Hans-Dieter Sill, 03.04.2025
Analysen zu den Begriffen „Realität“ und „Wirklichkeit“
Inhalt
Bedeutungen und Verwendungen in der Alltagssprache
Realität, real und Gegenwörter
Wirklichkeit, wirklich und Gegenwörter
Bedeutungen und Verwendungen in der Alltagssprache
Bedeutungen und Verwendungen in der Philosophie
Aussagen zu Bedeutungen der Begriffe
Aussagen zur übereinstimmenden Bedeutung von Realität und Wirklichkeit
Aussagen zu unterschiedlichen Momenten der Begriffe
Probleme, die mit den Begriffen verbunden sind
Auswertungen und Vorschläge zur Verwendung der Begriffe
Vorbemerkungen
Es werden die Bedeutungen der Wörter Realität, real, Wirklichkeit und wirklich in der Philosophie und der Alltagssprache analysiert.
Zu Ermittlung der Bedeutungen der Wörter im Alltag wird das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache (Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften) verwendet (DWDS, Datum der Abrufung: 24.09.2024). Um einen Eindruck von der Häufigkeit der Verwendung der Lexeme im Alltag zu bekommen wird für die Jahre 2016-2020 die Häufigkeit pro 1 Million Token (normierte Häufigkeit) im DWDS- Zeitungskorpus angegeben. Weiterhin werden Kollokationen mit anderen Lexemen aufgeführt. Dabei wird als Assoziationsmaß logDice verwendet. Es werden die Kollokationen mit den fünf höchsten logDice-Werten und ihre Häufigkeiten (in Klammern) genannt. Weiterhin wird das Deutsche Universalwörterbuch (Kunkel 2023) (DUW) herangezogen.
Um die Bedeutungen der Wörter in der Philosophie zu analysieren, werden die folgenden Wörterbücher und Enzyklopädien verwendet. Sie liegen auch in elektronischer Form vor, wodurch eine Suche nach den Wörtern im gesamten Text möglich ist.
- Ritter u. a. (2007): Historisches Wörterbuch der Philosophie (HWPh)
- Sandkühler (2010): Enzyklopädie Philosophie (EPh)
- Prechtl und Burkard (2008): Metzler Lexikon Philosophie (MLPh)
Mit den jeweiligen Suchfunktionen wird im Volltext nach den betreffenden Termini gesucht und es wird die Anzahl der jeweiligen Ergebnisse absolut und (in Klammern) pro 100 Seiten angegeben.
Weitere Informationen zu den Wortanalysen und Auswahlkriterien sind auf der Seite „Zur Bestimmung grundlegender Begriffe“ enthalten.
Bedeutungen und Verwendungen in der Alltagssprache
Literaturanalysen
Realität, real und Gegenwörter
DWDS
real
Normierte Häufigkeit: 21,3
Kollokationen: existierend (10.6, 10806), Sozialismus (7.9, 1993), Bruttoinlandsprodukt (7.3, 1296), Wirtschaftswachstum (7.1, 1151), Wachstum (7.0, 2228)
Bedeutungen
- bildungssprachlich: in der Wirklichkeit, nicht nur in der Vorstellung so vorhanden; gegenständlich
- mit der Wirklichkeit in Zusammenhang stehend, realitätsbezogen; realistisch, sachlich, nüchtern
- Wirtschaft: unter dem Aspekt der Kaufkraft, nicht zahlenmäßig, nicht dem Nennwert nach
Realität
Normierte Häufigkeit: 26,7
Kollokationen: virtuell (8.6, 4241), vorbeigehen an (7.8, 1935), entsprechen (7.5, 3901), Fiktion (7.5, 1576), aussehen (7.5, 5947)
Bedeutungen:
- Wirklichkeit; : die objektive Realität (= das außerhalb und unabhängig vom Bewusstsein Existierende, die materielle Welt); Man muß mit der Realität rechnen, sich klug beugen, wenns nottut
- wirkliche Gegebenheit, : er handelte, wie es die Realität erforderte; der Gebrauch von Smartphones und Tablets ist eine Realität geworden
Etymologie:
real Adj. ‘dinglich, sachlich, wirklich, tatsächlich, der Wirklichkeit entsprechend’ (Mitte 17. Jh., vgl. schon Realwerk, Anfang 17. Jh.), entlehnt aus spätlat. reālis ‘wirklich’, mlat. ‘die Sache betreffend, sachlich, wesentlich’, zu lat. rēs ‘Sache, Ding, Wesen, Angelegenheit, Ereignis, Erscheinung, Interesse, Vorteil, Rechtssache’. Vielfach erstes Glied in Zusammensetzungen im Sinne von ‘auf die Wirklichkeit, auf die Praxis ausgerichtet, die Dinge betreffend’, Dazu die verneinende Bildung irreal Adj. ‘nicht wirklich, nicht der Wirklichkeit entsprechend’ (20. Jh.; vgl. frz. irréel, Ende 18. Jh.). – Realität f. ‘Wirklichkeit, Tatsache, tatsächliche Beschaffenheit, künstlerische Wahrhaftigkeit’ (Mitte 17. Jh.), auch (meist im Plur., besonders in Bayern und Österreich) ‘Grundbesitz, Liegenschaften’ (Ende 18. Jh.), entlehnt aus mlat. realitas (Genitiv realitatis) ‘Sache, Ding, Wirklichkeit, Grund und Boden’.
irreal
Bedeutung:
- nicht realistisch, nicht durchführbar; : irreale Forderungen, Ideen, Vorstellungen, Pläne; dein Vorschlag ist ganz irreal; die geltende Regelung hat sich als irreal erwiesen
- unwirklich; : die irrealen Züge einer Dichtung; wir können nicht mit irrealen Angaben operieren
Irrealität
Bedeutung:
Nichtwirklichkeit, Unwirklichkeit
realitätsfremd
Bedeutung:
die Wirklichkeit falsch einschätzend, verkennend; nicht wirklichkeitsnah (denkend und handelnd)
DUW
real [spätlat. realis = sachlich, wesentlich, zu lat. res = Sache, Ding]: 1. (bildungsspr.) in der Wirklichkeit, nicht nur in der Vorstellung so vorhanden; gegenständlich: die reale Welt; reale Grundlagen, Werte; der reale, real existierende Sozialismus (DDR; der [in den sozialistischen Ländern] verwirklichte Sozialismus). 2. mit der Wirklichkeit in Zusammenhang stehend; realistisch, sachlich, nüchtern: reale Pläne; eine Entwicklung real einschätzen; eine real denkende Politikerin. 3. (Wirtsch.) unter dem Aspekt der Kaufkraft, nicht zahlenmäßig, nicht dem Nennwert nach: die realen Einkommen der Arbeitnehmer.
Realität, die; -, -en [frz. re´alite´ < mlat. realitas]: 1. 〈o.Pl.〉 Wirklichkeit: die Realität sieht nicht so aus. 2. 〈o.Pl.〉 reale (1) Seinsweise: die Realität der platonischen Ideen. 3. tatsächliche Gegebenheit, Tatsache: die [wirtschaftlichen] Realitäten sehen. 4. 〈Pl.〉 (österr.) Immobilien.
irreal (bildungsspr.): unwirklich, nicht wirklich, nicht der Wirklichkeit angehörend od. mit ihr in Zusammenhang stehend: Bsp.: eine irreale Traumwelt; irreale Vorstellungen.
