendenziell grenzenlose Entwicklung. Sargon von Akkad wird im 24. Jahrhundert v. Chr. die sumerischen Stadtstaaten unterwerfen und das erste Imperium schaffen. (Meller et al. 2024, S. 254)
Halten wir hier inne: Grundlage für die ersten Staatsbildungen ist eine so produktive Landwirtschaft, dass sich dauerhaft Überschüsse abschöpfen und monopolisieren lassen. Das führt zur Bildung von Eliten; in einem kriegerischen Prozess werfen sich Einzelne zur Herrschaft auf. Wir haben drei idealtypische Mechanismen beobachtet, welche die Institutionalisierung Richtung Staat vorantreiben können: durch Wissens- und Handelskontrolle, durch zentralisierte und bürokratische Organisation der Arbeit und durch das »Caging«, Bevölkerungswachstum in produktiven, aber fest umgrenzten Regionen. (Meller et al. 2024, S. 258)
In den frühen Staaten profitieren allein die an der Spitze. Und am allermeisten die Herrscher. Zugespitzt ließe sich behaupten, die innere Logik dieser Gesellschaften sei so strukturiert, dass sie allein deren Glück zu dienen haben. Nicht zuletzt in einem biologischen Sinn: Die Potentaten der alten Welt werden sich Harems halten, um ihren Nachwuchs auf vorher nie gekannte Weise zu maximieren. Sie verhalten sich, als wären sie Seeelefantenbullen, die alle Weibchen eines Strandes für sich beanspruchen.
Da ist es programmiert, dass sich das Leben der Elite als ein wahres »Game of Thrones« entpuppt. Auf dem Weg zur Macht wird vor keiner Gewalttat zurückgeschreckt. Bürgerkriege sind keine Seltenheit. Die evolutionäre Logik erklärt auch das: Da die Vorteile der Herrschaft, insbesondere in Bezug auf Reproduktion, so gewaltig sind, wird jedes Risiko eingegangen, in diese Position zu gelangen. Der Unterschied zu den Seeelefantenbullen besteht schließlich darin: Seeelefanten kämpfen selbst. Die Potentaten dieser Welt dagegen lassen andere für sich kämpfen – und behaupten auch noch, damit sei dem Wohl des Landes gedient oder der Auftrag eines Gottes erfüllt.
Mit den überall aus dem Boden sprießenden Staaten geht also eine neue Saat von Drachenzähnen auf; nur handelt es sich diesmal um hybridisierte, zu hemmungslosem Riesenwuchs neigende Samen. Die Geschichte des Altertums und der Antike wird ein ständiges Blutvergießen sein. Am Ende setzen sich die Stärksten durch. Immer wieder bilden sich Imperien, die der Akkader, Assyrer, Babylonier, Perser, Makedonen, Römer. Immer wieder gehen sie unter. (Meller et al. 2024, S. 260)
Der Krieg ist der eigentliche Daseinsmodus der frühen Staaten. Diese sind Kriegsmaschinen. Es entsteht ein ebenso selbsterhaltendes wie selbstverstärkendes System, dessen tödlicher Eigendynamik sich kein Land entziehen kann. Wo ständig die Gefahr besteht, Opfer zu werden, leben alle im permanenten Gefühl, bedroht zu sein und sich für die Verteidigung rüsten zu müssen. Das führt gemäß unseren evolutionären Adaptionen dazu, dass alle bereit sind mitzumachen (insofern sie überhaupt die Wahl haben). Der Krieg und seine staatlich organisierte Kultur werden total.
Nichts von dem hier Vorgestellten findet sich in den 99 Prozent der Menschheitsevolution davor. Es handelt sich um kulturelle Wucherungen. Sie erst führten dazu, dass jener Krieg aller gegen alle herrschte, den Thomas Hobbes im Sinn hatte. Damit sind aber gleich zwei Fehlschlüsse zu korrigieren: Es ist eben nicht der Krieg aller Menschen. Es ist der Krieg von Staaten: Herrscher ziehen in den Krieg, Untertanen werden in den Krieg gezwungen. Auch handelt es sich nicht um den menschlichen Urzustand. Der total gewordene Krieg ist ein Zivilisationsprodukt, die originäre Leistung sogenannter Hochkulturen. (Meller et al. 2024, S. 261)
Bemerkungen:
- Staaten sind also eine notwendige Bedingung für das Führen von Kriegen, da in diesen relativ selbstständigen Strukturen die ökonomischen, politischen und militärtechnischen Voraussetzungen akkumuliert sind.
- Staaten sind aber keine hinreichende Bedingung für das Führen von Kriegen. Dies beweist die Existenz der nach 1945 in Osteuropa entstandenen sozialistischen Staaten, von denen in der gesamten Zeit ihres Bestehens kein Krieg ausging. Auch die Sowjetunion hat in dieser Zeit keine Kriege geführt, die kriegerischen Auseinandersetzungen in Afghanistan müssen als ein besonderer Fall angesehen werden. Das Land wurde von der Sowjetunion nicht überfallen, wie oft behauptet wird, sondern die sowjetische Armee ist auf Wunsch der damals regierenden Regierung zu Hilfe gekommen, um deren Kampf gegen islamistische Kräfte im Land zu unterstützen. Diese wurden dann massiv von den USA unterstützt, wodurch es zu einem Krieg zwischen den Kräften und der sowjetischen Armee kam.
- Auf diese Tatsache gehen die Autoren des Buches wie auch andere westliche Autoren nicht ein. Harari etwa beschreibt diese kampflose Übergabe der Staaten an neue Herrscher ohne tiefere Erklärungen (Gorbatschow hat keinen Einsatzbefehl erteilt) mit Erstaunen und sogar belustigend (Harari 2015, S. 451).
15 Krieg als Lebensprinzip
Der Begriff Kriegswesen wörtlich genommen lässt an reale Lebewesen denken. Und sind nicht mit den frühen Staaten tatsächlich Superorganismen entstanden, die sich aus unzähligen einzelnen Menschen formieren? Ohne sich dessen bewusst zu sein, imitierten die Despoten des Altertums Ameisenstaaten, wo alle für das Wohlergehen und die massenhafte Fortpflanzung der Königin schuften müssen. Nur dass in den Staaten ein Mann an der Spitze steht, der selbst noch die Nachwuchsproduktion delegierte. Eine erstaunliche Entwicklung für eine so egalitäre Art wie den Homo sapiens.
Der Selektionsdruck, der auf diese Kriegswesen einwirkt, ist enorm, niemand kann sich ihm entziehen: Wer nicht in den Militärapparat investiert oder sich mittels Tributzahlungen des Beistands mächtiger Nachbarn versichert, dessen Schicksal ist besiegelt. Unter Kriegswesen herrscht das nackte Recht des Stärkeren. Aber hier ist nicht die biologische Evolution am Werk, sondern die kulturelle.
Mit »verstörender Selbstverständlichkeit« gehörten Krieg und Militärwesen zum Dasein, konstatiert der Althistoriker Leonhard Burckhardt, es sei der Frieden, der als »Ausnahmezustand« galt. Die moderne Forschung spricht von der »Omnipräsenz des Krieges«, antike Gemeinwesen seien »militarisierte Gesellschaften« gewesen, »in denen militärische Auseinandersetzungen zur Normalität gehörten«. Das damit einhergehende heroisch-martialische Ethos prägte die Kultur – und entfaltete über Jahrtausende seine tödliche Wirkung. (Meller et al. 2024, S. 262)
Bemerkungen:
- Die Autoren gehen im Folgenden auf den Verlauf und die Ergebnisse der Schlachten bei Megiddo (1457 v. Chr.) und Kadesch (1274 v. Chr.) ein, aber auch auf den ältesten überlieferten, auf Gegenseitigkeit beruhenden Friedensvertrag der Menschheitsgeschichte zwischen den ehemaligen Feinden, den rivalisierenden Großreichen der Ägypter und der Hethiter. Eine monumentale Bronzekopie hängt heute im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York.
