Hans-Dieter Sill, 22.03.2025

Analysen zu „Veränderung“ und „verändern“

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Inhalt

Vorbemerkungen

Bedeutungen und Verwendungen der Wörter „verändern“  und „Veränderung“

Die Wörter in der Alltagssprache

Literaturanalysen

Auswertungen Alltagssprache

Die Wörter in der Philosophie

Literaturanalysen

Auswertung Philosophie

Veränderung als philosophischer Begriff

Veränderung im allgemeinen Sinne

Veränderung in Zeitabschnitten

Literaturverzeichnis

Vorbemerkungen

Das Lexem „Veränderung“ ist ein wichtiger Bestandteil von Betrachtungen zum dynamischen Charakter des Existierenden.

Zu Ermittlung der Bedeutungen im Alltag wird das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache (www.dwds.de/) verwendet (DWDS).

Um einen Eindruck von der Häufigkeit der Verwendung der Lexeme im Alltag zu bekommen wird für die Jahre 2016-2020 die Häufigkeit pro 1 Million Token (normierte Häufigkeit) im DWDS- Zeitungskorpus angegeben. Weiterhin werden Kollokationen mit anderen Lexemen angeben. Als Assoziationsmaß wird logDice verwendet. Es werden Kollokationen mit den höchsten logDice-Werten und ihre Häufigkeiten (in Klammern) genannt.

Weiterhin wird das Deutsche Universalwörterbuch (Kunkel 2023) (DUW) herangezogen.

Um die Bedeutungen der Wörter in der Philosophie zu analysieren, werden die folgenden Nachschlagewerke verwendet.

  • Ritter u. a. (2007): Historisches Wörterbuch der Philosophie (HWPh)
  • Prechtl und Burkard (2008): Metzler Lexikon Philosophie (MLPh)
  • Sandkühler (2010): Enzyklopädie Philosophie (EPh)

Es werden folgende theologische Wörterbücher verwendet, um die Bedeutungen der Wörter in der Theologie zu ermitteln.

  • Kasper (1993-2001): Lexikon für Theologie und Kirche (LTK)
  • Betz u. a. (2007): Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft, (RGG4)

Bedeutungen und Verwendungen der Wörter „verändern“  und „Veränderung“

Die Wörter in der Alltagssprache

Literaturanalysen

DWDS:

verändern

Frequenz: 69,9

Kollokationen: kaum (7.9, 10501), seitdem (7.7, 2572), seither (7.7, 2353), Aussehen (7.5, 1004), Digitalisierung (7.4, 1076), wenig (7.3, 3801)

Bedeutungen

  1. in eine andere, von der bisherigen verschiedene Form, Beschaffenheit, Zusammensetzung, Ordnung bringen, etw. umgestalten, umwandeln

Beispiele:

  • die Rohstoffe werden im Arbeitsprozess verändert
  • die bestehenden Verhältnisse verändern
  • die Entdeckungen Einsteins haben unser Weltbild grundlegend verändert
  • während er uns zuhörte, veränderte er seine Miene nicht ein einziges Mal
  • ohne seinen Standort und seine Haltung zu verändern, begrüßte er seine Gäste
  • er spürte, diese Nachricht würde sein ganzes Leben verändern
  • wir passten uns der veränderten Lage an
  • eine neue, wenig veränderte Auflage des Buches
  • die verändernde Kraft der Gezeiten, des Wetters
  • es kömmt drauf an, sie [die Welt] zu verändern [ Marx-Engels, Dt. Ideologie, 595]

⟨sich verändern⟩ anders werden, sich umwandeln

Beispiele:

  • während meiner Abwesenheit hat sich der Ort kaum verändert
  • er hat sich in all den Jahren sehr (zu seinem Nachteil, Vorteil) verändert
  • äußerlich hat er sich nur wenig verändert (= sieht er noch genauso aus wie früher)
  1. umgangssprachlich ⟨sich verändern⟩ eine andere Arbeitsanstellung annehmen

Beispiel: sie sagte, sie wolle sich verändern

Veränderung

Frequenz: 45,1

Kollokationen: baulich (9.7, 5017), strukturell (9.4, 4500), tiefgreifend (9.2, 3311), personell (9.1, 3832), einschneidend (9.0, 2750), grundlegend (8.8, 3586), gesellschaftlich (8.5, 4892)

Bedeutungen

  1. entsprechend der Bedeutung von verändern (1)