Irrealität, die; (bildungsspr.): Nichtwirklichkeit, Unwirklichkeit
realitätsfremd a) nicht an der Realität u. ihren Forderungen orientiert; wirklichkeitsfremd: Bsp.: realitätsfremde Erwartungen; b) sich mit den tatsächlichen, real existierenden Gegebenheiten nicht auskennend: Bsp.: realitätsfremde Wissenschaftler
Wirklichkeit, wirklich und Gegenwörter
DWDS
wirklich
Normierte Häufigkeit: 149,0
Kollokationen: glauben (7.1, 10009), brauchen (6.8, 8957), Leben (6.8, 11631), interessieren (6.6, 4499), passieren (5.6, 4731)
Bedeutungen:
- den Tatsachen, der Wirklichkeit entsprechend, tatsächlich, real; Bsp.: das wirkliche Leben; er wollte wissen, wie es wirklich war;
- im eigentlichen, erklärten Sinne der Sache, dem Wesen der Sache entsprechend; Bsp.: mein wirklicher Freund; einen wirklichen Erfolg hatte er bis dahin noch nicht errungen
- dient zur Verstärkung, Bekräftigung; wahrhaftig, in der Tat; Bsp.: das weiß ich wirklich nicht mehr
Wirklichkeit
Normierte Häufigkeit: 16,6
Kollokationen: gesellschaftlich (6.9, 2222), aussehen (6.6, 3305), abbilden (6.3, 830), entsprechen (6.2, 1620), rauh (6.1, 612
Bedeutungen:
das tatsächlich Existierende, die Tatsachen, Realität; Bsp.: die bunte, raue Wirklichkeit; den Schein mit der Wirklichkeit verwechseln; auf dem Boden der Wirklichkeit stehen
Etymologie:
wirklich Adj. ‘tatsächlich, real’ (16. Jh.), mhd. würk(en)lich, spätmhd. wirklich ‘tätig, wirksam, wirkend’, abgeleitet vom Verb; Wirklichkeit f. ‘tatsächliche Existenz, Realität’, spätmhd. wirke-, würkelīcheit ‘Tätigkeit, Wirksamkeit, Aktivität’.
unwirklich
Bedeutung
nicht der Wirklichkeit entsprechend
- gehoben; : […] in einer unwirklichen Landschaft überlebensgroßer Blüten […] [ UhseTagebuch113]
Mir kam das alles ganz unwirklich vor, ich dacht’ ich träumte […] [ KeunMitternacht76]
- unrealistisch, undurchführbar; : unwirkliche Forderungen, Pläne; dein Vorschlag ist unwirklich
Unwirklichkeit
Bedeutungsverwandte Ausdrücke
Irrealität · Unwirklichkeit
wirklichkeitsfremd
Bedeutungen:
der Wirklichkeit und ihren Forderungen nicht entsprechend, die Wirklichkeit, das Leben nicht kennend, lebensfremd, weltfremd; Bsp.: wirklichkeitsfremde Vorstellungen, Wünsche; ein wirklichkeitsfremder Idealismus
DUW
1wirklich 〈Adj.〉 [spätmhd. wirkelich, mhd. würke[ n]lich, würklich, eigtl. = tätig; wirksam; wirkend]: 1. in der Wirklichkeit vorhanden; der Wirklichkeit entsprechend: eine wirkliche Begebenheit; das wirkliche Leben sieht ganz anders aus; der Autor schrieb später unter seinem wirklichen Namen; manchmal ist ein Traum wirklicher (sagt er mehr über die Wirklichkeit aus) als die äußerlich greifbaren Dinge; 2. den Vorstellungen, die mit etw. verbunden werden, genau entsprechend; im eigentlichen Sinne: wirkliche Freunde sind selten; ihr fehlt eine wirkliche Aufgabe;
2wirklich 〈Adv.〉 [zu: ↑ 1wirklich]: dient der Bekräftigung, Verstärkung; in der Tat: da bin ich wirklich neugierig; ich weiß wirklich nicht, wo er ist;
Wirklichkeit, die; -, -en [spätmhd. wirkelicheit]: [alles] das, Bereich dessen, was als Gegebenheit, Erscheinung wahrnehmbar, erfahrbar ist: die raue, harte, heutige, gesellschaftliche, politische Wirklichkeit; die graue Wirklichkeit des Alltags; sein Traum ist Wirklichkeit geworden; in Wirklichkeit (wie sich die Dinge verhalten) ist alles ganz anders
unwirklich: nicht der Wirklichkeit entsprechend od. mit ihr in Zusammenhang stehend; nicht real: Bsp.: etw. kommt jmdm. ganz unwirklich vor
Unwirklichkeit: das Unwirklichsein
wirklichkeitsfremd: nicht an der Wirklichkeit u. ihren [gerade geltenden] Forderungen orientiert: Bsp.: wirklichkeitsfremde Ideale; als wirklichkeitsfremd gelten.
Bedeutungen und Verwendungen in der Alltagssprache
Tab. Normierte Häufigkeiten
Lexem | normierte Häufigkeit |
Realität | 39,1 |
real | 40,3 |
Wirklichkeit | 16,6 |
wirklich | 149,0 |
In der Alltagssprache werden die Wörter „Wirklichkeit“ und „Realität“ mit mittlerer Häufigkeit, das Wort „real“ häufig und „wirklich“ sehr häufig verwendet, wobei „Realität“ etwa doppelt so häufig wie „Wirklichkeit“ auftritt.
Im DWDS und DUW werden übereinstimmend drei Bedeutungen des Wortes „real“ genannt:
- 〈Adj.〉 bildungssprachlich: in der Wirklichkeit, nicht nur in der Vorstellung so vorhanden; gegenständlich; Bsp.: die reale Welt; reale Werte; der real existierende Sozialismus
- 〈Adj.〉 mit der Wirklichkeit in Zusammenhang stehend, realitätsbezogen; realistisch, sachlich, nüchtern; Bsp.: reale Pläne; eine Entwicklung real einschätzen; eine real denkende Politikerin
- 〈Adj.〉 Wirtschaft: unter dem Aspekt der Kaufkraft, nicht zahlenmäßig, nicht dem Nennwert nach; Bsp.: die realen Einkommen der Arbeitnehmer
Die signifikanten Kollokationen mit „existierend“, „Sozialismus“, „Bruttoinlandsprodukt“, „Wirtschaftswachstum“ und „Wachstum“ beziehen sich alle auf die Bedeutung 1.
Für das Wort „wirklich“ werden im DWDS und DUW übereinstimmend drei Bedeutungen angegeben.
- 〈Adj.〉 den Tatsachen, der Wirklichkeit entsprechend, tatsächlich, real; Bsp.: das wirkliche Leben; er wollte wissen, wie es wirklich war;
- 〈Adj.〉 im eigentlichen, erklärten Sinne der Sache, dem Wesen der Sache entsprechend; Bsp.: mein wirklicher Freund; einen wirklichen Erfolg hatte er bis dahin noch nicht errungen
- 〈Adv.〉 dient zur Verstärkung, Bekräftigung; wahrhaftig, in der Tat; Bsp.: das weiß ich wirklich nicht mehr
Um die Bezüge der Kollokationen zu den Bedeutungen zu bestimmen, wurde alle 20, zu jedem Wort angegebenen Beispiele untersucht. Es zeigte sich, dass alle Beispiele zu den Kollokationen mit „glauben“, brauchen“, „interessieren“ und „passieren“ die Bedeutung 3. betreffen und nur die Kollokation mit „Leben“ sich auf die 1. bezieht.
Während sich die Bedeutungen 1. bei den Wörtern „real“ und „wirklich“ entsprechen, d. h. beide Wörter hinsichtlich dieser Bedeutung als Synonyme angesehen werden können, sind die jeweils anderen Bedeutungen eigenständig, d. h die Wörter können mit diesen Bedeutungen nicht durcheinander ersetzt werden.
Die Analyse der Kollokation spricht also dafür, dass bei einer beabsichtigten Beziehung eines Sachverhalts zur Wirklichkeit das Adjektiv „real“ verwendet werden sollte. Das Wort „wirklich“ wird vor allem adverbiell zur Verstärkung verwendet.
Im DWDS und DWU werden zum Wort „Realität“ übereinstimmend die Bedeutungen 1 und 2 angegeben. Die Bedeutungen 3 und 4 werden nur im DUW genannt.