- Sie beschreiben die mit den Kriegen verbundene Weiterentwicklung des Kriegswesens, wie die Entstehung von Berufssoldaten, die serielle Fertigung von Waffen, die Differenzierung von Truppengattungen, das Entstehen von Kundschafter und Pionierabteilungen, von Anfängen biologische Kriegsführung, die Weiterentwicklung des Befestigungswesens, die Deportation von Bevölkerung, das Schaffen von Siegermonumenten und die Entwicklung der Diplomatie. Sie zitieren aus dem Deuteronomium zum Umgang mit Kriegsbeute, wobei zwischen fremden Völkern, bei denen nur die Männer erschlagen weren sollen, und „den Städten dieser Völker hier, die dir der Herr, dein Gott, zum Erbe geben wird, sollst du nichts leben lassen, was Odem hat, sondern sollst an ihnen den Bann vollstrecken, nämlich an den Hetitern, Amoritern, Kanaanitern, Perisitern, Hiwitern und Jebusitern,“
Der Mikrobiologe David Clark hat darauf hingewiesen, dass Kriege mehr Opfer durch Infektionen gekostet haben als durch direkte Waffengewalt. Oft wurden ganze Heere von Seuchen dahingerafft. (Meller et al. 2024, S. 272)
Das Leid des Krieges tritt uns in Herrschaftsquellen allein als etwas entgegen, das anderen zugefügt wird, nicht als das, was man selbst erleidet. Also allein aus der Perspektive des höhnenden Triumphs und nicht des Mitleids. Das wird nirgends deutlicher als bei den Assyrern. Nicht, dass diese grausamer gewesen wären als die anderen Reiche des Altertums, doch nie ist mit solcher Inbrunst die eigene, für uns Heutige zutiefst sadistisch anmutende Gewaltausübung inszeniert worden – und zwar in Wort und Bild. Sie haben selbst dafür gesorgt, dass sie in die Geschichtsbücher als Virtuosen des Terrors eingegangen sind. Wir begegnen hier der schrecklichsten Komponente des Krieges. (Meller et al. 2024, S. 274)
… das Abschneiden der Köpfe, das Schinden (also Abziehen der Haut) und das Pfählen (auf einen angespitzten Pfahl Setzen) ziehen sich wie Leitmotive durch die assyrische Kriegsberichterstattung. Gerade die beiden letzten Hinrichtungsarten verband, dass sie einen langen, grauenvollen Todeskampf garantierten und allen Betrachtern ein schreckliches Schauspiel boten. (Meller et al. 2024, S. 275–276)
»Da Kriege als Mittel der Beute- und Tributgewinnung einen unentbehrlichen Wirtschaftsfaktor darstellten und da überdies ein einmal ›stehender‹ Militärapparat betätigt werden musste, war ein jährlicher Feldzug die Regel«, schreibt der Assyriologe Dietz Otto Edzard. Assyrien sei ein Land in »ständiger Offensive« gewesen. Der Krieg in Permanenz avancierte zum Lebensprinzip des Staates. (Meller et al. 2024, S. 274)
Das funktionierte erstaunlich gut. In der Weltgeschichte konnte sich kaum eine Dynastie länger an der Macht halten als die assyrische: vom 17. Jahrhundert bis ans Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. Das darf aber nicht täuschen: Immer wieder kam es zu gewaltsamen Konflikten um die Thronfolge – eben nur innerhalb der Dynastie. Nicht wenige assyrische Könige fanden ein gewaltsames Ende. Sanherib etwa, berühmt als der König, der Jerusalem belagerte, wurde 680 v. Chr. von einem Sohn umgebracht, der sich in der Erbfolge übergangen glaubte. (Meller et al. 2024, S. 274–275)
Die neuassyrischen Könige besaßen eine Vielzahl von auf die Städte des Reichs verteilten Harems, die sie von Eunuchen bewachen ließen. Bei all den Haupt- und Nebenfrauen gab es mehr als genug ambitionierte Königssöhne, die alles auf die Karte Gewalt setzten. Einmal mehr: Der wohl größte Kriegstreiber sind extrem patriarchale Verhältnisse. Dazu passt: Die Assyrer waren der Historikerin Gerda Lerner zufolge die Ersten, die verheiratete Frauen gesetzlich dazu verpflichteten, in der Öffentlichkeit Schleier zu tragen. (Meller et al. 2024, S. 275)
Halten wir fest: Mit den Hochkulturen hat die Evolution der Gewalt ihren Höhepunkt erreicht. Das Kriegswesen steht in voller Blüte, es sind alle grundlegenden Elemente beisammen. Was danach in Karthago und Persien, in Griechenland und Rom kam, war vor allem eine weitere Ausdifferenzierung der Streitkräfte und der daraus resultierenden Strategien, Verfeinerung der Taktik, Steigerung der Effektivität des Tötens, Fortschritte in der Waffentechnologie. Wer nicht auf der Strecke bleiben wollte, brauchte entweder eine starke Schutzmacht oder musste zuvorderst an der Innovationsfront dabei sein. Jeder Erfolg war aber nur ein temporärer. Die Gegner rüsteten nach. (Meller et al. 2024, S. 277)
Von Herodot über Thukydides zu Polybios und Tacitus: Hier beginnt auch die Tradition der Militärgeschichte, die dazu diente, aus dem Studium vergangener Schlachten Erkenntnisse für die Zukunft zu entwickeln. Bis ins 20. Jahrhundert hinein wird sie Sache von Generalstäblern sein. Und natürlich verherrlichten Epen – wie Homers »Ilias« oder die »Aeneis« des Vergil – den Krieg in all seinen Facetten, wenn sie diesen auch dem Ränkespiel der Götter in die Schuhe schoben und nicht vor durchaus realistischen Schilderungen zurückschreckten. (Meller et al. 2024, S. 280)
So könnten wir noch lange weitermachen, die politischen Verfassungen waren auf das Engste verzahnt mit dem Kriegswesen. Ein heroisch-martialisches Menschenbild prägte die Erziehung, mit einer klar geschlechtsspezifischen Ausrichtung: Die Jungen übten sich von klein an in für den Krieg relevanten Fertigkeiten, bei den Mädchen drehte sich im Wesentlichen alles um Kindergebären und Haushaltsführung. Plutarch berichtet, dass in Sparta Kinder nach der Geburt auf ihre Stärke hin untersucht wurden. Jene, die als zu schwach oder missgebildet galten, wurden ausgesetzt. (Meller et al. 2024, S. 281)
Uns ging es darum zu zeigen, wie total der Krieg wurde und alle Gesellschaftsbereiche durchdrang. Er bestimmte das Wohl und Wehe von Staaten. Man geht nicht fehl in der Annahme, dass deren welthistorischer Erfolg darin lag, dass sie die dem Krieg am besten entsprechenden sozialen Verfassungen darstellten – und eben nicht auf das Interesse ihrer Untertanen ausgelegt waren. Das ist keine Überraschung, sind die Staaten doch kriegsgeboren und überlebten nur, wenn sie den Krieg perfektionierten. (Meller et al. 2024, S. 282)
Natürlich wurde selbst im Altertum nicht Tag für Tag Krieg geführt. Auch auf Staatsebene stand Abwägen dahinter und wurden Debatten um den »gerechten Krieg« geführt. Doch Krieg war stets eine selbstverständliche Option der Politik. Selbst wo man sich für Frieden entschied, lebte man beständig unter dem Damoklesschwert, dass die Nachbarn es anders handhabten. Heraklit hat also dahingehend recht, dass der Krieg der Vater aller Dinge seiner Welt war. Und auch hinsichtlich der Präzisierung: »die einen lässt er Sklaven werden, die anderen Freie.«
Aristoteles wird den Krieg in diesem Sinne naturalisieren. In seiner »Politeia« schreibt der Philosoph und Lehrer des vielleicht größten Feldherrn aller Zeiten, Alexander des Großen: »Darum ist auch die Kriegskunst von Natur aus eine Art Erwerbskunst (die Jagdkunst ist ein Teil von ihr), die man anwenden muss gegen Tiere und gegen Menschen, die von Natur aus zum Sklavendienst bestimmt sind.« (Meller et al. 2024, S. 282)
Aristoteles bringt es auf den Punkt: Die Evolution der Gewalt brachte den Krieg als eine Erwerbskunst hervor, eine neue Form der Subsistenz, mit der Gesellschaften ihren Lebensunterhalt bestreiten. 99 Prozent der Menschheitsgeschichte war die Erwerbskunst das Jagen und Sammeln dessen, was die Natur zu bieten hatte. Vor rund 12000 Jahren tauchte mit der Landwirtschaft die Erwerbskunst auf, seine Nahrung durch Ackerbau und Viehzucht selbst zu produzieren. Vor rund 5000 Jahren dann etablierte sich der staatlich organisierte Krieg als neue Erwerbskunst, mit der sich einige wenige gewaltsam die Arbeit, den Besitz, das Land und Leben anderer Menschen aneignen. Zugespitzt formuliert: Der Krieg als parasitäre Lebensform dominierte die nächsten Jahrtausende. Mit militärischen Mitteln werden die Stärkeren die Schwachen berauben. (Meller et al. 2024, S. 282–283)
16 Krieg gegen Frauen
Die Historikerin Kathy Gaca hat recht, wenn sie kritisiert, dass das traditionelle Kriegsverständnis zu sehr auf das Töten von Männern fokussiere. Vergewaltigung und Versklavung von Frauen sind die längste Zeit ein ebenso systematischer wie integraler Bestandteil von Kriegen. Umso erstaunlicher, dass dieses Thema in vielen Kriegsgeschichten kaum vorkommt. Dabei handelt es sich um das Komplement zum Töten der Männer. Terror gegen Frauen ist eine eigene Komponente des Krieges. Trotz aller kriegs- und völkerrechtlicher Verbote hat sie sich bis heute nicht ausrotten lassen. (Meller et al. 2024, S. 284)
Die homerischen Helden gehören bis heute zum Kernbestand humanistischer Bildung. In »The Rape of Troy« konstatiert Jonathan Gottschall, dass sich fast alle bei genauerer Betrachtung als »Serienvergewaltiger« erweisen. Es sei erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit das Erbeuten und Vergewaltigen von Frauen als Attribut des Heroentums dargestellt wird. (Meller et al. 2024, S. 286)
Bei näherer Betrachtung erweisen sich die Epen um den Fall von Troja ohnehin als eine Aneinanderreihung von Frauenrauben. Paris entführt Helena, Achilles’ Sohn Neoptolemos raubt Andromache, Kassandra wurde erst von Aias dem Lokrer im Tempel der Athene vergewaltigt, um dann von Agamemnon als Sklavin nach Mykene geführt zu werden, und Hekabe fiel an Odysseus. Ihrer Tochter Polyxena schnitt man am Grab des Achill die Kehle auf. (Meller et al. 2024, S. 285–286)
Der weise Nestor habe den griechischen Kriegern mit dem Tod gedroht, »sollten sie versuchen, nach Hause zurückzukehren, bevor sie Troja erobert und trojanische Frauen vergewaltigt haben«. Das war eine so gängige Praxis, dass das Bezwingen einer Stadt selbst als Akt der Vergewaltigung beschrieben wurde. Sogar in der Bibel findet sich diese Metaphorik. Der Prophet Nahum imaginiert sich Gott als Vergewaltiger der als weiblich personifizierten Stadt Ninive, dem Sitz der assyrischen Könige. (Meller et al. 2024, S. 286)
Auch in diesem Fall gilt: Frauenraub und Vergewaltigung sind ein Zivilisationsprodukt in der Evolution der Gewalt. Die ethnografischen Berichte über mobile Jäger und Sammler, aber auch matrilinear organisierte Gesellschaften stimmen darin überein, dass es kaum je zu Vergewaltigungen kommt. Die Geschlechterbeziehungen sind ausgeglichen, die Gruppen wachen darüber, dass es zu keinem massiven Fehlverhalten kommt. Sollte ein Mann übergriffig sein, wird das sofort bekannt und sanktioniert. (Meller et al. 2024, S. 286–287)