Beispiele:

  • gesellschaftliche, gravierende Veränderungen
  • stoffliche, qualitative Veränderungen
  • eine Genehmigung für bauliche Veränderungen
  • an dem Entwurf mussten noch einige grundlegende Veränderungen vorgenommen werden
  • wir hatten keine Veränderung an, in seinem Äußeren wahrgenommen
  1. umgangssprachlich entsprechend der Bedeutung von verändern (2)

Beispiel: Friseurin, mit allen Arbeiten vertraut, sucht für sofort Veränderung

DUW

verändern 〈sw. V.; hat〉: 1. (im Wesen od. in der Erscheinung) anders machen, ändern (1 a), umgestalten: sie will die Welt v.; dieses Erlebnis hat ihn, sein Leben [von Grund auf] verändert; der Bart verändert ihn stark (gibt ihm ein anderes Aussehen). 2. 〈v.+ sich〉 (im Wesen od. in der Erscheinung) anders werden, sich ändern (2): seine Miene veränderte sich schlagartig; bei uns hat sich kaum etwas verändert; sich zu seinem Vorteil, Nachteil v.; wir müssen der veränderten Lage Rechnung tragen; du hast dich aber verändert!; krankhaft verändertes Gewebe. 3. 〈v.+ sich〉 seine berufliche Stellung wechseln: er will sich [beruflich] v.

Veränderung, die; -, -en: 1. das Verändern (1): an etw. eine V. vornehmen; jede bauliche V., jede V. des Textes muss vorher genehmigt werden. 2. das Sichverändern, das Anderswerden: in ihr geht eine V. vor. 3. Ergebnis einer Veränderung (1, 2): es waren keine -en festzustellen; bei uns ist eine V. eingetreten (in unseren Verhältnissen hat sich etw. verändert). 4. (selten) das Sichverändern; Wechsel der beruflichen Stellung

Auswertungen Alltagssprache

Nach dem DWDS wird das Wort „verändern“ mit einer Frequenz von 69,9 häufig und das Wort „Veränderung“ mit einer Frequenz von 45,1 oft verwendet.

Die angegebenen Bedeutungen zu den Wörtern stimmen in allen drei ausgewerteten Quellen im Wesentlichen überein, wie die folgende Übersicht zeigt:

Bedeutungen zu „verändern“

  • in eine andere, von der bisherigen verschiedene Form, Beschaffenheit, Zusammensetzung, Ordnung bringen, etw. umgestalten, umwandeln; ⟨sich verändern⟩ anders werden, sich umwandeln (DWDS)
  • (im Wesen od. in der Erscheinung) anders machen, ändern, umgestalten; im Wesen od. in der Erscheinung) anders werden, sich ändern (DUW)
  • eine andere Arbeitsanstellung annehmen (DWDS, DUW)

Bedeutungen zu Veränderung

  • entsprechend der Bedeutung A von verändern (DWDS)
  • das Verändern, das Sichverändern, das Anderswerden (DUW)
  • Ergebnis einer Veränderung (DUW)
  • umgangssprachlich: Wechsel der beruflichen Stellung (DWDS, DUW)

Es ist erkennbar, dass beide Wörter allgemeinverständlich sind und im Wesentlichen nur eine Bedeutung haben. Die umgangssprachliche Bedeutung des Wechsels der beruflichen Stellung kann als Spezialfall der Hauptbedeutung A angesehen werden.

Bei den angegebenen Erklärungen der Bedeutungen wird oft auf denselben Wortstamm oder sogar auf das gleiche Wort Bezug genommen, sodass es sich um begriffliche Zirkel handelt. Zur Erklärung werden oft Wörter verwendet, die eine ähnliche Bedeutung haben, wie „umgestalten“, „umwandeln“ oder „anders machen“.

Veränderung bezeichnet nach dem DUW sowohl einen Vorgang als auch das Ergebnis eines Vorgangs. Das ist im jeweiligen Kontext durchaus verständlich.

Im DWDS wird anzugeben, was sich ändert: die Form, Beschaffenheit, Zusammensetzung, Ordnung, Art und im DUW werden Wesen und Erscheinung genannt.

Signifikanten Kollokationen zu „verändern“ sind: kaum, seitdem, seither, Aussehen, Digitalisierung, wenig und „Veränderung“: baulich, strukturell, tiefgreifend, personell, einschneidend, grundlegend, gesellschaftlich. Sie beziehen sich alle auf die Bedeutungen A und B.