- Wirklichkeit; Bsp.: Man muss mit der Realität rechnen; die Realität sieht nicht so aus
- tatsächliche, wirkliche Gegebenheit, Tatsache; Bsp.: die [wirtschaftlichen] Realitäten sehen; er handelte, wie es die Realität erforderte; der Gebrauch von Smartphones und Tablets ist eine Realität geworden
- reale Seinsweise; Bsp.: die Realität der platonischen Ideen
- (österr.) Immobilien
Zu Bedeutungen von „Wirklichkeit“ gibt es im DWDS und DWU jeweils nur eine Angabe, die im Kern übereinstimmen und sich nur in den Formulierungen unterscheiden:
DWDS: das tatsächlich Existierende, die Tatsachen, Realität; Bsp.: die bunte, raue Wirklichkeit
DUW: [alles] das, Bereich dessen, was als Gegebenheit, Erscheinung wahrnehmbar, erfahrbar ist; Bsp.: die raue, harte, heutige, gesellschaftliche, politische Wirklichkeit
Ein Vergleich des Überblicks der Gemeinsamkeiten von signifikanten Kollokationen zeigt eine große Übereinstimmung.
Tab. logDice-Werte von Kollokationen zu Realität und Wirklichkeit
Lexeme | Realität | Wirklichkeit |
virtuell | 8,6 | 4,4 |
vorbeigehen an | 7,8 | 5,8 |
Fiktion | 7,5 | 5,5 |
aussehen | 7,5 | 6,6 |
entsprechen | 7,5 | 6,2 |
gesellschaftlich | 7,3 | 6,9 |
abbilden | 6,9 | 6,3 |
einholen | 6,7 | 5,5 |
Der größte Unterschied besteht beim Lexem „virtuell“. Ursache ist sicher, dass die Wortverbindung „virtuelle Realität“ ein Fachbegriff ist. „Als virtuelle Realität, kurz VR, wird die Darstellung und gleichzeitige Wahrnehmung einer scheinbaren Wirklichkeit und ihrer physikalischen Eigenschaften in einer in Echtzeit computergenerierten, interaktiven virtuellen Umgebung bezeichnet“ (Wikipedia).
Die bisherigen Auswertungen zeigen, dass die Wortpaare Realität/real und Wirklichkeit/wirklich eine große Anzahl von Gemeinsamkeiten in den Bedeutungen und Kollokationen aufweisen. Eine genaue Analyse ergibt aber auch folgende Unterschiede:
- Die Bedeutungen 1 und 2 der Wörter „real“ und „Realität“ enthalten jeweils das Wort „Wirklichkeit“ bzw. „tatsächliche, wirkliche Gegebenheit“ und nicht „Realität“.
- In den Bedeutungen von „wirklich“ und „Wirklichkeit“ kommt das Wort „Realität“ mit Ausnahme einer Formulierung im DWDS nicht vor.
Zur weiteren Analyse von Unterschieden sollen Wörter mit gegensätzlichen Bedeutungsmomenten betrachtet werden. Im Gegenwort-Wörterbuch (Müller und Ebner 2022) werden folgende Gegenwörter angegeben:
- zu Realität/real: Irrealität, Idealität, Illusion, fiktiv, ideal, irreal, nominal, virtuell und
- zu Wirklichkeit/wirklich: Fake News, Fantasie, Fiktion, Illusion, Science-Fiction, Utopie, Wunsch.
Im Ergebnis von Analysen im DWDS konnten weitere Wörter dieser Art ermittelt werden:
- zu Realität/real: realitätsfremd und
- zu Wirklichkeit/wirklich: Unwirklichkeit, unwirklich, wirklichkeitsfremd.
Die Analyse der im DWDS und DUW angegebenen Bedeutungen ausgewählter Gegenwörter ergab folgende Ergebnisse.
Irrealität
Bedeutung (übereinstimmend im DWDS und DUW): Nichtwirklichkeit, Unwirklichkeit
irreal
Bedeutung:
DWDS: nicht realistisch, nicht durchführbar; unwirklich
DUW: unwirklich, nicht wirklich, nicht der Wirklichkeit angehörend od. mit ihr in Zusammenhang stehend
realitätsfremd
Bedeutung:
DWDS: die Wirklichkeit falsch einschätzend, verkennend; nicht wirklichkeitsnah (denkend und handelnd)
DUW: a) nicht an der Realität u. ihren Forderungen orientiert; wirklichkeitsfremd b) sich mit den tatsächlichen, real existierenden Gegebenheiten nicht auskennend
unwirklich
Bedeutung:
DWDS: nicht der Wirklichkeit entsprechend; unrealistisch, undurchführbar
DUW: nicht der Wirklichkeit entsprechend od. mit ihr in Zusammenhang stehend; nicht real
Unwirklichkeit
Bedeutung: das Unwirklichsein (DUW)
wirklichkeitsfremd
Bedeutung:
DWDS: der Wirklichkeit und ihren Forderungen nicht entsprechend, die Wirklichkeit, das Leben nicht kennend, lebensfremd, weltfremd
DUW: nicht an der Wirklichkeit und ihren [gerade geltenden] Forderungen orientiert
In allen sechs Bedeutungsangaben zu den drei Wörtern „Irrealität“, „irreal“ und „realitätsfremd“ treten die Wörter „Wirklichkeit“ und „wirklich“ bzw. damit gebildete Wortzusammensetzungen auf. Nur zweimal werden zur Erklärung der Bedeutungen die Wörter realistisch, real oder Realität verwendet. In allen fünf Bedeutungsangaben zu den drei Wörtern „unwirklich“, „Unwirklichkeit“ und „wirklichkeitsfremd“ tritt nur zweimal das Wort real bzw. realistisch auf.
Auch die Analyse der Bedeutungsangaben zu Gegenwörtern zeigt, dass in der Alltagssprache von den Wörtern „Realität“, „real“, „Wirklichkeit“ und „wirklich“ offensichtlich die Wörter „Wirklichkeit“ und „wirklich“ eine dominierende Rolle haben.
Bedeutungen und Verwendungen in der Philosophie
Literaturanalysen
HWPh
Realität: 1525 (17,8) Ergebnisse, Stichwort. „Realität/Idealität“, Autor: Jean-François Courtine
- Für Kant ist die Realität eine Kategorie der Qualität und nicht der Modalität. … «Sachheit» und «Dingheit» können als äquivalente Termini angesehen werden ( 8, S. 189).
- Doch Kant ist auch derjenige, der durch ergänzende adjektivische Bestimmungen (objektive Realität, empirische Realität, subjektive Realität usw.) Ausgangspunkt für die heute vorherrschende Bedeutung ist: Real im prägnanten Sinn des Terminus Realität ist das, was in sich selbst steht, was autonom, unabhängig von subjektiven Bedingungen und vom Erkenntnisprozeß ist, mit einem Wort das, was dem erkennenden Subjekt äußerlich ist. Aber Kant – und das ist ein Punkt, den zu unterstreichen ebenfalls wichtig ist – inauguriert wohl indirekt eine wesentliche Unterscheidung, die den germanischen Sprachen eigentümlich und den romanischen Sprachen ebenso unbekannt ist wie der englischen, nämlich die Unterscheidung zwischen Realität und Wirklichkeit (Bd. 8, S. 189).
- Nimmt man Realität in der gewöhnlichen Bedeutung, so ist durch den Begriff ausgezeichnet, was Widerstand leistet, was sich aufdrängt, was auf permanente und geregelte Weise verharrt, und dadurch auch das, worauf man sich innerhalb definierter Grenzen verlassen kann. In diesem Sinne steht Realität im Gegensatz zu Erscheinung. Kraft dieser Konnotationen oder dieser wesentlichen Kennzeichen des Begriffs Realität konnte der intelligible Charakter des Seienden (die Realität der Ideen in der platonischen Tradition) als ‚realer gelten als dessen sinnlicher Aspekt (Bd. 8, S. 189).
- Obgleich Kant in aller Regel und besonders dann, wenn er Realität mit Substantialität und Kausalität in Verbindung bringt, diesen Begriffen jede Bedeutung, die einen Gegenstand außerhalb ihres Gebrauchs in der möglichen Erfahrung bestimmen könnte, abspricht, so kommt es doch auch vor, daß er, wenn er an die platonischen Ideen denkt, die Realität der idealen Begriffe dadurch definiert, daß er sie von Gedankendingen oder bloßen Hirngespinsten unterscheidet (Bd. 8, S. 190).