Folglich ist die Vergewaltigung von erbeuteten Frauen durch die Sieger ein ebensolcher Akt der Inbesitznahme im Rahmen der »Erwerbskunst« des Krieges. Indem die Eroberer die Frauen einer erstürmten Stadt vergewaltigen, wird diese ebenso endgültig in Besitz genommen. Der so vollzogene Triumph der Sieger ist zugleich die ultimative Demütigung der Besiegten. (Meller et al. 2024, S. 287)
Das soll nicht bedeuten, dass sexuelle Gier bei Vergewaltigungen im Krieg keine Rolle spielen würde. … Das ist kein Automatismus! Es führt aber zur Häufung dieses Verhaltens. Hinzu kam zweierlei: Erstens, dass Soldaten bei längeren Feldzügen oder Belagerungen sexuell ausgehungert waren. Und zweitens, dass der Krieg die normalen gesellschaftlichen Regeln außer Kraft gesetzt hatte – und die Soldaten zu Herren über Leben und Tod machte. Nicht wenige Kommandeure versprachen ihren Soldaten Frauen als Belohnung. (Meller et al. 2024, S. 288)
Die Geschichte ist voller Fälle von Frauen, die aus Furcht vor Vergewaltigungen angesichts der nahenden Feinde Selbstmord begangen haben. … In der kleinen Stadt Demmin waren es Ende April, Anfang Mai 1945 insbesondere Frauen, die sich während der Einnahme der Stadt durch die Rote Armee oft sogar mit ihren Kindern das Leben nahmen. Viele ertränkten sich in der Tollense und den anderen beiden Flüssen der Stadt. … Tatsächlich kam es zu einer Vielzahl von Vergewaltigungen durch sowjetische Soldaten. In Demmin zeigt sich aber auch, dass es im Krieg kaum etwas gibt, das nicht instrumentalisiert würde. Die nationalsozialistische Propaganda hatte gezielt die Angst der Zivilbevölkerung vor hinmetzelnden und vergewaltigenden »Untermenschen« aus dem Osten geschürt, um so den Durchhaltewillen zu stärken. Das hatte seinen Anteil an der Selbstmordwelle in Demmin. (Meller et al. 2024, S. 290)
Doch wollen wir dieses Kapitel nicht abschließen, ohne mit der biblischen Judit daran zu erinnern, dass Frauen ihr Schicksal nicht immer einfach so erduldeten. Nachdem sie aufgrund ihrer Schönheit dem assyrischen Heerführer Holofernes zugeführt worden war, machte Judit diesen betrunken und schnitt ihm mit dessen eigenem Schwert den Kopf ab. Die feine Ironie der Geschichte können wir mittlerweile verstehen, waren es doch die Assyrer, die es schätzten, ihre Grausamkeit mit dem Abschneiden von Köpfen besiegter Feinde zu zelebrieren. (Meller et al. 2024, S. 291)
17 Im Namen Gottes
Ein letztes Mal bemühen wir Pierre Bourdieu: »Mir scheint, dass man die grundlegenden Kräfteverhältnisse der sozialen Ordnung nicht verstehen kann, ohne die symbolische Dimension dieser Verhältnisse einzubeziehen … Wären diese Kräfteverhältnisse nur physische, militärische oder selbst ökonomische Kräfteverhältnisse, so wären sie wahrscheinlich unendlich brüchiger und leichter umzustürzen.« Eine »unsichtbare Macht« wird benötigt, »die so unmerklich wirkt, dass man überhaupt ihre Existenz vergisst«. Er nennt sie die »symbolische Macht«. Und damit sind wir bei der Religion. (Meller et al. 2024, S. 295–296)
Wie der Krieg ist Religion allein dann zu verstehen, wenn sie als kumulatives Produkt der biologischen und kulturellen Evolution verstanden wird – und zwar jener Entwicklungen, die in diesem Buch beschrieben wurden. Infolgedessen handelt es sich auch hier um einen Komplex, der aus verschiedenen Komponenten unterschiedlichen Alters und Ursprungs besteht. Herrschaft und Krieg spielen dabei eine entscheidende Rolle. Sie führten zu einer besonderen Spielart von Religion. Diese gibt sich bis heute als die einzig wahre aus und ist auf das Engste mit der Evolution der Gewalt verwoben. (Meller et al. 2024, S. 296)
Bemerkungen:
- Zu Beginn ihrer Darlegungen zur Evolution der Religion führen die Autoren die Ergebnisse einer Studie an, die bei 33 Jäger und Sammler-Gesellschaften rund um die Erde deren religiöse Eigenarten untersucht. Dabei verwendeten sie die phylogenetische Methode, um das Alter der Eigenart zu ermitteln: je verbreiteter die Eigenart ist, umso älter ist sie, d. h. früher in der Evolution aufgetreten. Die Anthropologen ermittelten folgende Ergebnisse: Animistische Vorstellungen, also die Annahme einer allseits beseelten Natur, waren in 100 Prozent der untersuchten Jäger und Sammler-Gesellschaften nachzuweisen. Schamanische Experten kannten 79 Prozent. Die Verehrung aktiver Ahnen fand sich bei 45 Prozent. Der Glaube an Götter dagegen ist nur bei 39 Prozent nachweisbar. Und Götter, die in das menschliche Leben eingreifen, sind sogar nur 15 Prozent bekannt.
- Damit kann für die religiösen bzw. mystischen Vorstellungen der Jäger und Sammler geschlussfolgert werden, dass sie ausschließlich animistische Vorstellungen hatten und Götterglaube im heutigen Sinne erst viel später der kulturellen Entwicklung auftrat.
- Die urzeitlichen animistischen Vorstellungen findet man noch heute in einer frühen Entwicklungsphase bei Kindern, die unbelebte Objekte als belebt, bewusst und absichtsvoll wahrnehmen. Typische Beispiele sind die Annahme, der Wind sei „böse“ und wolle Angst machen, der Teddybär sei müde, der Mond folge dem Kind, sie beschwören einen Würfel, damit er das nächste Mal ganz sicher eine Sechs zeigt.
Der Anthropologe Stewart Guthrie spricht von »Anthropomorphisierung«: Mächtige Götter, die sich wie Herrscher gebärden, können sich Menschen erst dann vorstellen, wenn sie mächtige Individuen kennen, die sich zu Herrschern aufgeschwungen haben. Götter tauchen also frühestens im Neolithikum im Kontext hierarchischer Gesellschaften auf. Sie sind als Widerspiegelung irdischer Realitäten eine späte Erscheinung. (Meller et al. 2024, S. 299)
In Anatolien, im Herzen des Fruchtbaren Halbmonds, finden sich in der Anfangszeit der sesshaften Welt die ersten architektonischen Monumentalstrukturen, die Tempelcharakter besitzen: Die rund 12.000 Jahre alte von Göbekli Tepe ist die berühmteste. … Auf einer Bergkuppe stehen dort fünf Meter hohe steinerne Pfeiler, die in abstrahierter Weise Menschen zu repräsentieren scheinen. Sie sind zu Kreisen arrangiert, im Inneren finden sich Sitzbänke. (Meller et al. 2024, S. 300)
Es liegt auf der Hand, in Orten wie Göbekli Tepe mehr als nur einen Kultplatz zu sehen. Es spricht alles dafür, diese als eine Urform späterer Tempel zu deuten. Dort institutionalisiert sich ein Bereich der religiös-spirituellen Sphäre und gibt sich eine auf Überwältigung setzende architektonische Gestalt. Sie erschafft besondere Orte der Macht und besitzt Experten, die über geheimes Wissen verfügten. Wer in diesen esoterischen Kreis aufgenommen wurde, war legitimiert. (Meller et al. 2024, S. 301–302)
Worauf gründete die Macht der alten Männer, die das Sagen hatten und mehrere Frauen besaßen? … Die alten Männer kontrollieren den Zugang zum religiös-spirituellen Wissen. Darauf baut sich ihre Autorität auf. »Junge Männer ›zahlen‹ für ihre religiöse Unterweisung mit Nahrungsmittelgaben und ermöglichen den Alten mit ihrer Jagdtätigkeit – zusammen mit dem Sammeln der Frauen – ein weitgehend arbeitsfreies Leben und eine intensive Beschäftigung mit Religion, Kunst und Ritualen«, schreibt Helbling. (Meller et al. 2024, S. 302)
Dennoch führt diese Entwicklungslinie zu den großen Tempeln der mesopotamischen Stadtstaaten, die ebenfalls als Wirtschafts- und Verwaltungszentren fungierten. (Meller et al. 2024, S. 303)
Um die mesopotamischen Tempel herum entstanden die ersten Stadtstaaten, die miteinander in Konflikt gerieten. Die Heerführer der jeweiligen Tempel zogen im Namen ihres Stadtgottes in den Krieg. Waren sie erfolgreich, bewies ihr Sieg, dass sie in der göttlichen Gunst standen. Auf diese Weise schuf der Krieg die ersten Könige. In ihnen verschmolzen militärische Macht und göttliche Auserwähltheit. (Meller et al. 2024, S. 303–304)
Auch das treibt die Aufrüstung der Staaten voran und versetzt die Welt in den Zustand eines permanenten Krieges. Denn hier wittert jeder Warlord seine Chance, sich durch einen Sieg als Liebling der Götter an die Macht zu putschen.
Das ist aber nicht der einzige Schönheitsfehler: In einer polytheistischen Welt vieler Götter konnten sich Konkurrenten darauf berufen, in der Gunst eines anderen Gottes zu stehen. (Meller et al. 2024, S. 304)
Verschiedene Strategien werden getestet, um dem Dilemma der vielen Göttergünstlinge zu entkommen. Sie alle versuchen, die eigene Herrschaft unanfechtbar zu machen. Die offensichtlichste Strategie bestand darin, die persönliche Verbindung der Herrscher zur Gottheit möglichst eng zu gestalten. Sargon von Akkad war nicht königlicher Herkunft, weshalb er die Legende verbreiten ließ, die Kriegsgöttin Inanna/Ischtar habe ihn erwählt. Seine Mutter sei eine Priesterin gewesen, die ihr uneheliches Baby in einem Weidenkästchen im Euphrat aussetzte, wo Sargon dann gerettet wurde (die Bibelautoren werden diese Geschichte Mose andichten). (Meller et al. 2024, S. 304)
Das Grundproblem aber blieb bestehen: Auch die Konkurrenz konnte sich als Göttersöhne oder Götter selbst inszenieren. (Meller et al. 2024, S. 305)
Das Besondere der zweiten Strategie war die Verknüpfung mit einer höchsten Gottheit. Dazu bot sich das an, was der Politikwissenschaftler Eric Voegelin »kosmologische Ordnung« nennt: der Versuch der frühen Staaten, ihre Macht durch den Bezug auf die kosmischen Mächte der Sonne, des Mondes und der Sterne zu legitimieren, sie damit über die irdischen Gefilde zu erheben und unantastbar zu machen. Insbesondere die Ausrichtung auf die Sonne ist populär, ist diese doch einzigartig und überstrahlt alles. Dass der babylonische König Hammurapi seine Gesetze im Angesicht des Sonnengottes erließ, war schwer zu übertrumpfen. (Meller et al. 2024, S. 305)
Hier drängte sich die dritte Strategie auf: die Bewegung hin zu Henotheismus (eine Gottheit dominiert über alle anderen) und Monotheismus (es gibt keine anderen Götter). … Das berühmteste Beispiel ist das des Pharao Echnaton, der die Verehrung der traditionellen Vielfalt des ägyptischen Götterpantheons untersagte und stattdessen den alleinigen Kult des Sonnengottes Aton installierte. (Meller et al. 2024, S. 305–306)
Doch diese Möglichkeiten waren begrenzt, da in den etablierten Staaten alle Götterkulte bereits durch Tempel und Priester gestützt waren. Echnaton ist das beste Beispiel. Es gelang ihm nicht, die Priester des Amun vollends zu entmachten. Nach seinem Tod etablierten sie wieder die alten Verhältnisse und setzten alles daran, die Erinnerungen an den Pharao, den »Erzketzer«, auszulöschen. Selbst sein Sohn Tutanchaton (»lebendes Abbild des Aton«) erhielt einen neuen Namen: Tutanchamun (»lebendes Abbild des Amun«).