Die in den Wörterbüchern angegebene Beispiele für „verändern“ und „Veränderung“ betreffen alle Veränderungen in der Realität, die sich in einer bestimmten Zeit vollzogen, vollziehen oder vollziehen werden, wie z. B.:

  • bauliche Veränderungen
  • seine Miene veränderte sich schlagartig
  • krankhaft verändertes Gewebe
  • die Entdeckungen Einsteins haben unser Weltbild grundlegend verändert
  • die verändernde Kraft der Gezeiten, des Wetters
  • die bestehenden Verhältnisse verändern

Die Wörter in der Philosophie

Literaturanalysen

HWPh

verändern

128 (1,5) Ergebnisse. Kein Stichwort

  • Fortpflanzung bedeutet im Bereiche der Biologie die Entstehung neuer Individuen. Da sich bei allen Organismen viele physiologische Vorgänge im Laufe des Lebens irreversibel verändern und schließlich zum Altern und zum Tode führen, können die Arten sich nur erhalten, wenn sie sich fortpflanzen. Fortpflanzung ist daher eines der wesentlichen Kennzeichen des Lebens. ( 2, S. 1031)
  • Die Hegelsche ‹Logik› erklärt Veränderung zum konstitutiven Merkmal von bestimmtem Sein (Dasein). Insofern dieses endlich ist, «liegt es im Begriff des Daseyns sich zu verändern, und die Veränderung ist nur die Manifestation dessen, was das Daseyn an sich ist» ( 12, S. 315)

Veränderung

1249 (14,6) Ergebnisse, Stichwort: „Wandel, Veränderung“, Autoren:  Johannes Zachhuber, Michael Weichenhan

  • Unter ‹Wandel› oder ‹Veränderung› versteht man den kontinuierlichen Vorgang, der zwei verschiedene Zustände eines und desselben Gegenstandes zu zwei verschiedenen Zeitpunkten verbindet. Die Zustände werden oft in Form kontradiktorischer Prädikate angegeben: Der Gegenstand x, der in t1 die Eigenschaft A,in t2 die Eigenschaft nicht-A gehabt hat, hat sich demnach von A zu nicht-A verändert. Ein Hauptproblem der Begriffsgeschichte ist das genaue Verhältnis von Kontinuität und Diskontinuität: Wie kann gedacht werden, daß sich an einem mit sich identischen Subjekt (x) Veränderung vollzieht, ohne daß entweder die Veränderung oder die Identität für unwirklich erklärt oder wiederum beide auf verschiedene Subjekte verteilt werden? ( 12, S. 310-311)

MLPh

verändern

19 (2,7) Ergebnisse, kein Stichwort

  • Der Schaulustige hält die sichtbaren Dinge für die wahren Dinge, obwohl sie in ständiger Veränderung sind, also mal schön sind, mal nicht schön sind, mal groß sind, mal nicht groß sind usw., d.h. sich in ständiger Zwischenstellung zwischen Sein und Nichtsein befinden, sei es, weil sie sich verändern (werden), sei es, weil sie in verschiedenen Beziehungen stehen (S. 121).
  • Als eine Art praktischer Vernunft zielt Klugheit nicht auf das Allgemeine und Unveränderliche – wie die wissenschaftliche Erkenntnis oder die philosophische Weisheit –, sondern auf das je Besondere einer Situation, sie zielt auf das, was handelnd veränderbar ist und was es zweckgerichtet handelnd zu verändern gilt (S. 293).