- Damit ist die Realität, die im übrigen der Kausalität gleichzustellen ist – «Erkenntnis von Realität und Erkenntnis von Kausalität [ist] untrennbar eins» (Ideen 3, § 1. Hua. 5 (1952) 3f.) –, immer nur «relativ» und muß somit zurückgeführt werden auf das Bewußtsein als ihre wahrhafte Quelle, gleichgültig welche Regionen der Realität betrachtet werden (materielles Ding, Leib, Seele). Aber diese grundlegende Unterscheidung zwischen realen und idealen Objektivitäten muß wiederum vervollständigt werden durch sekundäre Unterscheidungen, wie z.B. diejenige zwischen den «freien Idealitäten» der mathematischen Gebilde oder der wesentlichen formalen Strukturen einerseits und den «gebundenen Idealitäten», die «in ihrem Seinssinn Realität mit sich führen und damit der realen Welt zugehören» andererseits. Man unterscheidet z.B. die mathematische Idee eines Theorems von dem idealen Gegenstand, der Raffaels Madonna ist; und man unterscheidet die ideale Realität eines Verfassungsgesetzes von der weltlichen Realität eines Staates. (Bd. 8, S. 192)
Stichwort: „Realität, formale/objektive“, Autoren: Brigitte Kible (I.), Tobias Trappe (II.)
- Heute bezeichnet objektive Realität die Wirklichkeit der Dinge, insofern sie unabhängig von unserem Denken existieren. (Bd. 8, S. 193)
- Im 19. und 20. Jh. wird der Ausdruck objektive Realität in einer grundlegend gewandelten Bedeutung verwendet. Er steht nicht mehr für den kantischen Begriff einer durch die Notwendigkeit der apriorischen Erkenntnisformen verbürgten Realität, die insofern ‚objektiv heißen kann. Er bezeichnet nun vielmehr, abgesehen von seiner Verwendung im Neukantianismus, die Wirklichkeit von Gegenständen außerhalb des Bewußtseins. Der Begriff der physischen bzw. objektiven Realität taucht schließlich in den Debatten über den durch die Naturwissenschaften problematisierten Wirklichkeitsbegriff auf. Im Rahmen der Auseinandersetzungen um die sog. Kopenhagener Deutung der Quantentheorie äußerten A. EINSTEIN, B. PODOLSKY und N. ROSEN 1935 den Verdacht der Unvollständigkeit der Quantentheorie. Dem lag EINSTEINS nie revidierte Grundüberzeugung zugrunde, es gebe eine (objektive) Realität hinter den Erscheinungen. Als ein «Kriterium der objektiven Realität» formulierten Einstein und seine Mitarbeiter die in ihren Augen hinreichende Bedingung für physikalische Theoriebildung: «Wenn wir, ohne irgendwie störend in ein System einzugreifen, mit Sicherheit (d.h. mit einer an Einhelligkeit grenzenden Wahrscheinlichkeit) den Wert einer physikalischen Größe voraussagen können, dann existiert ein Element der physikalischen Realität, das dieser physikalischen Größe entspricht» A. EINSTEIN/B. PODOLSKY/N. ROSEN: Can quantum-mechanical description of phys. reality be considered complete. Phys. Review 47 (1935) 777–780, hier: 777. (Bd. 8, S. 199)
- Ein allgemein verbindliches Abgrenzungskriterium des Psychischen von anderen ‚Gegenständlichkeiten (‚materielle, ‚geistig-ideale) ist bis heute nicht gefunden. Die unspezifische Verwendung der Begriffe psychische Realität, psychisch Reales, seelische Wirklichkeit, psychisches Sein scheint darauf hinzuweisen, daß der intendierte Bedeutungsgehalt und/oder der Seins- bzw. Wirkungsbereich sich nur schwer in eine alle Aspekte vereinigende Nomenklatur einarbeiten lassen, während das Insistieren auf dem Realitäts-Gehalt, d.h. das Herausheben des Psychisch-Geistigen gegen den ‚Schein bloßer Fiktionalität, wohl das Unverzichtbare des im Begriff Intendierten zum Ausdruck bringen soll. (Bd. 8, S. 201)
real: 1527 (17,8) Ergebnisse
Wirklichkeit: 2967 (34,6) Ergebnisse
Aus dem Beitrag von T. Trappe zum Stichwort „Wirklichkeit“
- Spätestens seit der zweiten Hälfte des 17. Jh. meint wirklich umgangssprachlich vor allem ‚tatsächlich bestehend, und zwar regelmäßig im engeren Sinne handgreiflicher (körperlicher) Vorhandenheit, kann aber darüber hinaus auch die Bedeutung von wahr(haftig), eigentlich (wesenhaft), berechtigt oder echt annehmen. Ähnlich wie das häufig synonym gebrauchte Realität läßt sich Wirklichkeit auch universal verstehen und bezeichnet dann die Totalität dessen, was ‚wirklich ist‘. – Zwischen Realität und Wirklichkeit jedoch differenzieren zu können, bildet eine Eigentümlichkeit des Deutschen, die weder im Englischen noch in den romanischen Sprachen ein vergleichbares Gegenstück hat und daher regelmäßig zu Konfusionen in der Übersetzung führt (Bd. 12, S. 829)
- Demgemäß ist wirklich, was «mit den materialen Bedingungen der Erfahrung … zusammenhängt». «Empfindung» bzw. der (den «Analogien der Erfahrung» entsprechend geregelte) Zusammenhang mit Wahrnehmung ist daher «der einzige Charakter der Wirklichkeit» Kant KrV A 225f./B 272f. (vgl. HWPh Bd. 12, S. 831)
- Fichte zeigt: Primäres Kennzeichen, «Charakter der Wirklichkeit», ist das Selbstvergessen, Wirklichkeit daher nicht außerhalb aller Subjektivität, sondern nur eine bestimmte Modalität ihrer selbst. (vgl. HWPh Bd. 12, S. 833)
- Dieser so verstandenen Wirklichkeit als (Selbst-)Manifestation bzw. -offenbarung ordnet Hegel neben den kantischen Relationskategorien in allerdings unterschiedlicher Weise auch die Modalitätsbestimmungen («die eigentliche Wirklichkeit») zu. Innerhalb dieser wiederholt sich der Gegensatz von Innerem und Äußerem noch einmal, so daß «Möglichkeit» und «Zufälligkeit» als «Momente der Wirklichkeit» begreifbar werden: Jene als das «nur Innere der Wirklichkeit», diese als «die nur äußere Wirklichkeit». Aus ihrem wechselseitigen «Sichübersetzen» ineinander resultiert «die Notwendigkeit», d.h. die «entwickelte Wirklichkeit», als deren vollständige Explikation dann die Relationskategorie Wechselwirkung gelten darf. ( HWPh Bd. 12, S. 834)
- Seit der 2. Hälfte des 19. Jh. wird der Begriff Wirklichkeit mit der allgemeinen Abkehr vom Idealismus verschiedentlich zum Schlagwort für positivistische und materialistische Strömungen. Bezeichnenderweise hat die Reaktion gegen eine solche «Wirklichkeit-Philosophie» (E. DÜHRING) gerade das eingeleitet, was bis heute als «Auszug aus der Wirklichkeit» diagnostiziert wird. Auslöser ist die mit der «Rückkehr zu Kant» eingeleitete Wende zur Erkenntnistheorie, und zwar zunächst unter sinnesphysiologischen Bedingungen: «Welt der Empfindung» und «Welt der Wirklichkeit» treten auseinander, diese ist nur noch aus jener erschließbar (H. HELMHOLTZ), wird nicht durch den Menschen abgebildet, sondern mit Hilfe von «Fiktionen» verfälscht (H. VAIHINGER), ist bestenfalls «Inbegriff der notwendigen, durch Sinneszwang gegebenen Erscheinungen», also «Produkt der Organisation der Gattung» (F. A. LANGE). F. NIETZSCHE feiert diesen Verlust einer an-sich-seienden Wirklichkeit als Ausdruck der spontan-schöpferischen Leistung des Menschen: Zwischen Wirklichkeiten kann «gewählt» werden! Das hat zwei Konsequenzen: Ist die grob materialistische Identifikation des «Realen» mit dem «Wirklichen» als bloßem «Stoff» hinfällig geworden, dann wird auch (erstens) der Realismus einer ‚eigentlichen Wirklichkeit problematisch: «Es giebt für uns keine ‚Wirklichkeit», insofern in aller (vermeintlichen) ‚Wirklichkeit immer schon verborgene «Schätzungen der Dinge» wirksam sind. Das eröffnet (zweitens) die Möglichkeit zur «Kritik der ‚Wirklichkeit‘», die vor allem einen Betrug durchschaut: die «’wirkliche Wirklichkeit’». (vgl. HWPh Bd. 12, S. 837-838)