Was hier geschieht, wird erst verständlich, beschreibt man die religiösen Zusammenhänge als das, was sie tatsächlich sind: Herrschaftsideologie. Denn das ist ihre Triebkraft. Die Machtposition von Potentaten soll abgesichert, im besten Fall unantastbar gemacht werden. Doch das Problem, mit dem die ägyptischen und orientalischen Herrscher zu kämpfen hatten, ist, dass die religiöse Sphäre den politischen Entwicklungen hinterherhinkte. … Für irdischen Absolutismus existierten damit jedoch keine göttlichen Äquivalente. (Meller et al. 2024, S. 306)
Deshalb vollzog sich die entscheidende Innovation des Monotheismus an einem überraschenden Ort und unter gänzlich anderen Bedingungen. Die Rede ist von jener Schnittstelle der Interessensphären der damaligen Großreiche, die als das »Heilige Land« in die Geschichte eingehen wird. Dass das israelische Großreich der Könige David und Salomons nur eine sagenhafte Fiktion war, hat die Archäologie in den vergangenen Jahrzehnten überzeugend herausgearbeitet. Tatsächlich formierten sich im 9. Jahrhundert v. Chr. in der Levante zwei kleine Königreiche: Israel im Norden, Juda im Süden.
In beiden Fällen war entscheidend, dass es sich eben um keine primären Staatsbildungen handelte, sondern um sekundäre, die sich unter dem Einfluss bereits bestehender Staaten vollzogen. Das hatte gerade im Bereich der offiziellen Religion, des Staatskultes, Konsequenzen: Im Fall sekundärer Staatsbildungen, die mit der Formierung neuer Institutionen einhergehen, besteht eine einmalige Modernisierungschance, da man bewährte herrschaftsideologische Elemente aus bereits etablierten Reichen übernehmen und sie den eigenen Bedürfnissen anpassen konnte.
In Israel und Juda entfaltete sich in den jeweiligen Hauptstädten Samaria und Jerusalem ein Staatskult um Jahwe, der als Wettergott begonnen hatte und nun weitere Funktionen erhielt, … Seine Aufgabe war es, »dem Herrscher im Kampf den Sieg zu gewähren«. Diese für Mesopotamien wie Ägypten charakteristische Jobbeschreibung gilt ebenso für den Staatsgott von Kleinkönigtümern. (Meller et al. 2024, S. 307)
Das Besondere war nun, dass man den eigenen Staatsgott mit absolutistischen Qualitäten ausstattete, wie sie typisch für die Herrscher der umliegenden Imperien waren. Welch ein ebenso gewaltiges wie gewalttätiges Vorbild man sich in Samaria und Jerusalem ausgesucht hatte, ist in den vergangenen Jahren überzeugend herausgearbeitet worden: Es sind die größten Herrscher ihrer Zeit, die assyrischen Könige.
722 v. Chr. eroberten die Assyrer das Nordreich Israel, viele entzogen sich der Deportation durch Flucht nach Juda. Das Südreich sicherte sich das Überleben, indem es als Vasall Tribute an den assyrischen König zahlte: »Für die Entstehung eines gelebten Monotheismus ist vor allem von Bedeutung, dass Juda und Jerusalem unter der assyrischen Besatzung mit der Institution der Vasallitätsverpflichtung bekannt wurden«, schreibt der katholische Theologe und Religionswissenschaftler Othmar Keel. In Verträgen mussten Judas Herrscher dem assyrischen König absolute Treue schwören und sich unter »schwersten Drohungen« dazu verpflichten, »keinen anderen Herrn als den assyrischen Großkönig ins Auge zu fassen, ihm allein loyal zu sein, ›ihn zu lieben‹, jeden Versuch, sie von diesem exklusiven Verhältnis abzubringen und etwa zu einer Hinwendung zum Pharao zu motivieren, erbarmungslos zu denunzieren und zu bestrafen«.
Diese Vorstellung wird nun auf den eigenen Gott übertragen: »Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft«, heißt es in 5. Mose 6. Das Motiv der Liebe, eines der Kernelemente der Bibel, stammt also, laut Keel, aus dem »altorientalischen Vertragsrecht zur Bezeichnung politischer Loyalität«, und auch das »von ganzem Herzen« gehört in diesen Kontext. Das Volk Israel – und später alle anderen Gläubigen – bindet sich an Jahwe wie Vasallen an den assyrischen Großkönig. Das monotheistische Gottesbild ist in entscheidenden Zügen kein religiöses, sondern ein politisch geprägtes. »Der Machtanspruch ist von Haus aus der des assyrischen Großkönigs«, konstatiert Keel, dieser sei »kritiklos« auf Jahwe übertragen worden, der so »mit Zügen eines altorientalischen Despoten ausgestattet« worden sei. (Meller et al. 2024, S. 308)
Der Assyriologe Eckart Frahm untermauert diese Sicht: Das »Bild des allmächtig erscheinenden assyrischen Regenten, dieses Beherrschers der Welt«, hat »unmittelbar das biblische Gottesbild beeinflusst«. Das Ergebnis sei »die ins Religiöse gewendete Idee einer absoluten Herrschaft, wie sie sich im assyrischen Königtum manifestierte«. Der »monokratische Charakter des assyrischen Königtums« gehört damit zu den »Wurzeln des biblischen Monotheismus«. In der »gleichermaßen absoluten wie imperialen Herrschaftsauffassung« der Assyrer sahen die Bibelautoren eine »wichtige Inspirationsquelle«. Das wirkt sich bis in die biblischen Gewaltschilderungen hinein aus, die unverkennbar durch die geschilderten assyrischen Exzesse in Sachen Grausamkeit inspiriert wurden.
An diesem besonderen Ort schrieb sich unter außergewöhnlichen Umständen der politische Despotismus in die göttliche Sphäre ein – und erhielt damit seinerseits eine unanfechtbare Rechtfertigung. Endlich gab es einen Gott, der den absoluten Legitimationsansprüchen irdischer Herrscher genügte! Die Anomalie in der menschlichen Evolution, dass ein einzelner Mensch über ganze Reiche mit Abertausenden von Menschen gebieten konnte, galt fortan als gottgewollt.
Bald aber ging auch das Königreich Juda im Süden unter: 587 v. Chr. eroberten die Truppen des babylonischen Königs Nebukadnezar Jerusalem und entführten die Eliten in die »babylonische Gefangenschaft«. Dort wurde das monotheistische Gottesbild weiter ausgearbeitet. Da diese Entwicklungen bisher vor allem als theologisch und religionsgeschichtlich relevant eingeschätzt wurden, sind sie noch kaum als entscheidende Wegmarke in der Evolution der Gewalt und des Krieges registriert worden, welche die Geschicke nicht allein des »christlichen Abendlandes« bis in unsere Tage prägen wird. Denn damit propagierte die Bibel eine innovative Herrschaftsideologie, die auf der Höhe ihrer Zeit war und absolute Macht unantastbar machte. Jenen, die sie entworfen hatten, nutzte sie indes nichts, da die Reiche Israel und Juda die meiste Zeit unter Fremdherrschaft blieben. Erst in eine völlig andere Welt transferiert, entfaltete der Monotheismus seine ganze Wirkung. (Meller et al. 2024, S. 309)
Der erste Vorteil für Herrscher ist offensichtlich: Wo es nur einen einzigen Gott gibt, der zudem den gesamten Kosmos erschaffen hat, steht der von Gott Erwählte jedem Zweifel enthoben über allen anderen; niemand kann ihm die Legitimation streitig machen.
Der zweite Vorteil: Der Monotheismus lieferte eine universell einsetzbare Legitimation zum Kriegführen – nach innen wie nach außen. Aus seiner theologisch-absolutistischen Konsequenz heraus wurde nicht nur fremden Göttern der Krieg erklärt, sondern auch der Alltagsreligion. Diese hatte sich über die Jahrtausende hinweg entwickelt und parallel zur Herrschaftsreligion existiert, da sie ihr keine Konkurrenz machte. Am Anfang des Dekalogs heißt es jetzt aber: »Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott.« Damit wurden die altbewährten, oft weiblich dominierten Praktiken der Heilung, der Ahnen- und Geisterverehrung und Alltagsmagie verteufelt. Die neue Herrschaftsreligion von oben wurde totalitär und gab sich als einzig wahre Religion aus. Alles andere galt als verabscheuungswürdiger, auszurottender Aberglaube – und wurde mit dem Tod bedroht: »Wenn ein Mann oder eine Frau Geister beschwören oder Zeichen deuten kann, so sollen sie des Todes sterben; man soll sie steinigen.« Stellen wie diese bietet die Bibel zuhauf. (Meller et al. 2024, S. 310)
Der dritte Vorteil: Die Berufung auf einen einzigen Gott hat eine die gesamte Gesellschaft vereinigende und zwingende Kraft, die in Kulturen mit vielen Göttern unmöglich ist.
Die Geschichte wird voll sein von Kriegen, die im Namen der Religion geführt werden. Doch genauer betrachtet ist daran nichts genuin Religiöses, es handelt sich nur um die perfekt einsetzbare Freund-Feind-Logik, die aus dem Arsenal weltlicher Despoten stammt, aber eben nur allzu gut mit den psychologischen Adaptionen der Menschen korrespondiert.