Veränderung

115 (16,3) Ergebnisse, kein Stichwort

  • Das Begriffspaar Akt/Potenz gibt die aristotelische Unterscheidung von Wirklichkeit/Vermögen wieder: Akt bezeichnet das Bestehen eines Sachverhalts (Holz brennt), jedoch nicht so, wie man sagt, er bestehe dem Vermögen nach (Holz brennt i.S.v. ist brennbar), sondern insofern er gegenwärtig besteht (Dieses Holz brennt gerade). – Jede Veränderung lässt sich auffassen als Überführung von der Potenz in den Akt: Erz als solches vermag eine Statue zu sein und wird durch den Künstler in eine wirkliche Statue überführt (S. 8)
  • Aristoteles wendet die Kategorie der Bewegung – neben der Beschreibung von Ortsveränderung – auf Vorgänge des Werdens, des Wachstums und der Veränderung an. (S. 75)
  • Entwicklung, Prozess der Veränderung von Seiendem in der Aufeinanderfolge von verschiedenen Formen und Stadien. (S. 140)
  • Fortschritt, durch menschliches Handeln bewirkte Veränderung vom Unvollkommenen zum Vollkommeneren. Fortschritt ist seit der Aufklärung ein Grundbegriff der Geschichtsphilosophie. Im wissenschaftlich-technischen Sinn meint Fortschritt die Zunahme von Wissen und technischer Beherrschung der Natur; im moralisch-politischen Sinn die Vervollkommnung der sittlichen Anlagen des Menschen und die Erlangung seiner politischen Freiheit in einer neuen Gesellschaftsordnung. (S. 186)
  • Identität. (1) In Aussagen über die Wirklichkeit erscheint eine Form des Identitätsprinzips, die die ontologische These beinhaltet, dass alles Seiende eine gewisse Konstanz des Seins hat. Eine gewisse Konstanz der Dinge, die wir unserer Erfahrung entnehmen, ist die Voraussetzung für jegliches Wissen, das bei einer völlig regellosen, chaotischen und dauernden Veränderung nicht möglich wäre. (S. 257)

EPh

verändern

83 (2,6) Ergebnisse

  • Der Erwerb von Kenntnissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten und die Erarbeitung von Einstellungen, die wir mit dem Lernen verbinden, ist an Prozesse gebunden, in denen Individuen oder gesellschaftliche Gruppen aufgrund vorgängiger Erfahrungen ihr Verhalten, ihr Wissen, ihre Meinung (Glaube, Überzeugung, Wertung) oder ihre Techniken (z.B. Kompetenzen für bestimmte Tätigkeiten, Strategien zur Lösung von Problemen) verändern oder erweitern (S. 1407bu).
  • Im Machen, Erzeugen, Verändern ›beweist‹ die Praxis nicht durch sinnliche Erfahrung eines Sachverhaltes, sondern durch materiell veränderndes Einschreiten in der Wirklichkeit (S. 2140b).

Veränderung

392 (12,2) Ergebnisse, kein Stichwort

  • Entwicklung ist eine prozesshafte, qualitative Veränderung in der Natur, der Gesellschaft und dem Bewusstsein über Natur und Gesellschaft. Das zeitlich bedingte Entwickeln von etwas Bestimmten und Neuem ist dabei immer auch das Vergehen von etwas Anderem. In der Entwicklung kommt es zu einem Fortschreiten verschiedener Zustände in der Art, dass der frühere Zustand zu einer Vorstufe des nächsten wird. Die in sich widersprüchlichen Aspekte von Entwicklung können dann je nach der zeitlichen Dynamik der Veränderungen als Fortschritt (›Progression‹), Rückschritt (›Regression‹) oder Stillstand (›Stagnation‹) unterschieden werden. Ein wichtiger Informationsaspekt, an dem Entwicklung gemessen werden kann, ist die Unterscheidung von ›alt‹ und ›neu‹. Qualitative Sprünge (z.B. ›Mutationen‹, ›Revolutionen‹), Gerichtetheit und Komplexität sind weitere Merkmale von Entwicklungsprozessen. Ein Wesensmerkmal jeder Art von Entwicklung in Natur und Gesellschaft ist eine besondere Gerichtetheit, die den Veränderungen Dynamik und Prozesscharakter verleiht. Verfall, Degeneration, Erneuerung, Höherentwicklung und Fortschritt sind besondere Aspekte dieser Gerichtetheit. (539u, b)
  • ›Fortschritt‹ ist ein in der Alltagssprache, in Wissenschaften und in der Philosophie verwendeter Begriff zur Bezeichnung einer im Vergleich mit Vorausgegangenem oder Bestehendem positiv oder negativ bewerteten Entwicklung und Veränderung. (730 bu)
  • Als Prozess kann in der heutigen Allgemeinsprache jeder Vorgang bezeichnet werden, in dem sich irgendeine Veränderung ereignet. In diesem verallgemeinerten Sinn ist heute in allen Wissenschaften, die irgendeine Dynamik zum Gegenstand haben, von Prozessen die Rede.