- RICKERT ist es auch, der das Wertproblem für die Methodenlehre der Einzelwissenschaften fruchtbar macht. Weil «Begriff und Wirklichkeit» zu trennen sind, jener daher weder «Abbild» noch «Beschreibung» von der Wirklichkeit sein kann, ist das Problem der Wirklichkeit aus dieser Sicht das ihrer Irrationalität, und zwar aufgrund ihrer totalen Kontinuität wie Heterogenität gleichermaßen: «Alles fließt», aber «alles ist» auch «anders», Wirklichkeit daher «stetige Andersartigkeit», ein «heterogenes Kontinuum». «Macht über das Wirkliche» bekommen Wissenschaft und Begriff daher nur durch Prozeduren seiner Umformung und Vereinfachung, die an seiner «Unübersehbarkeit» und «Unerschöpflichkeit» indessen nichts zu ändern vermögen. (vgl. HWPh Bd. 12, S. 839-840)
- Eine großangelegte Modalanalyse der Wirklichkeit findet sich jedoch erst bei N. HARTMANN. Im System der Ontologie ist dabei von vornherein einer Verwechslung von Dasein (im Unterschied zu Sosein), Realität (im Unterschied zu Idealität) und Wirklichkeit (im Gegensatz zu Möglichkeit und Notwendigkeit) durch die Unterscheidung von Seinsweisen, Seinsmomenten und den Seinsmodi vorgebeugt. Die Bedeutungsschwankungen des Begriffs Wirklichkeit werden dabei zum Indiz für die sie kennzeichnende Unfaßbarkeit bzw. Irrationalität: Nicht als Mitte zwischen Möglichkeit und Notwendigkeit, sondern in ausgesprochener «Gegensatzstellung» zu beiden zeichnet sich Wirklichkeit in allen vier von Hartmann unterschiedenen Sphären des (irrealen, d.h. logischen, idealen und gnoseologischen und des realen) Seins durch «Relationslosigkeit und Abgelöstheit» aus: «wirklich» ist, was «rein in sich selbst», «rein ‚durch Nichts» ist, «’Sein schlechthin, das nicht weiter reduzierbar ist». Deswegen ist Wirklichkeit (bedingt auch die Unwirklichkeit) der einzige streng «’reine Seinsmodus», während es sich bei den übrigen Modalkategorien um «basierte», «relationale Modi» handelt, die von sich selbst her, ihrem eigenen «Sinn» nach an Wirkliches zurückgebunden sind («modales Grundgesetz»). Dementsprechend gilt etwa: «Wenn A notwendig ist, so ist es ‚auf Grund von etwas notwendig … Wenn A möglich ist, so ist es ‚vermöge gewisser Bedingungen möglich». (vgl. HWPh Bd. 12, S. 843-844)
- Im Zuge einer um sich greifenden «Pathologisierung des Politischen» kann der «Wirklichkeitsverlust» spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs jedoch auch zur zeitdiagnostischen Kategorie avancieren. Hintergrund für diese Diskussion sind vor allem die sich ausbreitende «Medienwirklichkeit» sowie die Herausbildung eines eigenständigen Typs der virtuellen Realität. Jenseits der Frage, ob es sich dabei um ein «Verschwinden» (leibhaft erfahrener) Wirklichkeit oder bloß um deren ‚Verschwindeln‘ handelt, ermöglicht diese Entwicklung den pluralen Gebrauch von Wirklichkeit: Fortan sind es «Wirklichkeiten, in denen wir leben», «sub-universes», «multiple realities», eine Vielfalt von geschlossenen «Sinnbereichen», denen der Mensch jeweils einen «Wirklichkeitsakzent» verleihen kann. Mit diesem ‚Verlust der Einen Wirklichkeit, also einer Wirklichkeit in der «absoluten Bedeutung» des Wortes, zeigt sich Wirklichkeit als «gesellschaftliche Konstruktion», als Wirklichkeit in «Anführungsstrichen». Das ist (auch) philosophiekritisch gemeint und öffnet so das thematische Feld vor allem der Soziologie. Ob erfunden, konstruiert oder gar «phantomisiert»: Wirklichkeit ist klärungsbedürftig geworden, vor allem aber labil, kostbar und bedarf angesichts einer weitgehend durchfiktionalisierten Welt gerade nicht mehr der Überwindung im Schein, sondern muß überhaupt erst (wieder) erfahrbar werden. (vgl. HWPh Bd. 12, S. 845)
wirklich: 1767 (20,6) Ergebnisse
EPh
Realität: ca. 499 (15,6) Ergebnisse
Stichwort „Realität/Wirklichkeit“, Autor: Pirmin Stekeler-Weithofer (2010)
- Mit den Begriffen ›Realität‹ und ›Wirklichkeit‹ bzw. den zugehörigen Bewertungsprädikaten ›real‹ und ›wirklich‹ verweisen wir auf das, was in der Welt Aussagen wahr machen bzw. was unseren Nennungen einen Bezug geben kann oder soll. Dies geschieht zumeist auf zwei verschiedene Weisen. Zunächst steht dabei das Wirkliche (bzw. Reale) dem bloß Möglichen gegenüber (2221u-b).
- Andererseits stehen sich in der Philosophie traditionell Realität und Wirklichkeit auch terminologisch gegenüber. Aufgrund einer komplexen Sprachtradition ist diese Entgegensetzung aber diffus und oft konfus, und zwar weil die Realität als das Reich der Einzelphänomene unserer mehr oder minder unmittelbaren Einzelerfahrung im Volksmund das je gegenwärtig Aktuale ist. ›Wirklichkeit‹ aber ist die dt. Übersetzung des lat. Wortes actualitas. Das lat. Wort wiederum verweist auf das griech. energeia, das bei Aristoteles die Verwirklichung einer zunächst bloß möglichen Form ausdrückt, also die Aktualisierung eines Typus in einem Naturgeschehen oder einer generischen Handlung im tätigen Handeln. Bei Hegel ist die Wirklichkeit, in gewisser Entwicklung dieses Gedankens, allgemeine Erklärung der bloßen Realität der Einzelerscheinungen. Wirklichkeit gehört daher zur Wesenslogik vernünftiger und als solcher immer schon allgemeiner Darstellung und Erklärung des realiter erfahrenen Einzelnen. Wirklichkeit geht damit über die bloße Wahrnehmung einer präsentischen und empirischen Realität weit hinaus, und wird als solche durch unsere allgemeinen Theorien ›beschrieben‹, in denen wir die wahrnehmbaren Phänomene auf angemessene, vernünftige, Weise erklären. Wirklichkeit ist damit – wie dann durchaus auch in der Entgegensetzung bloßer Phänomene der Ökonomie und ökonomischer Wirklichkeit bei Marx – die vernünftig begriffene und erklärte Realität. Als solche wird Wirklichkeit einer Realität gegenübergestellt, die als solche nur oberflächlich beschrieben bzw. statistisch aufgezählt wird (2221b).