Das monotheistische Narrativ wurde aus dem Versuch der Selbstermächtigung heraus formuliert: aus einer Position der Schwäche und nicht der Stärke. Israel und Juda existierten nicht mehr, die Bibelautoren arbeiteten unter der Herrschaft fremder Mächte. Ihr Ziel war es zu verstehen, warum die Staaten Jahwes untergegangen waren; ihre Erklärung bestach durch Raffinesse: Sie verkauften den Untergang als ultimativen Beweis der überlegenen Macht Jahwes. Er hatte sich gewaltiger Reiche wie der Assyrer und der Babylonier bedient, um sein eigenes Volk zu bestrafen, da es ihm nicht immer treu gefolgt war. Damit wurde die eigene Niederlage in einen Triumph Gottes verwandelt, in dessen Händen die mächtigsten Herrscher zu bloßen Marionetten wurden. Die Bibelautoren machten sich daran, die eigene Geschichte nach diesem Prinzip umzuschreiben, das heißt, über weite Strecken neu zu erfinden. Sie schufen Narrative, die sich für viele Herrscher der Welt als attraktive Rollenmuster erweisen werden. (Meller et al. 2024, S. 311)
Die Geschichten von Josua, David und Salomo illustrieren das grundsätzliche Prinzip: Sind Herrscher Gott treu ergeben und befolgen seine Regeln, belohnt dieser sie mit großen Siegen, der Vernichtung und Auslöschung ihrer Feinde sowie vielen Frauen. Das ist besonders an Davids Aufstieg vom kleinen Warlord zum König nachzuvollziehen. Jeder erfolgreiche Zwischenschritt beschert ihm neue Frauen. Sein Sohn Salomo wird einen Harem besitzen, der 700 Frauen und 300 Nebenfrauen umfasst. Was das alte Israel angeht, ist das Fiktion, aber es zeigt einmal mehr: Die Bibelautoren orientierten sich an den Despoten ihrer Zeit. (Meller et al. 2024, S. 311–312)
Doch dessen göttliche Mission zeichnete sich oft durch eine in der antiken Welt unbekannte Radikalität aus: So erließ Jahwe den Befehl, das eroberte Jericho dem »Bann des Herrn« zu unterwerfen, das heißt, was sich an »Mann und Weib, Jung und Alt, Rindern, Schafen und Eseln« in der Stadt fand, war »mit der Schärfe des Schwerts« zu richten (die antike Praxis bestand darin, allenfalls die Männer zu töten). Der Rest sollte in Flammen aufgehen, nur wertvolles Gerät war für Gottes Schatz bestimmt. Auch das ist Fiktion, Jericho ist nie von den Israeliten erobert worden. Wirkmächtig wurde dieses Narrativ trotzdem spätestens dann, als die Bibel im Christentum zum »Wort Gottes« avancierte. (Meller et al. 2024, S. 312)
Angesichts des sich hier offenbarenden Gewaltpotenzials ist es unabdingbar zu betonen: Wir haben es bei diesen Narrativen mit keiner Ideologie zu tun, die sich aus der Position despotischer Überlegenheit Bahn bricht. Das Gegenteil war der Fall: Menschen, die Opfer der großen Imperien ihrer Zeit waren, versuchten sich in einer Position der Defensive einen Reim darauf zu machen, warum sie immer wieder auf die schrecklichste Weise von fremden Mächten gepeinigt worden waren. In einem Akt intellektueller Selbstbehauptung erfinden sie ein geschichtstheologisches Narrativ, das nicht nur ihre Situation erklären, sondern auch Hoffnung spenden soll: Solange sie ihrem Gott nur treu genug folgen, wird der sie eines Tages belohnen, und sein Volk wird von allen fremden Tyrannen befreit in einer Welt des Friedens leben können. (Meller et al. 2024, S. 312–313)
Nun wüssten wir von all dem vermutlich nichts, wenn es nicht zu einer der erstaunlichsten Volten der Menschheitsgeschichte gekommen wäre: zu einem Transfer in eine andere Sphäre (um den in diesem Kontext einmal durchaus zutreffenden Terminus der »kulturellen Aneignung« zu vermeiden). Man könnte auch von einer Rückkehr sprechen. Hatten die Bibelautoren die absolutistische Logik aus der politischen Sphäre assyrischer Despoten in die Sphäre Gottes übertragen, wird nun ein Despot diese Logik für sich entdecken und in seine Welt zurücktransferieren und damit die perfekte Herrschaftslegitimation schaffen. (Meller et al. 2024, S. 313)
Der jüdisch-christliche Monotheismus wechselt nämlich auf die Seite der Macht. Es ist ja nicht so, dass das Christentum aufgrund seiner barmherzigen Qualitäten das brutalste Reich seiner Zeit, das Imperium Romanum, erobert hätte, Kaiser Konstantin witterte vielmehr das enorme politische Potenzial. Noch um das Jahr 300 herum ist in der römischen Welt nur von fünf bis zehn Prozent Christen auszugehen. »Ohne Konstantin«, schreibt der Althistoriker Paul Veyne, »wäre das Christentum eine avantgardistische Sekte geblieben.« Und heute wohl vergessen. (Meller et al. 2024, S. 313–314)
Was also bewog einen römischen Kaiser dazu, sich der Religion eines jüdischen Wanderpredigers anzuschließen, den römische Soldaten nahezu dreihundert Jahre zuvor als Aufrührer ans Kreuz geschlagen hatten? Dessen Nächsten- und Feindesliebe wird ihn kaltgelassen haben. Der römische Kaiser war ein skrupelloser Machtmensch, dessen Weg zur Alleinherrschaft von gewaltsamen Toden selbst nahestehender Personen begleitet war, Frau und Sohn eingeschlossen. Nein, Konstantin erkennt mit seinem politischen Gespür die große Chance.
Entscheidend ist die politische Situation, in der er sich befand: Im 3. Jahrhundert erlebte das Römische Reich aufgrund innerer Krisen und äußerer Bedrohungen eine extreme Instabilität. … Um diese Krise zu beenden, hatte Diokletian 293 die Tetrarchie eingeführt: … Der Herrscherwechsel sollte turnusmäßig erfolgen, die Söhne der amtierenden Kaiser aber waren zu übergehen, um Dynastiebildung zu verhindern. Konstantin war einer dieser übergangenen Söhne. Doch nach dem Tod seines Kaiservaters ließ er sich im Jahr 306 von seinen Soldaten als Herrscher ausrufen. … Konstantin war also ein Usurpator, der unrechtmäßig auf den Thron gelangte und dann noch in der Tetrarchie mit weiteren Konkurrenten zu kämpfen hatte. Sprich, er hatte ein schier unstillbares Legitimationsdefizit. (Meller et al. 2024, S. 314)
Entsprechend experimentierte er mit diversen der oben genannten Legitimationsstrategien.
Zu diesen Experimenten gehörte auch das, was im Jahr 312 geschah, am Tag vor der entscheidenden Schlacht gegen seinen Konkurrenten Maxentius (auch der ein übergangener Kaisersohn). Konstantin behauptete, ihm sei ein strahlendes Kreuz am Himmel erschienen, darunter die Worte »Durch dieses siege!«. Wie damals der Gott Ningirsu dem König von Lagasch, trug ihm dann noch im Traum Jesus Christus auf, das Christusmonogramm auf die Schilde seiner Soldaten zu malen. In hoc signo vinces: Tatsächlich triumphierte Konstantin an der Milvischen Brücke über Maxentius, dessen abgeschlagenen Kopf die siegreichen Soldaten auf einer Lanze aufgespießt den Einwohnern Roms präsentierten. Konstantin erhob sich damit zum alleinigen Herrscher des römischen Westreichs, 324 auch des Ostreichs. Kurz vor seinem Tod empfing er die Taufe, unter seinen Nachfolgern wird das Christentum zur Staatsreligion des Imperiums – und die fortan von den römischen Kaisern protegierte Kirche zu einer der mächtigsten Institutionen der Menschheitsgeschichte. (Meller et al. 2024, S. 215)
Mit »der christlichen Monarchie« sei die dauerhafteste Staatsform »der europäischen Geschichte« entstanden, befindet der Historiker Alexander Demandt. Dank Konstantin habe die »verhängnisvolle Verknüpfung von Staatsgewalt und Christenglauben« stattgefunden, die den »klerikalen Staat und die politisierte Kirche geschaffen und damit das Zeitalter der Glaubenskriege und der Ketzerverfolgung eingeleitet« habe. Das Erbe orientalischer Despoten lebte auch hier fort. (Meller et al. 2024, S. 315–316)
Wo der Krieg zum gottgefälligen Werk wird, der sich gegen all jene wenden kann, die als Feinde, Ungläubige oder Heiden stigmatisiert werden, denen mit dem Schwert der wahre Glauben beizubringen sein wird, ist die Matrix des Krieges komplett. Zumal die Herrscher nun auch ihre sündhaften Untertanen – wir erinnern uns: Kain sei Dank! – vor sich selbst und den Versuchungen des Teufels beschützen mussten. Sie hatten die Religion vollends gekapert und als perfektes Herrschaftsinstrument in ihren Dienst gestellt. Die Matrix des Krieges umfasst damit nicht nur die staatliche Welt, sie hat sich auch den Gesetzen des Himmels eingeschrieben und trachtet danach, den gesamten Globus zu unterwerfen. Entkommen unmöglich. (Meller et al. 2024, S. 316)
Bemerkungen
- Das ist eine interessante, wissenschaftlich fundierte Darstellung der Entstehung des Monotheismus und wirft ein neues Licht auf die religiösen Auffassungen von der „gottgegebenen“ heiligen Schrift und zeigt deutlich die eigentliche Funktion der Religionen.
- Auf diese wissenschaftlichen Erkenntnisse geht Harari in seinem weltweit verbreiteten Buch mit keiner Silbe ein. Im Gegenteil, er verbreitet die Idee der Religion als einer zivilisatorischen Errungenschaft. „Doch die Religion war die dritte große Kraft, die zur Einigung der Menschheit beitrug. Da alle gesellschaftlichen Ordnungen von Menschen erfunden werden, sind sie zerbrechlich, und je größer eine Gesellschaft, umso zerbrechliche sind sie. Den Religionen kam eine zentrale Aufgabe zu, weil sie diese zerbrechlichen Ordnungen legitimieren, indem sie auf einen übermenschlichen Willen verweisen. … Ihre Entstehung war eine der bedeutendsten Revolution in der Geschichte und leistet einen entscheidenden Beitrag zur Vereinigung der Menschheit …“ (Harari 2015, S. 254–255).
18 Die Bestie zähmen
Wir sind am Ende unserer evolutionären Aufklärung angekommen. Was folgt, ist Kriegs-, Militär- und Gesellschaftsgeschichte. Bereits in der Antike hat sich der Komplex des Krieges in seinen entscheidenden Komponenten ausgebildet. In der Folge bestand der Fortschritt darin, immer innovativere Techniken zu entwickeln …
Die evolutionäre Aufklärung hilft jene ideologischen Elemente zu erkennen, die neu ins Spiel gekommen sind und den Krieg unausweichlich erscheinen lassen. Ihre Macht ist ungebrochen, umso wichtiger, ihre Genese zu verstehen. (Meller et al. 2024, S. 317)
Die zersplitterte »Einheit des Christentums« warf massive legitimatorische Probleme auf, zumal sich in immer mehr sozialen Gruppen Widerstand gegen die feudale Herrschaftsordnung regte. Aufklärung und Industrialisierung brachten die sich allein auf Gott stützende Monarchie endgültig ins Wanken. Auch passten die entstehenden Nationalstaaten nicht länger ins Korsett einer einzigen Legitimationsquelle, mochten sie auch alle beweisen wollen, Gottes neues auserwähltes Volk zu sein.