LTK

Stichwort „Veränderung“, Autor: Hans-Dieter Mutschler

Unter Veränderung wird der Prozeß verstanden, bei dem sich eine Entität wandelt, indem sie in anderer Hinsicht mit sich selbst identisch bleibt (Bd. 10, S. 597).

RGG4

Kein Stichwort

Auswertung Philosophie

Tab.: Normierte Häufigkeiten

Lexem

HWPh

EPh

MLPh

verändern

1,5

2,6

2,7

Veränderung

14,6

12,2

16,3

Das Lexem „verändern“ kommt in den Lexika selten (EPh, MLPh) bzw. sehr selten (HWPh) vor. Das Lexem „Veränderung“ tritt in allen Lexika mit einer mittleren Häufigkeit auf. Dies spricht für eine geringe Rolle dynamischer Betrachtungen.

Es gibt nur im HWPh ein Stichwort zum Begriff „Veränderung“, das folgende Erklärung enthält:

„Unter ‹Wandel› oder ‹Veränderung› versteht man den kontinuierlichen Vorgang, der zwei verschiedene Zustände eines und desselben Gegenstandes zu zwei verschiedenen Zeitpunkten verbindet. Die Zustände werden oft in Form kontradiktorischer Prädikate angegeben: Der Gegenstand x, der in t1 die Eigenschaft A,in t2 die Eigenschaft nicht-A gehabt hat, hat sich demnach von A zu nicht-A verändert“ (Zachhuber und Weichenhan 2007, S. 310).

Veränderung wird damit auf die Begriffe „Vorgang“ und „Zustand“ zurückgeführt und mit den Eigenschaften des Gegenstandes verbunden. Es gibt allerdings weder im HWPh noch in den anderen Lexika das Stichwort „Vorgang“. Weiterhin wird nicht erklärt, was ein kontinuierlicher Vorgang ist und was es bedeutet, dass ein Vorgang zwei Zustände verbindet. Es ist eine wesentliche Einschränkung, dass die beiden unterschiedlichen Zustände kontradiktorischer Prädikate enthalten sollen. Nur in seltenen Fällen führt eine Veränderung zum kontradiktorischen Gegenteil eines Zustandes. Die Erklärung schränkt weiterhin der Begriff auf Veränderungen in der Zeit ein.

Im LTK wird der Begriff Veränderung mit „Wandel“ erklärt, das im Lexikon nicht als Stichwort vorkommt. Im RGG4 gibt es kein Stichwort Veränderung.

Als eine weitere Erklärung wird im MLPh formuliert. „Jede Veränderung lässt sich auffassen als Überführung von der Potenz in den Akt“ (MLPh, S. 8).  Dies geht auf die aristotelische Unterscheidung von Wirklichkeit/Vermögen bzw. Möglichkeit und Wirklichkeit zurück. Die Formulierung wäre zutreffend, wenn Veränderung als ein Vorgang angesehen wird, der verschiedene mögliche Ergebnisse haben kann, von denen dann eines wirklich wird. Als Beispiel wird das Vermögen von Holz zu brennen angeführt. Wenn man als Vorgang das Anzünden von Holz betrachtet, gibt es zwei Möglichkeiten, entweder das Holz fängt Feuer und brennt oder nicht. Wenn es kein Feuer fängt, weil es vielleicht noch zu feucht ist, findet allerdings die Überführung der Potenz in den Akt nicht statt.

Das Wort Veränderung wird ansonsten in Erklärungen von Begriffen verwendet, mit denen der dynamische Charakter eines Existierenden beschrieben werden kann, z. B.:

  • Entwicklung ist der Prozess der Veränderung von Seiendem in der Aufeinanderfolge von verschiedenen Formen und Stadien. (MLPh, S. 140)
  • Entwicklung ist eine prozesshafte, qualitative Veränderung in der Natur, der Gesellschaft und dem Bewusstsein über Natur und Gesellschaft. Das zeitlich bedingte Entwickeln von etwas Bestimmten und Neuem ist dabei immer auch das Vergehen von etwas Anderem. In der Entwicklung kommt es zu einem Fortschreiten verschiedener Zustände in der Art, dass der frühere Zustand zu einer Vorstufe des nächsten wird (EPh, S. 539u, b).
  • Fortschritt ist durch menschliches Handeln bewirkte Veränderung vom Unvollkommenen zum Vollkommeneren. (MLPh, S. 186)
  • ›Fortschritt‹ ist ein in der Alltagssprache, in Wissenschaften und in der Philosophie verwendeter Begriff zur Bezeichnung einer im Vergleich mit Vorausgegangenem oder Bestehendem positiv oder negativ bewerteten Entwicklung und Veränderung (EPh S. 730 bu).
  • Als Prozess kann in der heutigen Allgemeinsprache jeder Vorgang bezeichnet werden, in dem sich irgendeine Veränderung ereignet (EPh, S. 2163bu).