- Realität ist bei Hegel also Titelwort für ein phänomenales Da- Sein oder Aktual- Sein, sozusagen für die unmittelbar erlebte Wirklichkeit; › Wirklichkeit ‹ dagegen ist reflexionslogischer Titel für eine vernünftige Erklärung von Realität, so dass wir, was wirklich wahr ist, dem emphatisch gegenüberstellen, was bloß wahr zu sein scheint, so und so erscheint oder bloß kontingenter Weise, im empirisch Einzelnen, als bloße Realität aufscheint (2225)
- Neuere Debatten zum Realismus unterscheiden nicht zwischen Realität und Wirklichkeit. Sie gehen eben deshalb an Heideggers Fundamentalkritik am Sinn der Frage nach der Existenz der Außenwelt bzw. der objektiven Wirklichkeit vorbei und ignorieren Hegels Zweifel am Sinn einer bloß vermeintlich philosophisch ernst zu nehmenden Skepsis. Die Fragen nach der Denkabhängigkeit der Realität gehen kaum tiefer als der ›methodische‹ Zweifel bei Descartes. Analoges gilt für die Rede über die kausale Abhängigkeit mentaler ›Vorkommnisse‹ von der Umwelt: Unanalysiert bleibt hier, dass alles Geistige, qua Urteil, kategorial in die Sphäre der Handlungen und damit gerade nicht in die der ›natürlichen‹ Ereignisse gehört. Die Frage nach der Existenz von Gegenständen spaltet sich ohnehin immer in die interne Frage nach dem theorie- oder textinternen Bereich von (Existenz-)Quantoren und dem Bezug auf die erfahrbare Realität. So können wir textintern darüber sprechen, dass etwa Sherlock Holmes Dr. Watson zum Freund hat. Das ist freilich keine Tatsache in der empirisch erfahrbaren Realität (2227).
real: 465 (14,5)
Wirklichkeit: 969 (30,2) Ergebnisse
Stichwort „Realität/Wirklichkeit“, Autor: Pirmin Stekeler-Weithofer, s. Realität
wirklich: 557 (17,4) Ergebnisse
MLPh
Realität: ca. 138 (19,6) Ergebnisse, kein Stichwort.
real: 116 (16,5) Ergebnisse
Wirklichkeit: 338 (47,9) Ergebnisse, kein Stichwort.
wirklich: 126 (17,9) Ergebnisse
Auswertungen Philosophie
Tab. Normierte Häufigkeit der Wörter
Lexem | HWPh | MLPh | EPh |
Realität | 17,8 | 19,6 | 15,6 |
real | 17,8 | 16,5 | 14,5 |
Wirklichkeit | 34,6 | 47,9 | 30,2 |
wirklich | 20,6 | 17,9 | 17,4 |
Die Wörter Realität real und wirklich kommen in allen Lexika mit mittlerer Häufigkeit vor, das Wort Wirklichkeit tritt häufig auf. Erstaunlich ist, dass die Häufigkeitsverteilungen in allen drei Lexika etwa gleich sind. Im Unterschied zur Alltagssprache wird das Wort „Wirklichkeit“ mit Abstand am häufigsten verwendet, etwa doppelt so häufig wie „Realität“.
Die Analysen der philosophischen Quellen haben ebenfalls einen hohen Grad der Übereinstimmung der Bedeutungen der Wörter „Realität“ und „Wirklichkeit“ ergeben. Während in der englischen und den romanischen Sprachen keine unterschiedlichen Termini der gleichen Art vorhanden sind, gibt es in der deutschsprachigen philosophischen Literatur auch einige Aspekte dieser Termini, die differenziert werden können.
Aussagen zu Bedeutungen der Begriffe
Für Kant ist die Realität eine Kategorie der Qualität und nicht der Modalität. … «Sachheit» und «Dingheit» können als äquivalente Termini angesehen werden. Doch Kant ist auch derjenige, der durch ergänzende adjektivische Bestimmungen (objektive Realität, empirische Realität, subjektive Realität usw.) Ausgangspunkt für die heute vorherrschende Bedeutung ist: Real im prägnanten Sinn des Terminus Realität ist das, was in sich selbst steht, was autonom, unabhängig von subjektiven Bedingungen und vom Erkenntnisprozeß ist, mit einem Wort das, was dem erkennenden Subjekt äußerlich ist. Nimmt man Realität in der gewöhnlichen Bedeutung, so ist durch den Begriff ausgezeichnet, was Widerstand leistet, was sich aufdrängt, was auf permanente und geregelte Weise verharrt, und dadurch auch das, worauf man sich innerhalb definierter Grenzen verlassen kann. In diesem Sinne steht Realität im Gegensatz zu Erscheinung (HWPh, Bd. 8, S. 189).
Spätestens seit der zweiten Hälfte des 17. Jh. meint ‚wirklich‘ umgangssprachlich vor allem ‚tatsächlich bestehend, und zwar regelmäßig im engeren Sinne handgreiflicher (körperlicher) Vorhandenheit, kann aber darüber hinaus auch die Bedeutung von wahr(haftig), eigentlich (wesenhaft), berechtigt oder echt annehmen (HWPh, Bd. 12, S. 829).
Fichte zeigt: Primäres Kennzeichen, «Charakter der Wirklichkeit», ist das Selbstvergessen, Wirklichkeit daher nicht außerhalb aller Subjektivität, sondern nur eine bestimmte Modalität ihrer selbst. (vgl. HWPh Bd. 12, S. 833)
Aussagen zur übereinstimmenden Bedeutung von Realität und Wirklichkeit
„Ähnlich wie das häufig synonym gebrauchte Realität läßt sich Wirklichkeit auch universal verstehen und bezeichnet dann die Totalität dessen, was ‚wirklich ist‘“ (Ritter et al. 2007, Bd. 12, S. 829). Damit ist allerdings keine konsistente Erklärung erfolgt, da „Wirklichkeit“ mit „was wirklich ist“ beschrieben wird.
Neuere Debatten zum Realismus unterscheiden nicht zwischen Realität und Wirklichkeit (Stekeler-Weithofer 2010, 2227).
Aussagen zu unterschiedlichen Momenten der Begriffe
Zwischen Realität und Wirklichkeit jedoch differenzieren zu können, bildet eine Eigentümlichkeit des Deutschen, die weder im Englischen noch in den romanischen Sprachen ein vergleichbares Gegenstück hat und daher regelmäßig zu Konfusionen in der Übersetzung führt (HWPh Bd. 12, S. 829).
Andererseits stehen sich in der Philosophie traditionell Realität und Wirklichkeit auch terminologisch gegenüber. Aufgrund einer komplexen Sprachtradition ist diese Entgegensetzung aber diffus und oft konfus, und zwar weil die Realität als das Reich der Einzelphänomene unserer mehr oder minder unmittelbaren Einzelerfahrung im Volksmund das je gegenwärtig Aktuale ist. ›Wirklichkeit‹ aber ist die dt. Übersetzung des lat. Wortes actualitas. Das lat. Wort wiederum verweist auf das griech. energeia, das bei Aristoteles die Verwirklichung einer zunächst bloß möglichen Form ausdrückt, also die Aktualisierung eines Typus in einem Naturgeschehen oder einer generischen Handlung im tätigen Handeln (Stekeler-Weithofer 2010, S. 2221b).
Es gibt die adjektivische Bestimmung „objektive Realität“, die von Kant mitgeprägt wurden und darauf hinweisen sollen, dass Realität „in sich selbst steht, autonom und unabhängig von subjektiven Bedingungen und vom Erkenntnisprozess … und dem erkennenden Subjekt äußerlich ist“ (Ritter et al. 2007, Bd. 8, S. 189). Von „objektiver Wirklichkeit“ wird sehr selten gesprochen, im HWPh gibt es nur 12 Verwendungen dieser Wortverbindung.
Realität steht für das, „was Widerstand leistet, was sich aufdrängt, was auf permanente und geregelte Weise verharrt, und dadurch auch das, worauf man sich innerhalb definierter Grenzen verlassen kann“ (Ritter et al. 2007, Bd. 8, S. 189). Solche Aussagen werden für den Terminus „Wirklichkeit“ in der Regel nicht getroffen.
Es gibt Beziehungen zwischen den Termini „Realität“ und „Idealität“, die in dieser Form nicht für den Terminus „Wirklichkeit“ zutreffen. So lässt sich eine Relation zwischen der idealen Realität eines Verfassungsgesetzes und der weltlichen Realität eines Staates beschreiben.
Hegel weist dem Terminus Wirklichkeit auch einen modalen Charakter zu, «Möglichkeit» und «Zufälligkeit» sind als «Momente der Wirklichkeit» begreifbar (vgl. Ritter et al. 2007, Bd. 12, S. 834).