Das war der Boden, auf dem neue Ideologien wuchsen, um Kriege zu legitimieren. Mit Vorliebe wurden sie in Stellung gebracht, um der alten despotischen Welt den Krieg zu erklären. Sie gingen einher mit dem neuen Narrativ, mittels des Krieges »den Fortschritt zu erzwingen«, wie es der Historiker Dieter Langewiesche formuliert. Es lieferte Begründungen, warum es legitim sei, die aus der Heiligen Allianz von Gott, König und Kirche resultierenden Verkrustungen und Unterdrückungsstrukturen gewaltsam aufzubrechen. (Meller et al. 2024, S. 318)
Die neuen Ideologien operierten mit Fiktionen, von denen keine viel älter ist als zwei- oder dreihundert Jahre. Als Letztbegründungen wohnt ihnen allen ein religiöses Momentum inne. Beim Konzept »Nation« handelte es sich, verkürzt gesagt, um eine »imagined community« im Sinne Benedict Andersons: Sie konstruiert eine mythisch begründete Schicksals- und Abstammungsgemeinschaft, die auch gerne als Kampf- und Opfergemeinschaft beschworen wird. Befreiungskriege sollten das Selbstbestimmungsrecht des Volkes durchsetzen. Das Konzept »Rasse«, für das es im Hinblick auf Menschen nicht die geringste biologische Rechtfertigung gibt, versuchte den inneren wie äußeren Imperialismus mit der angeblichen Überlegenheit der eigenen »Rasse« zu legitimieren und durch die Eliminierung »minderwertigen Lebens« die Höherentwicklung der Menschheit zu befördern. Das Konzept der »Klasse« wiederum schuf die »imagined community« der Unterdrückten, der »Proletarier aller Länder«, die den Ausbeutern dieser Welt den Krieg zu erklären hatten. Es setzte vor allem auf die »Revolution«, die als Bürger- oder Guerillakrieg umzusetzen war. (Meller et al. 2024, S. 319)
Allen Konzepten ist gemein, dass sie den Krieg als legitimes Mittel ausgaben, ihre Ziele zu erreichen, und ihm damit eine pseudowissenschaftliche Berechtigung als Lebensprinzip oder Motor des Fortschritts verschafften. Tatsächlich hatten sich alle auf die Fahnen geschrieben, die alte kriegsgeborene Feudalwelt zu beseitigen. (Meller et al. 2024, S. 319)
Der Verwandlung der kriegsgeborenen Welt in eine des Friedens mittels des Krieges – das ist das religiöse Prinzip der Apokalypse. Der Krieg gab sich einmal mehr als unverzichtbar aus. Zum »guten Zweck« erscheint der Krieg akzeptabel (Meller et al. 2024, S. 319)
Der Krieg als Mittel des humanitären Fortschritts – das ist die letzte Ausschmückung der Matrix des Krieges. Selbst ein Immanuel Kant, der in seiner Schrift »Zum ewigen Frieden« Wege aufzeigte, wie der Krieg zu zähmen sei, sah ausgerechnet den Krieg als Instrument dazu. Auf der derzeitigen »Stufe der Cultur« sei »der Krieg ein unentbehrliches Mittel, diese noch weiter zu bringen«. (Meller et al. 2024, S. 320)
Vom Ausgangspunkt der mobilen Jäger und Sammler aus betrachtet, hat der Krieg also eine Dystopie geschaffen, eine alptraumhafte Welt, in der die größten Talente unserer Spezies – Kooperation und Kreativität – in den Dienst totaler Gewalt gestellt worden sind. Eine Welt, in der soziale und materielle Ungleichheit in unerträglichem Maße herrschen und nicht nur der weibliche Teil der Menschheit ausgebeutet wurde (und wird). Nur relativ wenige haben davon profitiert, die Kosten und das Leid für den Rest des Planeten waren unvorstellbar. (Meller et al. 2024, S. 321–322)
Das ist die Bredouille, in der wir heute stecken. Ihr Ausgangspunkt liegt in den beschriebenen Prozessen des Sesshaftwerdens und der Erfindung der intensiven Landwirtschaft. Sie führten zu Überbevölkerung, unstillbarem Ressourcenhunger und Hyperkonsum, aber vor allem zu herrschaftsbasierten Gesellschaften, unter denen sich Staaten als die effektivsten Kriegsmaschinen erwiesen. Sie haben der Welt ein wahrhaft belastendes Erbe hinterlassen. Die Staaten und ihre Grenzen, die ungleiche Wohlstandsverteilung innerhalb und zwischen Gesellschaften, die ethnischen und religiösen Spannungen – all das sind Konsequenzen dieser Prozesse. Menschen schlagen sich heute weltweit mit Problemen herum, deren Wurzeln viele Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende zurückreichen. Das lässt die Probleme unlösbar erscheinen – und produziert neue Gewalt. (Meller et al. 2024, S. 322)
Deswegen entflammen die Kriege unserer Tage vor allem dort, wo Vielvölkerreiche und imperialistische Kolonialmächte willkürlich geschaffene Verhältnisse zementiert hatten. Die Konflikte arbeiten sich – zumindest vordergründig – an den Erblasten vergangener Ungerechtigkeiten ab. Sie trachten danach, diese zu beseitigen, verursachen aber in der Regel neues Leid und Unrecht. Zudem führen die Strukturen der Kriegsmatrix dazu, dass sich alles in gewohnten Bahnen bewegt: Der Krieg ist längst ein selbsterhaltendes System, in dem eine Aktion eine Gegenaktion erzwingt. (Meller et al. 2024, S. 322–323)
Die Macht der Kultur, vor allem der großen Erzählung des Nationalismus, ist jedoch keinesfalls zu unterschätzen. Das lange 19. Jahrhundert war auch eines der enormen Kriegsbegeisterung (insbesondere, was die gebildeten Schichten anging), die sich an »Befreiungskriegen« und dem »Erwachen des nationalen Bewusstseins« entzündete. (Meller et al. 2024, S. 324–325)
»Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?«, lässt Georg Büchner seinen Helden in »Dantons Tod« (1835) fragen. In einem Brief an Wilhelmine Jaeglé fürchtete der Dichter, Arzt und Revolutionär den »grässlichen Fatalismus der Geschichte«, welcher der Annahme »unabwendbare(r) Gewalt« entspränge, wenn diese nicht unterbunden werden könnte – und lieferte eine revolutionäre Antwort: Es seien die sozialen Verhältnisse, die Gewalt und Kriege produzierten.
Der Schock über das Leid der Verwundeten bei der Schlacht von Solferino 1859 ließ Henry Dunant das Internationale Rote Kreuz gründen. Höhepunkte der Ausformulierung des humanitären Völkerrechts werden die Haager Landkriegsordnung (1899–1907) und die Genfer Konvention (1864 und 1949) sein, die Methoden und Mittel der Kriegsführung sowie die Rechte und Pflichten Krieg führender Parteien regelten, aber auch den Schutz von Zivilisten, Kranken und Verwundeten sowie die Behandlung von Kriegsgefangenen und den Umgang mit besetzten Gebieten rechtlich festlegten. Die Staaten versuchten sich an der Humanisierung des Krieges.
Das alles führte nicht zur Abschaffung des Krieges, sondern mündete im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Dennoch schritt der Prozess fort, dem Krieg Ketten anzulegen. Die Gründung des Völkerbunds (1920) und der Vereinten Nationen (1945) sowie die Gründung der Europäischen Gemeinschaft (1957) und des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (1959) als inter- oder sogar supranationale Organisationen sahen und sehen sich dem Ziel verpflichtet, den Frieden zu sichern. In Europa gelang das für eine sehr lange Zeit. (Meller et al. 2024, S. 325)
Das Führen von Kriegen ist dem heutigen Völkerrecht zufolge verboten, zumindest was Angriffskriege und ungerechtfertigte Gewaltanwendung angeht. Seit 2002 klagt der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag Einzelpersonen für Völkermord, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Vorbereitung oder Durchführung eines Angriffskrieges an. Ein internationales Engagement, den Krieg zu ächten, ist unleugbar vorhanden. (Meller et al. 2024, S. 325–326)
Hinter den neuen Kriegen stehen vielmehr immer häufiger, wir folgen hier weiter Münkler, »parastaatliche, teilweise sogar private Akteure – von lokalen Warlords und Guerillagruppen über weltweit operierende Söldnerfirmen bis zu internationalen Terrornetzwerken«. Für diese ist der Krieg zu einem dauerhaften Betätigungsfeld geworden. Ethnische oder religiöse Gründe sind oft nur vorgeschoben und dienen dazu, die Gewalt zu legitimieren, Gemeinschaften zu beschwören und Unterstützung zu gewinnen. Die neuen Kriege werden, so Münkler, »von einer schwer durchschaubaren Gemengelage aus persönlichem Machtstreben, ideologischen Überzeugungen, ethnisch-kulturellen Gegensätzen sowie Habgier und Korruption am Schwelen gehalten«. (Meller et al. 2024, S. 327)
Allein der Umstand, dass auch hinter den Kriegen unserer Tage oft einzelne Despoten oder eine Clique älterer, zutiefst patriarchaler Männer als tatsächliche Initiatoren stehen, dürfte Indiz genug sein, dass wir es mit den alten Strategien jener Existenzform zu tun haben, mittels der einzelne Warlords alles daransetzen, sich an der Herrschaft zu halten und Reichtum zu erlangen. Dazu bedienen sie sich junger Männer, denen Gewalt als einzige Lebenschance erscheint. Geködert werden sie mit Mythen der eigenen religiösen oder ethnischen Überlegenheit. Sie werden in den Krieg (und Tod) geschickt, und wie das im letzten Prozent der Menschheitsgeschichte immer der Fall war, geht das mit massiver Gewalt gegen Frauen einher. (Meller et al. 2024, S. 327–328)
In den neuen Kriegen zeigt sich die altbekannte Fratze des Krieges und seiner Herren – aber nicht die kriegerische Natur des Homo sapiens. Deshalb sollten wir uns nicht Bange machen lassen. Wir sind erstmals in der Geschichte der Menschheit in der Lage, dem Krieg wirklich etwas entgegenzusetzen. (Meller et al. 2024, S. 328)
Bemerkungen:
- Die Autoren vermitteln eine für mich neue Sicht auf Befreiungskriege und den „Klassenkampf“, indem sie diese Aktivitäten als eine Art der Legimitation in den Komplex „Krieg“ einordnen. Die Antwort auf die Frage, wie denn die Befreiung von Kolonialherrschaft ohne gewaltsame Aktionen möglich sei, zeigt sich am Beispiel der gewaltlosen Unabhängigkeitsbewegung in Indien. Mahatma Gandhi war der zentrale Anführer des gewaltlosen Widerstands gegen die britische Kolonialherrschaft und führte das Land gewaltfrei zur Unabhängigkeit, die am 15. August 1947 erreicht wurde.