In den Zitaten werden die Begriffe Entwicklung, Fortschritt und Prozess auf den Begriff der Veränderung zurückgeführt. Dies zeigt, dass der Begriff „Veränderung“ ein zentrales Moment dynamischer Betrachtungen ist und als philosophischer Begriff erklärt werden sollte. Dies wird unterstrichen durch folgende Ausführung zur Hegelschen Logik im HWPh : „Die Hegelsche ‹Logik› erklärt Veränderung zum konstitutiven Merkmal von bestimmtem Sein (Dasein)“ (HWPh, Bd. 12, S. 315)

Als Objekte der Veränderung werden in den Zitaten angegeben:

  • physiologische Vorgänge in Organismen,
  • sichtbare Dinge, die mal schön sind, mal nicht schön sind, mal groß sind, mal nicht groß sind,
  • das, was handelnd veränderbar ist und was es zweckgerichtet handelnd zu verändern gilt,
  • Verhalten, Wissen, Meinung, Techniken (z.B. Kompetenzen für bestimmte Tätigkeiten, Strategien zur Lösung von Problemen) von Personen.

Alle Beispiele betreffen wiederum Veränderungen, die sich in der Zeit vollziehen.

Alle Begriffsanalysen zeigen, dass die Wörter „Veränderung“ und „verändern“ in einem engen semantischen Zusammenhang stehen. Mit der Explikation des einen Wortes ist zugleich auch das andere expliziert. Zu beachten ist allerdings, dass „verändern“ eine dynamische Betrachtung beinhaltet, während „Veränderung“ sowohl einen Vorgang als auch sein Ergebnis bezeichnet.

Anstelle von „Veränderung“ wird im Alltag und in Wissenschaften auch das Wort „Änderung“ verwendet. Beide Wörter können nach dem DWDS und DUW als synonym angesehen werden. Sie werden nach dem DWDS etwa gleich oft verwendet.

Das Wort „ändern“ ist in seiner Bedeutung „anders werden“ synonym zu „verändern“ (DWDS). Es hat jedoch weitere Bedeutungen, wie etwa „ändern von Kleidung“. Dies lässt die Schlussfolgerung zu, dass eher von „verändern“ gesprochen werden sollte.

Veränderung als philosophischer Begriff

Veränderung im allgemeinen Sinne

Als philosophischer Terminus kann „Veränderung bzw. verändern eines Objektes“ durch folgendes formales Moment allgemein erklärt werden, das auf den axiomatisch festgelegten Begriffen Merkmal und Merkmalsausprägung (Eigenschaft) basiert:

Die Veränderung eines Objektes in Bezug auf ein Merkmal bedeutet, dass das Merkmal zwei verschiedene Ausprägungen angenommen hat.

Mit dieser Erklärung wird der Begriff „Veränderung“ nicht mithilfe von Begriffen mit gleichen oder ähnlichen Bedeutungen wie „ändern“, „umgestalten“, „umwandeln“, „anders machen“, „Wechsel“ oder „Wandel“ bestimmt, sondern auf die Verschiedenheit von Merkmalsausprägungen zurückgeführt.

Der allgemeine Begriff „Veränderung eines Objektes“ hat weiterhin noch folgende nichtformale Momente:

  • Die Verschiedenheit von Merkmalsausprägungen kann nicht allgemein erklärt werden, sondern ist im konkreten Fall zu bestimmen. Handelt es sich um quantitative Ausprägungen wie Zahlen oder Größen, ergibt sich die Verschiedenheit unmittelbar. Bei qualitativen Ausprägungen wie „gut“ oder „schön“ ist die Unterschiedlichkeit ein zu diskutierendes Problem.
  • Die Veränderung von Objekten kann mit der vorgenommenen Erklärung immer nur in Bezug auf eines seiner Merkmale ausgesagt werden. Aussagen wie: „Sie (die beiden Personen) sind total verschieden.“ sind recht sinnlos, wenn nicht genauer gesagt wird, worauf sich die Verschiedenheit bezieht.
  • Da ein Merkmal nicht gleichzeitig zwei Ausprägungen annehmen kann, wird der dynamische Charakter des Begriffs der Veränderung dadurch zum Ausdruck gebracht, dass das Merkmal verschiedene Ausprägungen angenommen hat. Dabei kann es sich um eine zeitliche Reihenfolge der Annahme der beiden Ausprägungen handeln, aber auch eine Aufeinanderfolge unabhängig von der Zeit.
  • Ein Objekt, z. B. Personen, gesellschaftliche Verhältnisse oder das Wetter, können sich in Bezug auf mehrere Merkmale ändern.
  • Wenn das Objekt mehrere Merkmale besitzt, kann sich das Objekt in Bezug auf ein Merkmal verändern und auf andere nicht.
  • Ein Grenzfall von Veränderungen sind minimale Veränderungen. Dazu gehören etwa Veränderungen in der unbelebten Natur wie z. B. bei Gesteinen, Möbeln oder Gebäuden. In einem Realmodell mit diesen Objekten kann von den minimalen Veränderungen abgesehen werden.
  • Bei Veränderung, die sich nicht in der Zeit vollziehen, geht es meist um Veränderungen auf einer theoretischen Ebene. So sind etwa mathematische Funktionen Modelle für reale Zusammenhänge. Bei einer Funktion kann untersucht werden, wie sich der Funktionswert ändert, wenn sich der Wert der unabhängigen Variable ändert. Es sei x die unabhängige Variable, dann bedeutet eine Veränderung von x in Bezug auf das Merkmal „Wert der Variablen“, dass die Variable zwei verschiedene Werte angenommen hat. Handelt es sich um eine Funktion über der Menge der reellen Zahlen, so kann der Unterschied der beiden Werte beliebig klein sein.

Veränderung in Zeitabschnitten 

Veränderungen an realen Objekten vollziehen sich in der Zeit. Der allgemeine Begriff der Veränderung kann auch speziell für Veränderungen in Zeitabschnitten erklärt werden. Der entsprechende Terminus hat folgendes formales Moment:

Ein Objekt verändert sich in einem bestimmten Zeitabschnitt in Bezug auf eines seiner Merkmale, wenn es in dem Zeitabschnitt zwei Zeitpunkte gibt, an denen die Merkmalsausprägungen verschieden sind.

Der philosophische Begriff „Veränderung eines Objektes in einem Zeitabschnitt“ (kurz: „zeitliche Veränderung“) hat neben den nichtformalen Momenten des allgemeinen Begriffs der Veränderung noch folgende weitere nichtformale Momente:

  • Neben der Betrachtung eines Merkmals ist bei zeitlichen Veränderungen auch die Angabe eines Zeitabschnitts erforderlich.
  • Ein Zeitabschnitt (Zeitintervall) hat ein Anfangspunkt und ein Endpunkt.
  • Eine Veränderung kann diskret oder stetig erfolgen. Bei einer diskreten Veränderung, zum Beispiel der Anzahl der Kinder in einer Familie, gibt es nur endlich viele, einzelne Ausprägungen des Merkmals. Bei einer stetigen Veränderung, zum Beispiel der Größe eines Menschen gemessen mit einer stetigen Skala, gibt es zwischen zwei verschiedenen Merkmalsausprägungen immer noch mindestens eine weitere.

Nichtveränderung

Der Gegenbegriff zu Veränderung ist Nichtveränderung und zu verändern nicht verändern. Die formalen Momente der Begriffsexplikationen können analog erfolgen.

Nichtveränderung im allgemeinen Sinne

Die Nichtveränderung eines Objektes in Bezug auf ein Merkmal bedeutet, dass das Merkmal keine zwei verschiedenen Ausprägungen angenommen hat.

Beispiele für Nichtveränderungen im allgemeinen Sinne sind die Naturgesetze, die grundlegenden Begriffe und Sätze in der Mathematik des 20. Jahrhunderts oder die konstante Funktion in der Mathematik.

Nichtveränderung in Zeitabschnitten 

Ein Objekt verändert sich in einem bestimmten Zeitabschnitt in Bezug auf eines seiner Merkmale nicht, wenn es in dem Zeitabschnitt keine zwei Zeitpunkte gibt, an denen die Merkmalsausprägungen verschieden sind.