In Analyse der Auffassungen von Hegel beschreibt Stekeler-Weithofer einen ontologischen Unterschied von Realität und Wirklichkeit: „Wirklichkeit geht damit über die bloße Wahrnehmung einer präsentischen und empirischen Realität weit hinaus, und wird als solche durch unsere allgemeinen Theorien ›beschrieben‹, in denen wir die wahrnehmbaren Phänomene auf angemessene, vernünftige, Weise erklären. Wirklichkeit ist damit – wie dann durchaus auch in der Entgegensetzung bloßer Phänomene der Ökonomie und ökonomischer Wirklichkeit bei Marx – die vernünftig begriffene und erklärte Realität. Als solche wird Wirklichkeit einer Realität gegenübergestellt, die als solche nur oberflächlich beschrieben bzw. statistisch aufgezählt wird“ (Stekeler-Weithofer 2010, S. 2221b). Wirklichkeit wäre in dieser Auffassung eine Reflexion der Realität.
Im Unterschied zum Terminus „Realität“ wird „Wirklichkeit“ häufig mit subjektiven Faktoren wie Erfahrungen und Empfindungen in Verbindung gebracht. Nach Fichte ist „Wirklichkeit daher nicht außerhalb aller Subjektivität, sondern nur eine bestimmte Modalität ihrer selbst.“ (vgl. Ritter et al. 2007, Bd. 12, S. 833)
Probleme, die mit den Begriffen verbunden sind
Im Rahmen der Quantenmechanik wird über die physikalische Realität von Elementarteilchen als nichtbeobachtbaren Objekten diskutiert.
Ungeklärt ist auch die Frage, inwieweit Psychisches als real bezeichnet werden kann. „Ein allgemein verbindliches Abgrenzungskriterium des Psychischen von anderen ‚Gegenständlichkeiten‘ (‚materielle, ‚geistig-ideale) ist bis heute nicht gefunden“ (Ritter et al. 2007, Bd. 8, S. 201).
Beginnend in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird der Unterschied zwischen der Wirklichkeit als solcher und ihrer Reflexion durch den Menschen thematisiert. Nietzsche feiert diesen Verlust einer an-sich-seienden Wirklichkeit als Ausdruck der spontan-schöpferischen Leistung des Menschen: Zwischen Wirklichkeiten kann «gewählt» werden. «Es giebt für uns keine ‚Wirklichkeit», insofern in aller (vermeintlichen) ‚Wirklichkeit immer schon verborgene «Schätzungen der Dinge» wirksam sind. Das eröffnet (zweitens) die Möglichkeit zur «Kritik der ‚Wirklichkeit‘», die vor allem einen Betrug durchschaut: die «’wirkliche Wirklichkeit’» (vgl. Ritter et al. 2007, Bd. 12, S. 837-838). Dieser Aspekt von „Wirklichkeit“ hat in heutiger Zeit durch die sich ausbreitende «Medienwirklichkeit» sowie die Herausbildung eines eigenständigen Typs der virtuellen Realität an Bedeutung gewonnen (vgl. Ritter et al. 2007, Bd. 12, S. 845). Die Kluft zwischen der wahrgenommenen und der tatsächlichen Wirklichkeit ist eines der Hauptprobleme im gesellschaftlichen Leben und insbesondere in den politischen Debatten der heutigen Zeit.
Auswertungen und Vorschläge zur Verwendung der Begriffe
Die Analysen in Wörterbüchern zur Alltagssprache und in philosophischen Lexika haben gezeigt, dass es in beiden Bereichen keine klaren und differenzierenden sowie intersubjektiven Bestimmungen der Begriffe Realität und Wirklichkeit gibt.
Übereinstimmend scheint aber im Alltag und der Wissenschaft die Feststellung zu sein, dass mentale Zustände und Vorgänge nicht zum Umfang der Begriffe Realität und Wirklichkeit gehören. Zu ihren mentalen Entäußerungen gibt es aber wenig Bemerkungen in der Literatur. So stellt etwa Stekeler-Weithofer fest: „So können wir textintern darüber sprechen, dass etwa Sherlock Holmes Dr. Watson zum Freund hat. Das ist freilich keine Tatsache in der empirisch erfahrbaren Realität“ (Stekeler-Weithofer 2010, S. 2227). Stekeler-Weithofer bezeichnet das entäußerte Mentale in den Romanen von Arthur Conan Doyle mit der Kunstfigur Sherlock Holmes als „textintern“. Die Romane sind aber durchaus eine empirisch erfahrbare Realität.
Die Begriffe „Realität“ und „real“ werden verwendet, wenn es um naturwissenschaftliche Objekte geht, wie zum Beispiel physikalische oder biologische Körper, chemische Stoffe oder Wettererscheinungen. Zu Realität gehören auch solche physikalischen Objekte wie mechanische Kräfte oder magnetische Felder, die nur über ihre Wirkungen wahrnehmbar sind. Dabei steht Realität nicht nur für das, „was auf permanente und geregelte Weise verharrt“, auch Blitz und Donner gehören zu Realität.
Eine besondere Rolle nehmen Bestandteile von Theorien ein, mit denen reale Erscheinungen modelliert werden können. Dazu zählen etwa mathematische Begriffsbildungen wie Zahlen, Funktionen oder geometrische Figuren und physikalische Begriffe wie Elementarteilchen oder Atommodell. Zum Beispiel sind Punkt oder Würfel in der Geometrie Objekte, die nur im Denken existieren, mit denen aber ein realer Punkt und ein realer Würfel modelliert werden können. Auch die physikalischen Begriffe Elementarteilchen oder Atommodell sind Modelle, mit denen mikrophysikalische Zustände modelliert werden können. Als entäußertes Mentales werden Modelle durch geeignete verbale oder formalisierte Beschreibungen angegeben.
Die Begriffe „Wirklichkeit“ und „wirklich“ haben einen modalen Charakter, sie können in Bezug auf die Begriffe „Möglichkeit“ und „möglich“ verwendet werden. Diese Bezüge ergeben sich als Folge einer Vorgangsbetrachtung des Existierenden. Alles Existierende, insbesondere auch das Nichtmentale ist Ergebnis von Vorgängen, die unter bestimmten Bedingungen ablaufen. Diese Vorgänge haben unterschiedliche mögliche Ergebnisse, die mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit eintreten können und damit wirklich werden. Dies betrifft auch die verzerrenden Darstellungen der „Wirklichkeit“ im Bereich des entäußerten Mentalen.
Als eine Methode zur Analyse begrifflicher Bedeutungen soll untersucht werden, was nicht zum Umfang der Begriffe gehört, also was nicht der Realität entspricht bzw. in der Wirklichkeit nicht gibt. Dazu werden zunächst zwei Aussagen betrachtet, die mit den in diesem Buch entwickelten Begrifflichkeiten analysiert werden:
(1) Die Darstellungen des Autors in dem Buch entsprechen nicht der Realität in der DDR.
(2) Den Weihnachtsmann gibt es in Wirklichkeit nicht.
In beiden Fällen handelt es sich um entäußertes Mentales, bei (1) sind es die Darstellungen des Autors in dem Buch und bei (2) der Weihnachtsmann als mythische Symbolfigur.
Das Existierende im Fall (1) ist als Ergebnis zweier Vorgänge entstanden, die Entwicklung von Gedanken über die Realität in der DDR beim Autor und der Vorgang der Formulierung dieser Gedanken in dem Buch. Auf beide Vorgänge haben eine Vielzahl von Faktoren Einfluss, wie die Kenntnisse, die verwendeten empirischen Ergebnisse, die eigenen Erfahrungen, weltanschaulichen und politischen Ansichten des Autors sowie seine Vorstellungen zum Verkaufserfolg des Buches. Diese und andere Faktoren bestimmen die Wahrscheinlichkeit der Ausprägung des Merkmals „Realitätsnähe der Darlegungen“. Mit der Aussage (1) wird die Realitätsnähe als sehr gering eingeschätzt. Es handelt sich um ein Problem des Wahrheitsgehaltes gewonnener Erkenntnisse zu einem vergangenen Existierenden, das als Mentales zu rekonstruieren ist. Dabei muss aber beachtet werden, dass zwar wesentliche Momente des Existierenden, also der Realität in der DDR, vergangen sind, aber zum einen ein neues Existierendes entstanden ist, dass nur auf der Basis des vergangenen zu erklären ist, und zum anderen bestimmte Momente des vergangenen erhalten geblieben sind, wie etwa Einstellungen und Verhaltensweisen zu zwischenmenschlichen Beziehungen. Bei der Bewertung des entäußerten Mentalen als Rekonstruktion der Realität müssen die Faktoren seiner Entstehung berücksichtigt werden. Mit weiteren Darstellungen zu dem Thema vergehen die Darstellungen des Autors im Laufe der Zeit.