- Mit dem Konzept der Befreiung der Arbeiterklasse von Ausbeutung und Unterdrückung, dass von Marx und Engels entwickelt wurde, ist mehr oder weniger direkt auch der Aufruf zur Anwendung von Gewalt verbunden. Dies hat sich dann in äußerst extremer Form in der Sowjetunion als Gewalt im Innern aber auch in den 1939 besetzten Gebieten gezeigt, was den Ruf einer als kommunistisch bezeichneten Ideologie zerstört hat.
- Die Autoren haben an mehreren Stellen auf die eigentlichen gesellschaftlichen Ursachen von Kriegen hingewiesen, wie etwa in dem ausgewählten Zitat von Büchner. Die sich daraus ergebenden Konsequenzen haben sie aber nicht konsequent gezogen bzw. nicht ziehen wollen. Das von ihnen offensichtlich zur „Zähmung der Bestie“ vorgeschlagene „Anlegen von Ketten“ wird durch ihre eigene Theorie und noch mehr durch die gegenwärtige Praxis als nicht durchführbar entlarvt. Die „Ketten“ werden von überstaatlichen Einrichtungen wie der UNO angelegt und damit kommt das von den Autoren herausgearbeitete Moment „Staat“ im Komplex des Krieges zur Wirkung.
- Immerhin sind die Autoren aber weit gesellschaftskritischer als etwa Harari, der der Meinung ist, dass „der Kapitalismus eine Welt geschaffen hat, die nur noch vom Kapitalismus beherrscht werden kann. Der einzige ernstzunehmende Versuch, die Welt anders zu organisieren – der Kommunismus – war in fast jeder Hinsicht so viel schlechter, dass kaum jemand ein Interesse daran hat, ihm eine zweite Chance zu geben“ (Harari 2015, S. 406). Er verwendet den Begriff „Kommunismus“ an dieser Stelle und auch an anderen undifferenziert und damit unwissenschaftlich.
Zwölf Lektionen
Was also ist aus unseren Erkundungen der Evolution der Gewalt zu folgern? Zunächst, dass es keine einfachen Lösungen gibt, Gewalt und Krieg zu reduzieren. Das Ziel dieses Buches war es, eine Diagnose vorzulegen, auf deren Basis funktionierende Therapien entwickelt werden können. Diese sind Aufgabe der Politik. Feststellen lässt sich aber: So schrecklich die Kriege unserer Tage auch sein mögen, gibt es keinen Grund zum Fatalismus. Wir besitzen dank der Erkenntnisse vieler Wissenschaften erstmals ein sicheres Fundament, um verlässliche Aussagen zu treffen, warum es alles andere als weltfremd ist, die kollektive Gewalt zurückdrängen zu wollen.
Wir haben am Anfang als eine der zentralen Frage formuliert: Wie tief ist der Krieg in die Natur des Menschen eingeschrieben? In die erste, die biologische? In die zweite, die kulturelle? Die Antwort ist eindeutig: Der Krieg ist uns zur zweiten Natur geworden. Wir halten ihn für natürlich, aber er ist nur eine kulturelle Errungenschaft.
Deshalb bringen wir am Ende unseres Buches zwölf evolutionär gewonnene und archäologisch abgestützte Lektionen gegen den Krieg in Stellung. Sie werden ihn kaum besiegen, aber seiner Legitimation berauben. Es ist wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, nur dass es diesmal nicht eines Kindes bedarf, das erstaunt ruft: Der Krieg ist nackt – er ist ein Skandal. (Meller et al. 2024, S. 329)
Bemerkungen:
- Diese grundlegende Erkenntnis zur Genese des Krieges wird von Harari in seinem Bestseller nicht vermittelt. Er schreibt: „Genau wie sich die Jäger und Sammler hinsichtlich ihrer Religionen und gesellschaftlichen Strukturen erheblich unterschieden, gab es offenbar auch große Differenzen bei der Gewalt. Einige Regionen scheinen in Frieden und Harmonie gelebt zu haben, andere scheinen von blutigen Konflikten heimgesucht worden zu sein“ (Harari 2015, S. 83). Das Zitat belegt, oberflächlich und inkorrekt der Autor oft schreibt, Jäger und Sammler hatte noch keine Religionen und unterschiedliche gesellschaftliche Strukturen.
- Dies betrifft auch Aussagen zur aktuellen Geschichte. So ist er der Auffassung, dass „die einzige humanistische Sekte, die sich vom traditionellen Monotheismus losgesagt hat, der revolutionäre Humanismus [ist], dessen bekannteste Vertreter die Nationalsozialisten waren“, während auch „der sozialistische Humanismus auf einem monotheistischen Fundament“ basiere. (Harari 2015, S. 282).
- Die aktuelle Bedeutung von Kriegen wird zudem von Harari mit Zahlenspielereien heruntergespielt. So gibt er an, dass im Jahr 2000 nur 310.000 Menschen infolge von Kriegseinwirkungen und weitere 520.000 durch Gewaltverbrechen ums Leben kamen. Dies wären zusammen nur 1,5 % aller Todesfälle des Jahres 2000 und im gleichen Zeitraum kamen 1.260.000 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben und 815.000 Menschen begingen Selbstmord (Harari 2015, S. 448). Daraus könnte man leicht folgern, dass nicht die Kriege das aktuelle Problem in der Welt sind, sondern eher Verkehrsunfälle und Selbstmorde.
- Krieg ist nicht ewig. Menschheitsgeschichtlich betrachtet, hat er sich vor erstaunlich kurzer Zeit an die Seite der Menschen gesellt. Es handelt sich also um eine Anomalie, eine Verirrung. 99 Prozent der Evolution kamen Menschen ohne ihn aus. Damit steht fest: Wir haben das Potenzial, in Frieden zu leben. Das bedeutet aber nicht, dass Gewalt und Aggression komplett verschwinden. … (Meller et al. 2024, S. 329–330)
- »Wie kann sich der Mensch ändern?«, diese Frage ist oft zu hören. Sie entspringt der Angst, dass etwas im Tiefsten der Menschen schlummere, das sie immer wieder dem Krieg verfallen lässt. Doch die Aussage »Menschen führen Kriege« ist grundverkehrt. Korrekt ist: »Menschen wollen Frieden.« Es waren stets nur wenige, welche die anderen in Kriege gezwungen oder zum Krieg verführt haben. Fast ausschließlich handelte es sich um Despoten, Autokraten, Demagogen, Populisten, Diktatoren, die sich nur zu gerne als Instrumente Gottes oder der national-völkischen Vorsehung ausgaben. Fast ausschließlich waren und sind sie männlich. Man sollte ihnen nicht mehr auf den Leim gehen.
- Es gibt also keinen Anlass für die »menschliche Selbstverachtung« (Marshall Sahlins). Wir sind keine Kinder Kains, weder von Natur aus böse noch Sklaven unserer Aggressionen. Gewalt ist beileibe nicht die einzige menschliche Konfliktlösungsstrategie. Wie andere Tiere auch, wägen Menschen individuell ab, ob sie zu Gewalt greifen, um eine Auseinandersetzung zu lösen. In der Regel wählen sie andere Optionen. Auch haben Menschen einen ausgeprägten Widerwillen, andere zu töten. Dieses Wissen stand in der Vergangenheit nicht zur Verfügung. Doch obwohl er von der »Bösartigkeit« der menschlichen Natur überzeugt war und den »Zustand des Krieges« für den »Naturzustand« hielt, war auch ein Immanuel Kant davon überzeugt, Frieden sei möglich. Was ist dann also erst auf der realistischen Grundlage zu erreichen, dass Menschen bedeutend besser sind als ihr Ruf?
- Apropos Kant: Er postulierte, dass Staaten, die Handelsbeziehungen zueinander pflegen, wenig geneigt sind, in Konflikte zu geraten – »durch den wechselseitigen Eigennutz«. Die Beobachtung ist evolutionär korrekt. Die kooperative Natur der Menschen hat dazu geführt, dass wir andere nicht nur als mögliche Feinde, sondern auch als potenzielle Ressourcen sehen. Das ist um so vieles schlauer! … (Meller et al. 2024, S. 330)
- Deshalb sei dieser Punkt noch einmal besonders betont: Die längste Zeit der Evolution haben Menschen als Individuen selbst entschieden, ob sie sich an kollektiver Gewalt beteiligen oder nicht – und zwar auf Basis ihrer vitalen Interessen. Dass andere für sie entscheiden und sie in den Krieg schicken, ist eine Konsequenz jener despotischen Gesellschaften, deren Genese wir rekonstruiert haben. Ebenso, dass ihre individuelle Lage so miserabel ist, dass sie selbst oft keinen anderen Ausweg sehen. (Meller et al. 2024, S. 331)
- Der vielleicht stärkste Punkt: Die evolutionäre Aufklärung raubt dem Krieg jegliche Legitimation. Er ist weder gottgewollt noch naturgegeben – und auch nicht im Sinne angeblicher Ideale wie Nation, Rasse, Volk oder Klasse. Um es auf den Punkt zu bringen: Das Führen von Kriegen ist das Erbe einer durchaus parasitär zu nennenden Lebensweise, die mit den frühen Staaten entstanden ist und die heute noch von Diktatoren, Demagogen und Warlords propagiert wird mit dem immer selben Ziel: die vielen unter die Knute der wenigen zu zwingen – und die eigenen Privilegien zu maximieren. … Dem Politologen John Mueller ist also zuzustimmen, wenn er schreibt, der Krieg sei eine Institution, die wie die Sklaverei zu einem bestimmten Zeitpunkt erfunden worden ist. Und so wie die Sklaverei abgeschafft wurde, weil sich das Bewusstsein durchgesetzt hatte, dass es sich um eine unmenschliche Praxis handelt, sollte das auch für den Komplex des Krieges gelten. Es ist an der Zeit, dass der Satz »Menschen führen Kriege« als ebenso skandalös wahrgenommen wird wie die Aussage: »Menschen halten Sklaven.« (Meller et al. 2024, S. 331–332)
- Dafür muss alles getan werden aufzuzeigen, wer tatsächlich Kriege führt und von ihnen profitiert. Es sind nur wenige, meist kleptokratische Eliten, denen es mit den immer selben Narrativen viel zu lange schon gelingt, Menschen einzureden, der Krieg läge in ihrem Interesse, um sich gegen angebliche Feinde zu verteidigen oder diese zu bestrafen oder sich für höhere Ideale aufzuopfern. …
- Verteidigungskriege sind legitim – und etwas grundsätzlich anderes als Angriffskriege. Deshalb versuchen alle Aggressoren ihre Aktionen als rein defensiver Natur auszugeben. Das macht viele Auseinandersetzungen so fatal: Beide Seiten behaupten, im Recht zu sein und sich zu verteidigen. Umso klarer muss sein: Auch präventive Verteidigung ist ein Angriff – und damit nicht akzeptabel.