Ein Beispiel für eine zeitliche Nichtveränderung in der Physik ist das Modell des „stationären Prozesses“ in der Thermodynamik, bei dem die Zustandsgrößen unabhängig von der Zeit sind.

Zu den formalen Momenten der Nichtveränderung gehören:

  • Bei Angaben zur Nichtveränderung müssen immer auch das Objekt und das betreffende Merkmal angegeben werden.
  • Die Nichtveränderung ist ein Modell für minimale Veränderungen.
  • Bei der Formulierung physikalischer Zusammenhänge wird oft ein Realmodell verwendet, in dem angenommen wird, dass sich bestimmte Größen nicht ändern.

Richtung einer Veränderung

Für bestimmte Arten von Merkmalsausprägungen kann die Richtung der Veränderung erklärt werden. Dies ist möglich, wenn es in der Menge der Merkmalsausprägungen eine kleiner-Beziehung gibt. Eine kleiner-Beziehung (Symbol: <) in der Menge der Merkmalsausprägungen liegt vor, wenn für beliebige Merkmalsausprägungen x, y, z folgendes gilt:

  • Wenn x < y und y < z, dann gilt x < z.
  • Es gilt stets x < y oder y < x.

Analog kann auch eine größer-Beziehung erklärt werden. Eine kleiner-Beziehung liegt vor, wenn die Merkmalsausprägungen mit einer ordinalen oder metrischen Skala gemessen werden können, z. B.:

  • die Platzierung in einem Wettkampf,
  • die Qualität als ordinale Eigenschaft,
  • die Körpergröße oder das Alter eines Menschen.

Kleiner- oder größer-Beziehungen werden auch Ordnungsrelationen genannt. Bei einer metrischen Skala handelt es sich um eine Beziehung zwischen Größenwerten, bei der die Wörter kleiner und größer im mathematischen Sinne verwendet werden können. Bei ordinalen Skalierungen sind auch andere Bezeichnungen möglich: die Qualität des Stoffes kann besser oder schlechter sein, das Aussehen kann attraktiv oder weniger attraktiv sein, die Musik kann ergreifend oder weniger ergreifend sein, ein Ereignis kann früher oder später eingetreten sein.

Die Veränderung eines Objektes in Bezug auf ein Merkmal hat eine Richtung, wenn es in der Menge der Merkmalsausprägungen eine kleiner-Beziehung gibt. Es seien x und y zwei verschiedene Merkmalsausprägungen und x sein vor y eingetreten. Die Richtung der Veränderung heißt positiv, wenn x < y ist, sie heißt negativ, wenn y < x.

Bei Merkmalen mit qualitativen Ausprägungen wie die Farbe, das Geschlecht oder der Beruf ist keine kleiner-Beziehung möglich.

Literaturverzeichnis

Betz, Hans Dieter; Browning, Don S.; Janowski, Bernd; Jüngel, Eberhard (Hg.) (2007): Religion in Geschichte und Gegenwart [RGG]. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. 4., völlig neu bearb. Aufl. 8 Bände. Tübingen: Mohr Siebeck.

Kasper, Walter (Hg.) (1993-2001): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK). begr. von Michael Buchberger. Hrsg. von Walter Kasper. 12 Bände. Freiburg: Herder.

Kunkel, Melanie (Hg.) (2023): Duden Deutsches Universalwörterbuch. 10., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Herausgegeben von der Dudenredaktion. Bibliographisches Institut. 10., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Berlin: Dudenverlag.

Prechtl, Peter; Burkard, Franz-Peter (Hg.) (2008): Metzler Lexikon Philosophie. Begriffe und Definitionen. 3., erw. und aktualisierte Aufl. Stuttgart: Metzler.

Ritter, Joachim; Gründer, Karlfried; Gabriel, Gottfried (Hg.) (2007): Historisches Wörterbuch der Philosophie. 13 Bände. Basel: Schwabe.

Sandkühler, Hans Jörg; Borchers, Dagmar; Regenbogen, Arnim; Schürmann, Volker; Stekeler-Weithofer, Pirmin (Hg.) (2010): Enzyklopädie Philosophie. In drei Bänden mit einer CD-ROM. Hamburg: Meiner.

Zachhuber, Johannes; Weichenhan, Michael (2007): Wandel; Veränderung. In: Joachim Ritter, Karlfried Gründer und Gottfried Gabriel (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 12. 13 Bände. Basel: Schwabe, S. 300–318.