Im zweiten Fall ist das Existierende zum einen der Mythos „Weihnachtsmann“. Er geht unter anderem auf die europäischen Legenden zum heiligen Nikolaus zurück und wurde letztlich durch die Spielzeugindustrie aus dem thüringischen Sonneberg und einen Grafiker der Coca-Cola-Company zu seiner heutigen Form entwickelt. Die Aussage beinhaltet die evidente Feststellung, dass es ein Existierendes mit den bekannten Eigenschaften der Symbolfigur aufgrund der nicht realisierbaren Menge aller Eigenschaften nicht geben kann. Es gibt lediglich Personen, die sich in entsprechender Weise als Weihnachtsmann verkleiden können, sodass die Aussage „Da kommt der Weihnachtsmann“ zutreffend sein kann, wenn nicht die Betonung auf „der“ gelegt wird. Eine Betrachtung der Entstehung des entäußerten Mentalen und auch Überlegungen zu seinem Vergehen sind in diesem Fall nicht erforderlich, zumal von einem Vergehen auf absehbare Zeit nicht auszugehen ist.
Es handelt sich in beiden Fällen um prototypische Beispiele. Im ersten Fall geht es um den Wahrheitsgehalt von Aussagen zu Zuständen und Vorgängen in der aktuellen oder vergangenen Realität in Büchern oder Medien, um die Bewertung virtuelle Realität oder andere fiktionale Darstellungen. Im zweiten Fall handelt es sich um entäußertes Mentales fiktiver Art wie um anthropomorphe Figuren, Figuren in Zeichentrickfilmen, Märchenfiguren, Kunstfiguren in Romanen wie Sherlock Holmes und Dr. Watson sowie auch Fantasien und Utopien.
Ein Problem für die sprachliche und wissenschaftliche Reflexion dieser Bereiche des entäußerten Mentalen mit den Begriffen Realität bzw. Wirklichkeit ergibt sich daraus, dass diese Fälle ebenfalls als Bestandteile der Realität bzw. Wirklichkeit bezeichnet werden können. So gehört der Weihnachtsmann durchaus zur heutigen Wirklichkeit, obwohl es ihn in Wirklichkeit nicht gibt. Auch Falschdarstellungen in Medien sind Bestandteil der aktuellen Realität, obwohl sie nicht der Realität entsprechen. Die einander widersprechenden Aussagen sind durchaus beide von Bedeutung.
Um die zwei Bedeutung der beiden Wörter zu unterscheiden, könnte mit Zusätzen gearbeitet werden, wie im engeren, eigentlichen und im weiteren, allgemeinen Sinne. Dies ist aber eher unüblich, so dass ich keine Möglichkeit zur Lösung des Problems sehe.
Die Probleme betreffen auch den Begriff der Medienwirklichkeit. Damit wird die Darstellung der Wirklichkeit in den Medien bezeichnet. Die Darstellungen sind entäußertes Mentales, in diesem Fall mentale Objekte in den Köpfen der Redakteure der Sendungen. Auf die Entstehung dieser mentalen Objekte und auch die Entäußerung haben die gleichen Faktoren Einfluss, die bereits oben im Beispiel (1) beschrieben wurden. Von Wissenschaftlern, die sich mit den Problemen beschäftigen wird der Begriff „Wirklichkeit“ in Anbetracht des Medieneinflusses in folgender Weise erklärt: „Wirklichkeit ist in einer von Massenmedien geprägten Gesellschaft also zunehmend das, was wir unter Mediengebrauch als Wirklichkeit konstruieren, dann daran glauben und entsprechend handeln und kommunizieren“ (Berger et al. 2021, S. 18). Hier wird der Begriff Wirklichkeit nicht für ein nichtmentales Objekt oder ein entäußertes Mentales verwendet, sondern für das mentale System der Reflexionen eines Menschen über die aktuelle Wirklichkeit, in der er sich befindet, also für die individuellen Vorstellungen und Kenntnisse des jeweiligen Menschen zur Wirklichkeit. In dieser Bedeutung des Begriffs kann man dann davon sprechen, dass die Medienwirklichkeit zu einem „Wirklichkeitsverlust“ bei großen Teilen der Bevölkerung führt. Auch in diesem Fall ist neben der Analyse und Kritik des entäußerten Mentalen, also der Medienwirklichkeit, auch die wissenschaftliche Analyse des Vorgangs der Entstehung des betreffenden Mentalen bei den für die Darstellungen verantwortlichen Menschen von Bedeutung. Interessante Einblicke in diesen Vorgang vermittelt das Buch von Alexander Teske „inside Tagesschau“ (Teske 2025).
Der Terminus „objektive Realität“ wird im HWPh in folgender Weise erklärt: „Heute bezeichnet objektive Realität die Wirklichkeit der Dinge, insofern sie unabhängig von unserem Denken existieren“ HWPh, (Bd. 8, S. 193). Es bleibt bei dieser Erklärung offen, ob für den Autor ein Unterschied zwischen den Begriffen Realität und Wirklichkeit besteht und es auch nicht klar, was Unabhängigkeit vom Denken bedeutet. Da das entäußerte Mentale mit Sicherheit abhängig vom Denken der betreffenden Menschen ist, wird es durch die Erklärung aus dem Begriff der objektiven Realität ausgeschlossen. Damit entfallen aus diesem Begriff ganze Bereiche wie Kunst und Kultur, Formgestaltung und letztlich wissenschaftliche Publikationen. Der Sinn einer solchen Reduktion wird nicht klar.
Insgesamt kann generell festgestellt werden, dass die Wörter „Realität“, „real“, „Wirklichkeit“ und „wirklich“ nach den aufgestellten Kriterien (s. „Zu den Wortanalysen und Auswahlkriterien“) als philosophische Begriffe geeignet sind.
Literaturverzeichnis
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Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (Hg.): DWDS. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. Das Wortauskunftssystem zur deutschen Sprache in Geschichte und Gegenwart. Online verfügbar unter https://www.dwds.de/, zuletzt geprüft am 02.04.2025.
Kunkel, Melanie (Hg.) (2023): Duden Deutsches Universalwörterbuch. 10., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Herausgegeben von der Dudenredaktion. Bibliographisches Institut. 10., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Berlin: Dudenverlag.
Müller, Wolfgang; Ebner, Jakob (2022): Das Gegenwort-Wörterbuch. Ein Kontrastwörterbuch mit Gebrauchshinweisen. 2., neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Berlin: DE GRUYTER.
Prechtl, Peter; Burkard, Franz-Peter (Hg.) (2008): Metzler Lexikon Philosophie. Begriffe und Definitionen. 3., erw. und aktualisierte Aufl. Stuttgart: Metzler.
Ritter, Joachim; Gründer, Karlfried; Gabriel, Gottfried (Hg.) (2007): Historisches Wörterbuch der Philosophie. 13 Bände. Basel: Schwabe.
Sandkühler, Hans Jörg; Borchers, Dagmar; Regenbogen, Arnim; Schürmann, Volker; Stekeler-Weithofer, Pirmin (Hg.) (2010): Enzyklopädie Philosophie. In drei Bänden mit einer CD-ROM. 3 Bände. Hamburg: Meiner.
Stekeler-Weithofer, Pirmin (2010): Realität/Wirklichkeit. In: Hans Jörg Sandkühler, Dagmar Borchers, Arnim Regenbogen, Volker Schürmann und Pirmin Stekeler-Weithofer (Hg.): Enzyklopädie Philosophie. In drei Bänden mit einer CD-ROM. 3 Bände. Hamburg: Meiner, S. 2221u-2230b.
Teske, Alexander (2025): inside Tagesschau. Zwischen Nachrichten und Meinungsmache. München: LMV.