- Die Lehren aus den tribalen wie den frühen staatlichen Kriegen lautet: Für alle, die darin gefangen sind, gibt es kein Entkommen aus einem Teufelskreis der Gewalt. Umso wichtiger ist der Ausbau entsprechender Institutionen der Weltgemeinschaft, die im Vorfeld präventiv tätig werden, Wege der friedlichen Konfliktlösung entwickeln und humanitäre Interventionen durchsetzen, um die Schwachen zu schützen. … (Meller et al. 2024, S. 332)
- Damit einher geht eine evolutionäre wie politikwissenschaftliche Selbstverständlichkeit: Es gilt rund um den Globus Demokratie und Bildung zu fördern. Auch das ein empirisch belastbarer Befund: Demokratisch verfasste Staaten führen in der Regel keine Kriege gegen andere Demokratien. Denn sie beziehen das Interesse der Bürger ein – und nicht nur das der wenigen an der Macht. Doch auch die Demokratien unserer Tage stehen vor der Herausforderung, selbst noch deutlich demokratischer zu werden.
- Das bedeutet vor allem, Ungleichheit zu reduzieren – und zwar materielle wie auch jene der Lebenschancen. Die neuen Kriege zeigen, es geht nicht primär um Armut an sich, und sie sind auch keine unvermeidlichen Konsequenzen der Überbevölkerung. Das »Nebeneinander von bitterem Elend und unermesslichem Reichtum« sei der »aussagekräftige Indikator« für Gewalteskalation, schreibt Münkler. »Potenzieller Reichtum ist eine sehr viel wichtigere Ursache für Kriege als definitive Armut.« … Die ungleiche Verteilung der materiellen Ressourcen innerhalb von Gesellschaften wie auf globaler Ebene, aber auch zwischen den Geschlechtern ist evolutionär betrachtet der Kriegsfaktor Nummer eins – so wie sie auch selbst in erster Linie das Ergebnis von Kriegen ist. (Meller et al. 2024, S. 333)
- Und nicht zuletzt: Patriarchale Strukturen und ein martialisches Verständnis von Männlichkeit sind Kernelemente der Kriegsmatrix und Frauen immer noch ein besonders perfides Kriegsziel. Selten ist ein Antikriegsrezept so einfach zu benennen: Emanzipation und Gleichberechtigung in jeder Hinsicht. Die Welt war lange auch deshalb so kriegerisch, weil Frauen aus ihr ausgeschlossen waren.
Resümiert man diese zwölf Lektionen, fällt auf, dass sie meist eine Rückkehr zum evolutionär entwickelten Ethos der Jäger und Sammler bedeuten. Wir können zwar in deren Welt nicht zurück, das ist unmöglich und für viele auch gar nicht erstrebenswert. Dennoch spricht nichts dagegen, uns an jenen ihrer Prinzipien zu orientieren, die in die moderne Welt passen und den heutigen moralischen Standards entsprechen – was längst nicht alle tun (Jäger und Sammler etwa ließen in Zeiten der Not ihre Alten zurück). Das hat den großen Vorteil, dass sie Menschen intuitiv einleuchten, weil sie mit ihren psychologischen Dispositionen, ihrer ersten Natur, korrespondieren.
Tatsächlich ist in vielen Gesellschaftsbereichen seit geraumer Zeit eine solche Rückkehr zu herrschaftsfreieren Verhältnissen zu beobachten. Die egalitäre Art Homo sapiens war vor gut 12.000 Jahren auf einen Irrweg geraten. Dieses von Gewalt und Unterdrückung bestimmte Intermezzo scheint zumindest in einigen Regionen der Welt an ein Ende zu gelangen. Gesellschaften werden demokratischer, die Freiheit der Menschen, das zu glauben, was sie möchten, und zu leben und zu lieben, wie sie mögen, nimmt zu, ebenso die Gleichberechtigung. (Meller et al. 2024, S. 334)
Abschließende Bemerkungen:
- Ein Problem sehe ich in der nicht oder nur am Rande erfolgten Diskussion des untrennbaren Gegensatzes von Krieg und Nichtkrieg, von Gewalt und gewaltfrei. Die Untrennbarkeit auf der begrifflichen Ebene zeigt sich darin, dass jeweils ein Begriff nur mithilfe des anderen erklärt werden kann. Auch die damit reflektierten existierenden Objekte sind untrennbar miteinander verbunden. Dies betrifft die Gewalt und die Gewaltfreiheit im sozialen Bereich, als auch die Existenz von Krieg und Nichtkrieg, also Frieden in gesellschaftlichen Beziehungen. Auch in gegenwärtigen oder künftigen Friedenszeiten ist Krieg als „schwarzer Schatten“ immer vorhanden. Friedensbewegungen würden an Schärfe und Resonanz gewinnen, wenn sie sich als Antikriegsbewegungen artikulieren. Die Wortverbindung „Krieg und Frieden“ ist untrennbar, was im Buch auch an mehreren Stellen zum Ausdruck kommt.
- Um einen Gegensatz wissenschaftlich zu analysieren, muss nach meinen Erkenntnissen zunächst ein gemeinsames Merkmal des Gegensatzpaares und die gegensätzlichen Ausprägungen des Merkmals bestimmt werden. Dann müssen folgende Beziehung untersucht werden:
- die Gleichzeitigkeit oder Nichtgleichzeitigkeit der gegensätzlichen Ausprägungen,
- die Trennbarkeit oder Nichttrennbarkeit der Objekte,
- die Abhängigkeit und Unabhängigkeit der Objekte bzw. Ausprägungen voneinander,
- die Dominanz einer Seite des Gegensatzes und die Änderung der Dominanz,
- die Übergänge zwischen den Seiten des Gegensatzes,
- im speziellen Fall die Gegensätze zwischen Mengen,
- das Wirken des Gegensatzes (Sill 2026, S. 104–114).
Für den Gegensatz von Krieg und Frieden kann diese Untersuchung hier nicht geleistet werden. Vieles ist auch bereits im Buch an verschiedenen Stellen enthalten.
- Eine in hohem Maße anzuerkennende Grundidee des Buches ist die Unterscheidung zwischen zwei Bevölkerungsschichten, den wenigen Personen, die persönliches Interesse und persönlichen Nutzen am Führen von Kriegen haben und der Masse der übrigen Bevölkerung, die diese Interessen zu befriedigen also den Krieg auszuführen hat. Die verantwortlichen Personen werden als „Despoten, Autokraten, Demagogen, Populisten, Diktatoren, kleptokratische Eliten“ bezeichnet, ohne auf die sozialökonomischen Hintergründe und die Personen und Organisationen, die hinter diesen stehen, näher einzugehen. Deshalb bleibt die Gesellschaftskritik an der Oberfläche.
- Das Problem der aktuellen potentiellen Dominanz des Krieges kann nicht durch Beseitigung der Personenschicht der Eliten gelöst werden. Die Eliten sollten als Personen auch kein Ziel des „Kampfes“ sein, teilweise sind sie sogar zu bedauern, da sie mit der Lösung der zunehmend schwieriger werdenden Probleme teilweise auch psychisch überfordert sind. Es müssen die ökonomischen Verhältnisse geändert werden, womit allerdings auch eine entschädigungslose Enteignung von Privateigentum an Produktionsmitteln großer Konzerne verbunden ist. Damit sind wir wieder bei der ursprünglichen kommunistischen Idee, wie sie im Manifest der kommunistischen Partei formuliert wurde: „Was den Kommunismus auszeichnet, ist nicht die Abschaffung des Eigentums überhaupt, sondern die Abschaffung des bürgerlichen Eigentums. … In diesem Sinn können die Kommunisten ihre Theorie in dem einen Ausdruck: Aufhebung des Privateigentums, zusammenfassen“ (Marx und Engels 1956, S. 475). Das Wort „Kommunismus“ wird heute meist in einem anderen Sinne verwendet.
- Ich halte die zur „Zähmung der Bestie“ angegebene Grundidee eine Demokratisierung der Gesellschaften für nicht zu Ende gedacht. Auch hier müssen zunächst begriffliche Klärungen erfolgen und der Gegensatz von Demokratie und Nichtdemokratie expliziert werden. Die plakative Forderung nach mehr Demokratie wird gegenwärtig durch die Entwicklung in den USA ad absurdum geführt, deren Form der Demokratie noch 2018 von Autoren euphorisch gewürdigt wurde (Pangle 2018). Es bleibt aber letztlich dabei, eine weltweite Massenbewegung ist eine notwendige Bedingung.
Literaturverzeichnis
Harari, Yuval Noaḥ (2015): Eine kurze Geschichte der Menschheit. 1. Aufl. [München]: Pantheon.
Marx, Karl; Engels, Friedrich (1956): Manifest der Kommunistischen Partei. In: Karl Marx und Friedrich Engels: Werke, Bd. 4. Hg. v. Institut für Marxismus-Leninismus. Berlin: Dietz, S. 459–493.
Meller, Harald; Michel, Kai; van Schaik, Carel (2024): Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen : eine Menschheitsgeschichte. München: dtv. Online verfügbar unter https://www.perlentaucher.de/buch/harald-meller-kai-michel-carel-van-schaik/die-evolution-der-gewalt.html.
Pangle, Thomas L. (2018): Was macht die amerikanische Demokratie so außergewöhnlich? In: Friedrich Wilhelm Graf (Hg.): Die Zukunft der Demokratie. Kritik und Plädoyer. Unter Mitarbeit von Heinrich Meier, Sabino Cassese, Dan Diner, Horst Dreier, Egon Flaig, Herfried Münkler und Dietrich Murswiek. 1st ed. München: C.H. Beck (Beck Paperback, v.6317), S. 203–234.
Sill, Hans-Dieter (2026): Neue Philosophie. Berlin: verlag am park in der edition ost Verlag und Agentur GmbH.